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Panorama Bergung von Toten in Haiti kommt nur langsam voran
Nachrichten Panorama Bergung von Toten in Haiti kommt nur langsam voran
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12:22 15.01.2010
Ein spanischer Bergungshelfer und der gerettete zwei Jahre alte Redjeson Hausteen Claude. Quelle: ap
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Nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti wächst unter den verzweifelten Überlebenden der Unmut über den schleppenden Anlauf der internationalen Hilfe. „Sie werden langsam wütender und ungeduldiger“, sagte der Sprecher der UN-Friedensmission, David Wimhurst. Wegen der begrenzten Kapazität des beschädigten Flughafens von Port-au-Prince und logistischer Probleme gestaltete sich die Verteilung von Hilfsgütern schwierig.

„Wir brauchen Essen. Die Menschen leiden“, sagte der 22-jährige Sylvain Angerlotte. „Wir haben kein Geld. Wir brauchen sauberes Wasser.“ Die Verteilung der Hilfsgüter kam aufgrund des schlechten Zustands der Straßen kaum voran. Mehrere Lagerhäuser des Welternährungsprogramms wurden geplündert, wie die UN-Organisation in Genf mitteilte.

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Die Bergung der schätzungsweise 50.000 Toten kommt ebenfalls nur langsam voran. Es sei jetzt eine der wichtigsten Aufgaben, die Leichen von den Straßen zu holen, sagte am Donnerstag der Bürgermeister von Port-au-Prince, Muscadin Jean Yves Jason. Es fehle aber an der nötigen Ausrüstung. Es wird befürchtet, dass die rasche Verwesung der Leichen bei Temperaturen von 27 Grad die Entstehung von Seuchen begünstigt.

Aushebung von Massengrab begonnen

Die Stadt begann am Donnerstag mit Vorbereitungen für ein Massengrab. Auf einem Friedhof bereiteten Baufahrzeuge die Aushebung vor. Auch brasilianische Soldaten der UN-Friedenstruppe in Haiti begannen, die Beisetzung von Erdbebenopfern in Massengräbern vorzubereiten. Vor der Leichenhalle des Zentralkrankenhauses von Port-au-Prince wurden mehrere hundert Tote zusammengetragen.

Der internationale Flughafen Toussaint L’Ouverture war zeitweise mit der Landung und Abfertigung der Maschinen überfordert. Zwei Dutzend Flugzeuge kreisten am Donnerstag stundenlang über dem Flughafen, viele von ihnen wurden schließlich in die Dominikanische Republik oder nach Florida umgeleitet. Die Aufgabe der Fluglotsen wurde von den US-Streitkräften übernommen, wegen fehlenden Radars mussten die Piloten auf Sicht landen. Wegen Platz- und Treibstoffmangels wurde der Flughafen acht Stunden lang für Zivilflugzeuge gesperrt.

Krankenhäuser kaum funktionsfähig

Am dringlichsten ist die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser. „Die Leute kämpfen schon fast ums Wasser“, sagte der Helfer Fevil Dubien, der in einem Viertel im Norden von Port-au-Prince von einem Lastwagen aus Wasser verteilte. Die Hilfsorganisation World Vision erklärte, vor dem zerstörten Allgemeinen Krankenhaus in der Innenstadt lagerten Patienten im Freien, viele davon mit zertrümmerten Gliedmaßen. Wegen Wasser-, Strom- und Arzneimangels seien die Kliniken nur sehr eingeschränkt funktionsfähig.

Unterdessen suchten Bergungsspezialisten und Überlebende in den Trümmern eingestürzter Gebäude weiter nach Verschütteten. Zu einer dramatischen Szene kam es in der Vorstadt Petionville, wo Nachbarn vergeblich versuchten, ein neunjähriges Mädchen aus den Trümmern eines Wohnhauses zu retten. Am Donnerstagabend war die kleine Harryssa Keem Clerge tot.

Paris und Washington planen Wiederaufbaukonferenz

Frankreich und die USA wollen eine internationale Konferenz zur Unterstützung der Erdbebenopfer und zum Wiederaufbau Haitis auf den Weg bringen. Dies vereinbarten der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy und US-Präsident Barack Obama am Donnerstagabend in einem Telefongespräch, wie der Elysée-Palast in Paris mitteilte. Auch Brasilien und Kanada sollten eng in die Organisation eingebunden werden.

Noch am Freitag wurden 800 US-Soldaten und ein US-Flugzeugträger zur Unterstützung des Hilfseinsatzes in Haiti erwartet. Mehr als 5.000 weitere US-Soldaten sollen bis Montag im Katastrophengebiet eintreffen.

UNO: 3,5 Millionen Menschen von Erdbeben in Haiti betroffen

Von dem Erdbeben in Haiti sind nach Angaben der Vereinten Nationen rund 3,5 Millionen Menschen betroffen. Allein die Hauptstadt Port-au-Prince hat 2,8 Millionen Einwohner, wie das UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) am Freitag in Genf mitteilte. Insgesamt lebten 3,5 Millionen Menschen in dem Gebiet, das von den „starken Erdstößen“ erschüttert wurde. In Port-au-Prince seien ersten Schätzungen zufolge zehn Prozent der Häuser zerstört worden, rund 300.000 Menschen hätten ihr Obdach verloren.

In manchen Gegenden seien sogar die Hälfte der Häuser eingestürzt oder schwer beschädigt, berichtete die UN-Mission in Haiti demnach nach einem Rundflug über das Erdbebengebiet. Neben Port-au-Prince habe es auch in Jacmel im Süden des Landes und in Carrefour, einem Vorort der Hauptstadt, schwere Schäden gegeben.

Die internationale Gemeinschaft sagte bislang rund 268,5 Millionen Dollar (186,3 Millionen Euro) an Hilfen für die Erdbebenopfer zu, wie OCHA-Sprecherin Elisabeth Byrs sagte. Zu den wichtigsten Gebern zählen demnach die Weltbank (100 Millionen Dollar), Großbritannien (zehn Millionen), Australien (9,3 Millionen), Brasilien (fünf Millionen), Kanada (4,8 Millionen), Spanien (4,37 Millionen) und die Europäische Union (4,37 Millionen Dollar). Deutschland hat 1,5 Millionen Euro Soforthilfe zugesagt.

ap / afp