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Panorama Beim Zugunglück kommen die meisten mit dem Schrecken davon
Nachrichten Panorama Beim Zugunglück kommen die meisten mit dem Schrecken davon
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07:48 18.06.2010
Das Unglück ereignete sich gegen 23.30 Uhr aus bislang ungeklärter Ursache kurz vor einer Brücke am Stadtrand von Peine. Quelle: Michael Thomas
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51 Reisende konnten den Unglückszug von Rheine nach Braunschweig, der mit einem entgleisten Güterzug zusammengestoßen war, unversehrt verlassen, in den Gärten befand sich zu nachtschlafender Zeit niemand. Mindestens ein Waggon eines Güterzuges war in einem Wohnviertel am Stadtrand von Peine entgleist. Wenige Augenblicke später kam der Regionalexpress und fuhr in den entgleisten Wagon hinein. Die Lokomotive sowie zwei Waggons sprangen aus den Schienen. Die Lok durchbrach eine Lärmschutzwand und kippte seitwärts in einen Garten.

„Das war erst ein lautes Gequietsche, dann hat es gekracht – so stark, dass das ganze Haus gewackelt hat, wie bei einem Erdbeben.“ Stefan Brandtner will gerade schlafen gehen, als das Unglück passiert. „Als ich aus dem Fenster sah, war es taghell“, berichtet der 26-Jährige. „Und dann habe ich den Zug bei uns im Garten gesehen.“

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Brandtner wohnt im Haus seiner Eltern, direkt an der Unglücksstelle. Vor dreißig Jahren hat sein Großvater das Mehrfamilienhaus gebaut. Es liegt in einer kleinen Siedlung am Stadtrand von Peine im Trakehnerring. Die Vorgärten in der Sackgasse sind gepflegt, einige Gärten haben einen Pool, die Rasenflächen sind frisch gemäht. Beete mit Sträuchern und Lebensbäumen grenzen die Grundstücke voneinander ab. An der Rückseite der Häuser, wo die Bewohner ihre Sitzecken und Kinderspielgeräte haben, verläuft die Bahnstrecke HannoverMagdeburg. Wegen der vielen Güterzüge eine der meistbefahrenen Strecken.

„Dann war erst mal alles ruhig“, berichtet der Gebäudereiniger Brandtner. Und es wird wieder stockdunkel, die Helligkeit kam durch Blitze, die sich aus der abgerissenen Oberleitung gelöst hatten. „Da draußen liegt ein Zug“, hat er seinen Eltern zugerufen. In der Stille sind plötzlich Hilferufe aus Richtung der Lokomotive zu hören, erzählt er. „Ich bin dann mit meinem Vater raus, zur Lok“, berichtet er.

Mit einer Taschenlampe leuchten Stefan und Jürgen Brandtner in das Führerhaus der auf die Seite gekippten Lokomotive. „Mein Bein, mein Bein“, klagt der Lokomotivführer. Die beiden Männer sehen das blutüberströmte Gesicht des Mannes, können ihm aber nicht helfen, weil sie nicht in die Lok kommen. „Ich hab’ dann zu meinem Vater gesagt: ,Schnell weg hier.‘ Das hat in den Oberleitungen so komisch gezischt“, berichtet Stefan Brandtner. Den Lokführer kann die Feuerwehr kurze Zeit später aus der Lok befreien. Der 41-Jährige ist schwer verletzt, in der Medizinischen Hochschule Hannover ringen Ärzte um sein Leben.

Was passiert wäre, wenn der Zug am Tag in den Vorgarten gestürzt wäre, Stefans Vater Jürgen Brandtner mag es sich nicht ausmalen. „Gestern Nachmittag haben hier noch fünf Kinder gespielt.“ Die Lokomotive hat ein blaues Spielhaus teilweise eingedrückt, dahinter steht ein Gerüst mit zwei Schaukeln und Kletterstangen sowie ein Trampolin. Auf dem Rasen liegen Pflaster- und Schottersteine, die durch den Zusammenstoß und die entgleisenden Wagons und den Aufprall in die Luft gewirbelt wurden.

„Ich will da nicht darüber nachdenken, ich blende das aus“, sagt Nadine Brandtner. Die 30-Jährige ist Mutter von vier Kindern im Alter von acht Monaten bis zu neun Jahren. Die drei älteren – Nik, Tim und Leon – waren gestern den ganzen Nachmittag bei ihrem Bruder, der direkt nebenan wohnt, im Garten – natürlich auch in dem blauen Spielhaus. „Jetzt sind sie erst einmal in Sicherheit, beim meiner Schwägerin“, berichtet die zierliche Frau.

