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Panorama Bundeswehroffizier nahm an simuliertem Marsflug teil
Nachrichten Panorama Bundeswehroffizier nahm an simuliertem Marsflug teil
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17:06 05.08.2009
Der Deutsche Oliver Knickel bereitet sich in einer Isolationsstation auf die Nacht vor.
Der Deutsche Oliver Knickel bereitet sich in einer Isolationsstation auf die Nacht vor. Quelle: ESA/ddp
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Trotz Uhr habe er dort irgendwann das Zeitgefühl verloren, sagte Knickel am Mittwoch in Köln. Auch habe ihm seine Freundin sehr gefehlt. Die immer schon gehegte Leidenschaft für das Weltall sei durch die Teilnahme am Experiment „Mars500“ allerdings nun erst recht entfacht. Eine berufliche Zukunft in der Raumfahrt will der 29-Jährige, der in Aachen als Bundeswehrausbilder arbeitet, langfristig jedenfalls „nicht 100-prozentig ausschließen“.

„Mars500“ ist ein Projekt der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN), der Raumfahrtagentur Roskosmos und der Europäischen Raumfahrtagentur ESA. Ziel des Moskauers Experiments, das vom 31. März bis 14. Juli dauerte, war es, die psychischen und physiologischen Auswirkungen eines Marsfluges zu simulieren. Nach ESA-Angaben bekamen die Teilnehmer eine Aufwandsentschädigung von 15 000 Euro. Ein tatsächlicher Flug zum Mars wird Experten zufolge erst in rund 30 Jahren möglich sein.

Die Crew habe sich trotz der fehlenden Privatsphäre in der Kapsel gut verstanden, betonte Knickel. Der Gesprächsstoff sei nie ausgegangen. Zumeist habe man sich auf Englisch und Russisch verständigt. Wenn ein Streit drohte, habe er sich zurückgenommen und versucht, die „negativen Gefühle zu unterdrücken“, sagte Knickel.

Das Zusammensein auf engstem Raum sei definitiv die größte Herausforderung bei dem Projekt gewesen, sagte der gebürtige Düsseldorfer, der an der Hamburger Bundeswehr-Universität Maschinenbau studiert hat. Dennoch hätten die positiven Erlebnisse eindeutig überwogen.

Seit seiner Rückkehr erfreue er sich nun mehr an kleinen alltäglichen Dingen wie zum Beispiel Sonnenschein und dem Telefon, erzählte Knickel. Die drei Kilogramm, die er durch das streng regulierte Essen „an Bord“ abgenommen hat, habe er sich wahrscheinlich bereits schon wieder angefuttert. Nach der Rückkehr habe erst einmal ausgiebig mit seiner Freundin auf dem Balkon gegrillt.

Während des Projekts hatte die Crew zahlreiche Experimente gemacht. So seien unter anderem der Einfluss der Isolation auf die Herzströme und den Blutdruck gemessen worden, sagte Knickel. Auch hätten die „Besatzungsmitglieder“ psychologische Experimente und Spiele durchgeführt, die “ähnlich wie in einem Assessment-Center“ gewesen seien. Für die Benennung konkreter Ergebnisse der Studie sei es zum jetzigen Zeitpunkt allerdings zu früh, sagte Martin Zell von der ESA.

Eher zufällig ist Knickel nach eigenen Angaben auf den Bewerbungsaufruf der ESA für die Studie gestoßen. Er habe eigentlich nur am Auswahlverfahren teilnehmen wollen und nie gedacht, dass er sich am Ende tatsächlich gegen die rund 5600 europäischen Kandidaten durchsetzen würde, sagte er.

Jetzt jedenfalls schließt er eine berufliche Zukunft in der Raumfahrt nicht mehr aus. „Alles kann, nichts muss“, sagte der 29-Jährige am Mittwoch dazu. So wird Knickel nach eigenen Angaben demnächst bei einem Schwerelosigkeitstest des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) mitmachen. Auch gebe es allgemeine Gespräche mit dem DLR und der ESA. Neben einer möglichen Ausbildung zum Raumfahrer sei auch eine Teilnahme an dem nächsten, dann in Echtzeit durchgeführten und 520 Tage langen Isolationsprojekt von „Mars500“ „nicht 100-prozentig ausgeschlossen“, sagte Knickel.

Allerdings sei dies ein extrem langer Aufenthalt, den man sich gut überlegen müsse. Auch sei es fraglich, inwieweit es die Ergebnisse verzerren könnte, wenn unter den insgesamt zwölf Teilnehmern der zwei „Mars500“ Experimente zweimal die gleiche Person sei.

In jedem Fall will er vor dem längeren Experiment nun die sechs Teilnehmer beraten, damit sie „nicht blauäugig an die Sache“ rangingen. So hat Knickel auch einige ganz profane Tipps gegen Langeweile bereit: „Nicht nur 1000 Lieder für den MP3-Player mitnehmen, lieber gleich 10 000.“

ddp