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Panorama „Pendeln macht krank“
Nachrichten Panorama „Pendeln macht krank“
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16:08 22.06.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Ein Autor steigt ein. Natürlich nicht ohne sein Buch. Claas Tatje startet in Hannover. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

Herr Tatje, eine Zeitlang waren Sie Superpendler und reisten jedes Wochenende von Brüssel nach Hannover und zurück. Nun haben Sie ein Buch über die Pendlerrepublik Deutschland geschrieben. Haben Sie das im ICE verfasst?
Nein. Im ICE habe ich viele Interviews mit anderen Pendlern geführt, Gespräche abgetippt und viele wissenschaftliche Studien ausgewertet. Telefoninterviews lassen sich im Zug nicht führen, und gut schreiben kann ich dort auch nicht. Aber die Idee für das Buch kam mir unterwegs.

Pendler sind unglücklicher als Nichtpendler, Pendeln belastet die Umwelt und kostet viel Geld. Das ist doch alles weitgehend bekannt. Warum muss man ein Buch darüber schreiben?
Weil sich noch niemand Gedanken darüber gemacht hat, dass Pendeln die Gesellschaft auf vielfältige Weise belastet und die Politik diesen Wahnsinn auch noch mit einer Pendlerpauschale fördert. Ich glaube, vielen Pendlern ist gar nicht so bewusst, dass Pendeln krank macht. Und den meisten ist auch nicht klar, wie viel Geld das Pendeln kostet. Wenn man alle Pendlerbewegungen in Deutschland zusammenzählt, ergibt das eine tägliche Fahrt zur Sonne und wieder zurück. Das wissen auch nicht viele. Allein nach Wolfsburg pendeln jeden Morgen 70 000 Menschen. Das ist doch irre! Ich denke, dass das Pendeln eine unterschätzte Gefahr ist.

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In Ihrem Buch schreiben Sie auch über etwas, das Sie für ein großes politisches Ärgernis halten: Dienstwagen.
Ja. Was ich hier recherchiert habe, hat mich selber überrascht. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass 60 Prozent der in Deutschland zugelassenen Autos Dienstwagen sind. Ein Dienstwagen scheint immer noch ein großer Anreiz für Arbeitnehmer zu sein.

Was war Ihr schlimmstes Erlebnis als Pendler?
Am schlimmsten ist es, wenn ich am Freitagabend merke, dass ich es nicht mehr rechtzeitig zum geplanten Essen oder ins Theater mit meiner Frau schaffen werde. Das ist viel schlimmer als einen Geschäftstermin zu verpassen. Wenn es um das private Glück geht, wird ein verpasster Anschlusszug zum Drama. Pendeln frisst Lebenszeit, die man nicht wiederholen kann. Darunter leiden übrigens auch Topmanager.

Aber hat es nicht auch Vorteile, wenn einem die Zeit mit der Familie so besonders kostbar wird?
Es besteht vor allem die Gefahr, dass man die Freizeit überlastet. Dass man zu viel will und alles in die wenigen Tage des Wochenendes packt. Alle Verabredungen, die normalerweise über die Woche verteilt werden, sind am Wochenende zusammengeballt. Wenn man besonders glücklich sein will und sich zu viel vornimmt, wird man scheitern. Das habe ich auch das ein oder andere Mal erlebt.

Mich wundert, dass Sie weiterhin Pendler sind - obwohl Sie in Ihrem Buch alle negativen Folgen des Pendelns so eindringlich schildern.
Dazu kann ich nur auf das zweite Kapitel meines Buches verweisen. Es heißt „Die Schizophrenie des Pendelns“. Jeder der pendelt, steht vor der Entscheidung: „Will ich das, oder will ich das nicht?“ Nach einigem Abwägen habe ich mich dafür entschieden weiter zu pendeln. Ich muss auch nicht mehr von Hannover nach Brüssel reisen, sondern nur nach Hamburg. Aber ich bin jetzt ein richtiger Tagespendler geworden.

Zur Person

Claas Tatje, Jahrgang 1979, war von 2008 bis 2012 Wochenendpendler zwischen Hannover und Brüssel. Seitdem pendelt er täglich zwischen Hannover und Hamburg. Über die vielen Nachteile des Pendlerlebens hat der Wirtschaftsredakteur der Wochenzeitung „Zeit“ nun ein kluges und unterhaltsames Buch geschrieben: „Fahrtenbuch des Wahnsinns. Unterwegs in der Pendlerrepublik“ (Kösel, 192 Seiten, 14,99 Euro). Am Mittwoch, 25. Juni, liest Claas Tatje um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Leuenhagen & Paris aus seinem Fahrtenbuch.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

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