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Panorama Beratungslehrerin hilft Oldenburger Jugendlichen
Nachrichten Panorama Beratungslehrerin hilft Oldenburger Jugendlichen
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23:07 14.06.2010
Von Saskia Döhner
Der Beratungsbedarf steigt: Berufsschullehrerin Margit Ostern hört zu, wenn Jugendliche nicht mehr weiterwissen, Sozialarbeiter Michael Stöckel ist bei den Gesprächen oft dabei. Quelle: Marcus Daniel Kunzfeld
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„Ich habe mir eine Auszeit genommen“, sagt die 17-jährige Sarah (Name geändert). Zwei Jahre lang ist sie nicht in die Schule gegangen, sondern einfach zu Hause geblieben. „Ich hatte keine Lust mehr aufs Lernen und auch nicht auf meine Klasse“, begründet sie ihre „Auszeit“. „Wenn ich krank war und dann wiedergekommen bin, hat sich sowieso keiner gefreut. Von den anderen Schülern und vom Lehrer kamen nur blöde Sprüche, da bin ich irgendwann ganz weggeblieben.“ Der 21-jährige Paul (Name geändert) hat sich sogar doppelt so lange vor dem Schulbesuch gedrückt.

Im Oldenburger Bildungszentrum Technik und Gestaltung (BZTG) haben Sarah und Paul die Lust auf Schule wiedergefunden – auch dank ihrer Klassen- und Beratungslehrerin Margit Ostern. „Sie bekommt mit, wenn man nicht gut drauf ist, und fragt nach. Es ist toll, eine Lehrerin zu haben, die sich so reinhängt“, sagt Paul. Und Sarah ergänzt: „Wenn man nicht weiterweiß, zeigt sie einem Wege auf, wie es doch geht.“ Beide machen jetzt ihren Hauptschulabschluss, Paul fängt im Sommer eine Lehre als Maler- und Lackierer an, Sarah will sogar noch ihren Realschulabschluss absolvieren. Von Schulfrust ist keine Spur mehr.

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Ob Probleme in der Schule, Fragen zur beruflichen Zukunft, Stress mit den Eltern, sexueller Missbrauch, Zoff mit den Klassenkameraden oder Liebeskummer – Margit Ostern nimmt sich Zeit für ihre Schützlinge. Zeit, die sie eigentlich gar nicht hat. Zwei Jahre lang hat sie sich zur Beratungslehrerin ausbilden lassen. Drei Stunden in der Woche ist sie dafür von der 25-stündigen Unterrichtsverpflichtung freigestellt. Früher waren es einmal fünf. Die Landesregierung wollte eigentlich im Februar 2009 noch einmal eine Stunde abknapsen. Nach dem Amoklauf von Winnenden nahm sie allerdings von den Kürzungsplänen Abstand.

„In Wirklichkeit nimmt die Beratung wohl eher zehn Stunden in der Woche in Anspruch“, meint Ostern. Schließlich ist die Frau, die so gut zuhören kann, nicht nur in ihrer Sprechstunde, sondern auch in den Pausen und nach dem Unterricht ansprechbar.

Derzeit gibt es landesweit rund 1500 Beratungslehrer, rund 40 Prozent der Schulen sind damit abgedeckt. Nach Expertenmeinung sollte es für jeweils 500 Schüler einen Beratungslehrer geben. Der Verband der Beratungslehrer fordert seit Langem, die Zahl der Entlastungsstunden zu erhöhen und mehr Beratungslehrer von den Schulpsychologen ausbilden zu lassen.

Am Oldenburger BZTG mit seinen rund 3800 Schülern, allerdings davon nur 800 Vollzeitschüler, kümmern sich zwei Beratungslehrer um die Sorgen und Nöte der Jugendlichen. Die meisten absolvieren eine Ausbildung und sind nur ein bis Tage in der Woche an der Berufsschule.

Jeden Donnerstag in der 5. und 6. Stunde hat Ostern Sprechzeit. Die 51-Jährige will den Jugendlichen helfen, sich selbst zu helfen. So wie Philipp (Name geändert), der an diesem Nachmittag ein Vorstellungsgespräch bei einem Friseur hat und dem sie ein paar Tipps mit auf den Weg gibt. Manchmal kommt der Klassenlehrer mit zum Gespräch, oft ist auch Schulsozialarbeiter Michael Stöckel dabei. Nicht immer kann Ostern helfen („Ich bin keine Therapeutin“), aber sie kann die Schüler an die richtigen Personen weitervermitteln, zu Psychologen, Beratungsstellen, zur Arbeitsagentur oder anderen Institutionen. „Ohne Netzwerk geht es nicht“, sagt die Lehrerin.

Manche Jugendliche, die sie um Rat fragen, haben schon eine genaue Vorstellung von ihrer Zukunft. So wie die 15-jährige Hauptschülerin, die ihren Realschulabschluss machen will, um dann Dekorateurin zu werden. Andere wissen nicht so recht, was sie wollen. „Vielleicht irgendwas mit Kfz“, sagt der 17-jährige Jeside, der erst vor zwei Jahren aus dem Irak nach Deutschland gekommen ist. Er besucht derzeit noch eine Hauptschule. Ostern empfiehlt ihm, das Berufsvorbereitungsjahr am BZTG zu machen, damit er gleichzeitig noch besser Deutsch lernen und sich auf einen Beruf nach seinen Vorstellungen vorbereiten kann. Noch erschreckt ihn die große Berufsschule in der Stadt ein wenig. „Manchmal muss man neue Wege gehen“, sagt Ostern. Der Jugendliche nickt, wenn auch ein wenig traurig. Das hat er verstanden. Aber er wird bestimmt noch ein paarmal Osterns Rat suchen, bis er seinen Weg gefunden hat.

„Beratung ist freiwillig“, sagt Margit Ostern, selbst Mutter von zwei Töchtern (elf und 16 Jahre). Wenn ein Schüler sich gut beraten fühlt, schickt er auch seine Freunde. „Beratung lebt von Vertrauen“, fügt die Pädagogin hinzu. Immer häufiger kommen auch Lehrer selbst. „Früher dachten viele Lehrer, sie müssten alles alleine durchstehen, das ist heute anders“, sagt Schulleiter Wolfgang Meyer. Der Beratungsbedarf, auch bei den Schülern, werde weiter wachsen, ist er überzeugt, zumal auch die Ansprüche der Ausbildungsbetriebe stetig steigen. „Schullaufbahnberatung und individuelle Beratung werden eine große Rolle bei den vielfältigen Übergängen in Ausbildung und Beruf einnehmen.“

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