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Panorama Berlin lockt mit der Fashion Week Modeinteressierte aus aller Welt
Nachrichten Panorama Berlin lockt mit der Fashion Week Modeinteressierte aus aller Welt
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20:29 06.07.2011
Bei der Fashion Week in Berlin wird einiges gezeigt, was die sprichwörtlichen Eigenheiten der Hauptstadt in einem anderen Licht erscheinen lässt. Quelle: dpa
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Berlin

Im Flughafen Tempelhof zeigen Designer auf der Messe Bread & Butter, welche Jeans, Turnschuhe und T-Shirts nächste Saison auf den Straßen zu sehen sein werden. Direkt am Brandenburger Tor hat Mercedes Benz für die Fashion Week ein Zelt hingesetzt und einen Laufsteg ausrollen lassen. Dass dafür wieder einmal die Hauptverkehrsachse Straße des 17. Juni dichtgemacht ist, verbucht der Senat offenbar unter „Standortvorteil Berlin“.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sieht in der Modebranche einen wichtigen Wachstumsmarkt für die darbende Hauptstadt. „Berlin ist stolz und dankbar“, posaunt Wowereit bei der Bread & Butter Eröffnungsparty auf dem Flughafenfeld, zu der fast 15.000 Gäste gekommen sind. Tatsächlich ist die Modewoche ein Spitzengeschäft – vor allem für Taxifahrer, Gastronomie und Hotels. 200.000 Besucher erwartet die Tourismusbranche – und die wenigsten fahren U-Bahn.

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Der gemeine Berliner schlägt sich während der Modewoche nicht nur mit abgesperrten Straßen, behaarten Männerbeinen in ultrakurzen Hosen und ausgebuchten Taxen herum, er bekommt auch selten auf die Schnelle einen Sitzplatz in den angesagten Lokalen. Dafür ist die Stadt dann endlich mal sexy und nicht ganz so arm.

Kritiker rümpfen dennoch die Nase: Im Vergleich mit Paris, Mailand oder New York habe die Stadt an der Spree in puncto Mode keine Chance. Worte, bei denen der Puls von Karl-Heinz Müller schneller schlägt. Er kann diese Kritik nicht nachvollziehen, sagt der Chef der Bread & Butter. Schließlich gebe es die Fashion Week in Berlin erst seit 2007. „Es ist illusorisch, dass alteingesessene Marken wie Chanel oder Hermès, die in Paris fest verwurzelt sind, sonstwo ihre Fashion Shows veranstalten. Die bleiben in ihrer Heimat. Auf der Fashion Week in Berlin wird in erster Linie deutsches Design gefördert.“ Müller hat gut reden, seine Messe ist nach zehn Jahren die weltweit größte für Streetwear. Während im Zelt am Brandenburger Tor noch immer die internationalen Topdesigner fehlen, sind in den Tempelhofer Hallen alle wichtigen Marken dabei – von Levi’s, G-Star, Adidas, Drykorn, Guess bis Marc O‘Polo.

Anfangs wurde Müller belächelt, inzwischen platzt seine Messe aus allen Nähten, Einkäufer treten sich die Füße platt. „Es ist so, als hätte man die ganze Welt an einem Ort versammelt“, sagt Diesel-Chef Renzo Rosso. Zahlen gibt Müller trotzdem nicht heraus. „Wir stehen sehr gut da. Die Kriegskasse ist gefüllt.“ Eine Expansion Richtung Asien oder USA plant er nicht. „Das wäre nicht mehr das Original.“ Auch eine Lizenz will Müller nicht an andere vergeben. „Ich bin nicht so geldgeil, dass ich das alles verdienen muss, was man da verdienen kann.“

Nicht zuletzt sieht sich der Messechef mit einem Zehnjahresvertrag für Tempelhof in der Tasche Berlin treu verbunden. Zur Eröffnung tritt er neben Wowereit im Bärenkostüm auf. „Ich bin der neue Knut“, sagt Müller. „Na, hoffentlich wirst du älter, mein Lieber“, pariert der Regierende mit dem ihm eigenen Humor. Berlin ist, wenn man trotzdem lacht. Auch, wenn der wohl bekannteste deutsche Designer Karl Lagerfeld eben jenen Humor in der Hauptstadt vermisst. „Berlin ist für mich eine Idee von Stummfilm und der jüdischen Kultur. Früher war Berlin mal eine tolle Stadt für die Mode, aber das war vor den Nazis. Und dann die ganzen Politiker, die machen doch alles langweiliger, wer braucht die denn in Berlin?“

Nun, das mag eine Betrachtung durch die ganz spezielle Lagerfeld-Brille sein. Die Frage ist eher, ob die Mode dauerhaft Berlin braucht. Die Zeichen stehen nicht ganz so schlecht. Bread & Butter, Fashion Week und die Mode-Messe Premium wurden mit Anfragen überschüttet. Der deutsche Markt gilt in Europa als wichtigster für Streetwear – das international als hip geltende Berlin scheint das natürliche Epizentrum zu sein. „Was Mailand für Prêt-à-porter ist, ist Berlin für Sportbekleidung“, sagt Fabio Mancone von Armani. Die Italiener sind zum ersten Mal an die Spree gekommen, um in Kreuzberg ihre neue Jeanskollektion vorzustellen.

Dass sich in der Hartz-IV-Hauptstadt, nur wenige die edlen Teile leisten können, ist Nebensache. Das oft derbe, halbfertige, abgewetzte Berlin ist nur Kulisse. Die Käufer sitzen woanders. Auf den Punkt brachte es kürzlich der einzige echte Stargast dieser Modewoche, US-Designer Marc Jacobs. Auf die Frage, ob er eine Ahnung habe, warum Berlin neben Paris, Mailand, New York und London als Modehauptstadt gilt, sagte er schlicht: „Nein.“

Maja Heinrich