Auf Höhe des Grundstücks von Nadine Brandtner liegen die zwei entgleisten Doppelstockwagen. Im ersten Wagen, der fast vollständig auf die Seite gekippt ist, hat niemand gesessen. Die meisten der 15 leicht Verletzten saßen im zweiten Wagon, der auch entgleist und dann vom Bahndamm gerutscht ist.

Rene Brandtner, ein Bruder von Stefan, läuft sofort mit einem großen Hammer los. „Die Leute haben an den Fenstern gestanden und geschrieen und geschlagen“, berichtet der 24-Jährige. Die Türen lassen sich nicht öffnen. Rene Brandtner versucht zunächst, mit dem Vorschlaghammer eine Fensterscheibe einzuschlagen. „Aber das ging nicht.“ Schließlich gelingt es ihm, die Tür einen Spalt aufzuschieben, er kann den Hammer durchreichen, von innen können Fahrgäste schließlich eine Scheibe zertrümmern.

„Wir haben die dann alle hier durch den Garten gelasssen“, berichtet Nadine Brandtner. „Das lief ganz ruhig“, nur der Lokführer des Güterzuges habe einen verwirrten Eindruck gemacht. „Der ist mit seiner Tasche unter dem Arm immer hin- und hergelaufen“, erzählt sie. „Viele Leute im, Zug waren schon aufgestanden, die wollten am Bahnhof Peine aussteigen“, sagt die 30-Jährige. „Die meisten waren total durch den Wind. Aber uns ging es auch so.“

Im Nachheinein fällt Nadine Brandtner auf, dass die Geräusche von der Bahnstrecke hinter dem Garten in letzter Zeit „recht komisch“ gewesen seien. „Das war immer so ein Quietschen und Klappern.“ Womit das zusammenhängt, weiß sie nicht. „Vielleicht hat das mit der Weiche zu tun, die da ist“, meint sie.

Vor einigen Jahren hat die Bahn eine Lärmschutzwand gebaut. „Seitdem ist es für die Kinder sicherer, dachte ich, weil die nicht mehr an die Schienen rankommen.“ Ihr Mann bedränge sie immer wieder, dort wegzuziehen, nicht nur wegen des Lärms. „Aber das ist das Lebenswerk meines Vaters“, sagt sie. Bis jetzt sei ja auch noch nie etwas passiert. Nadine Brandtner weiß aber auch, dass ihr Mann sie nach dem Unglück drängen wird, einen Umzug zu überlegen, weit genug weg von einer Bahnstrecke. „Ich hänge aber an dem Haus – eigentlich müsste sich die Bahn Gedanken machen“, sagt sie.

Die Bahnstrecke soll voraussichtlich noch bis zum kommenden Dienstag gesperrt bleiben, da Teile der Oberleitung und des Gleisbetts repariert werden müssen.

Mathias Klein und Thomas Kröger

Chronik der Zugunglücke in Niedersachsen

Der Zusammenstoß der Züge in Peine ist dieses Jahr bereits der vierte schwere Bahnunfall in Niedersachsen. Bei den drei vorherigen Unfällen wurden insgesamt 16 Menschen verletzt. In den vergangenen 20 Jahren gab es in Niedersachsen zahlreiche schwere Unglücke. Der schwerste Zugunfall in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ereignete sich in Eschede (Kreis Celle). Am 3. Juni 1998 entgleiste der ICE Wilhelm-Conrad-Röntgen auf der Fahrt von Hamburg nach München. Mit Tempo 200 raste der Zug gegen eine Brücke. 101 Menschen starben, 88 wurden schwer verletzt. Unfallursache war ein gebrochener Radreifen.

Ein mit 31 Fahrgästen besetzter Transrapid stieß am 22. September 2006 auf der Testrecke im Emsland mit einen Werkstattwagen zusammen. 23 Menschen starben, zehn weitere wurden schwer verletzt. Bei einem Frontalzusammenstoß zwischen einem Güterzug und einem Regionalexpress gerieten

1997 in Hannover-Anderten mehrere mit Diesel beladene Kesselwagen in Brand. Es entstand Schaden in Höhe von rund 13 Millionen Mark, 15 Menschen wurden verletzt.

Ein Güterzug entgleiste im November 1992 bei Northeim. Ein D-Zug aus Innsbruck fuhr in den Güterzug hinein, zahlreiche Waggons stürzten von einer Brücke. Elf Menschen starben, 52 wurden verletzt.

alb

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