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Panorama Buntes Historienspektakel in Schaumburg
Nachrichten Panorama Buntes Historienspektakel in Schaumburg
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09:06 19.08.2010
Von Simon Benne
Peter Kaempfe als Fürst Ernst. Quelle: Rainer Surrey
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Seine Fürstlichen Gnaden sind an diesem Tag erfreulich aufgeräumt. „Es ist uns eine große Freude, dass es dem Schicksal in seiner unergründlichen Weise gefallen, die Zeitenläufe zu verwirbeln“, spricht Fürst Ernst, blickt auf die imposante Kulisse des Wasserschlosses in Hülsede und streicht sich behaglich über die güldene Schärpe. Schließlich ist er gerade auferstanden von den Toten, „derohalben uns Gelegenheit gegeben, noch einmal zurückzukehren in unser wunderbares Schaumburg“. Noch einmal lässt der Mann im prunkvollen Renaissancegewand seinen Blick jovial über die umstehenden Untertanen gleiten, standesbewusst und landesväterlich zugleich. Dann entspannt sich sein Körper, als ließe jemand die Luft heraus: „So, und hat jetzt mal einer ‘ne Zigarette für mich?“

Fürst Ernst heißt in Wirklichkeit Peter Kaempfe. Der Schauspieler und Regisseur probt mit seinem Ensemble seit Wochen in Hülsede für ein ungewöhnliches Historienspektakel. Vor 900 Jahren wurde Schaumburg zum ersten Mal urkundlich erwähnt: Der Kaiser belehnte anno 1110 Adolf I. von Schaumburg mit einer Grafschaft – und zur Feier des Jubiläums kehrt „Fürst Ernst“ aus dem Jenseits zurück und bereist sein früheres Herrschaftsgebiet Schaumburg. „Das ist schon eine Herausforderung“, sagt sein Darsteller Kaempfe und nimmt einen Lungenzug, während neben ihm Landsknechte, gestützt auf Hellebarden, Cola aus Plastikflaschen nippen. „Wir werden binnen elf Tagen 56 Orte besuchen und mit Kutschen mehr als 300 Kilometer zurücklegen – und überall müssen wir improvisieren.“

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Wo immer der Fürst erscheint – begleitet von Kanzler, Hofmeister und großem Gefolge – feiern die Männergesangvereine und Kindertanzgruppen unserer Zeit seine Ankunft. Mehr als 500 Vereine beteiligen sich an dem Projekt. „Es gibt Orte, die dabei ihr erstes Dorffest seit 25 Jahren feiern“, sagt Sigmund Graf Adelmann, Geschäftsführer der „Schaumburger Landschaft“. Die Renaissance der Renaissancezeit soll vor allem das Schaumburger Identitätsbewusstsein stärken. Rund 220 000 Euro hat die „Landschaft“ bei unterschiedlichen Geldgebern für das Unterfangen aufgetrieben, bei dem Inszenierung und Realität miteinander verschmelzen. „Denn der Fürst ist durchaus interessiert an allem, was heute wichtig ist“, sagt Kaempfe. „Er hatte ja auch 400 Jahre lang seine Ruhe.“

Wenn Ernst zum Auftakt seiner Tour heute um 18.30 Uhr mit einem Segelschiff in Steinhude anlegt, wird er dort mit Untertanen über die Nutzung des Steinhuder Meeres diskutieren. Morgen lässt er sich um 16.30 Uhr in der Jugendwerkstatt Hülshagen zeigen, wie junge Leute für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden, ehe er abends im Schlosspark von Stadthagen Gericht hält. Örtliche Honoratioren überreichen ihm überall Petitionen, in denen es mal um den Erhalt einer Synagoge, mal um die Betreuung Behinderter geht. Am Ende der Tour hält Fürst Ernst noch ein letztes Mal Gericht: am 29. August auf dem Marktplatz in Bückeburg, zum Auftakt eines großen Festes im Schlosspark. „Dabei überreicht er die Petitionen an Landtagspräsident Hermann Dinkla“, sagt Graf Adelmann. Da ist der Fürst ein höchst politischer Mensch – ganz wie zu Lebzeiten.

Der Renaissanceherrscher (1569–1622) war vielleicht der glanzvollste aller Schaumburger Regenten. Er stand humanistischen Ideen nahe, schuf bedeutende Bauten in Bückeburg und eine Universität in Rinteln. Außerdem erließ er eine Kirchenordnung, die noch heute gilt, und eine Polizeiordnung, zu der auch eine „Verordnung betreff des Vollsaufens“ zählte. Diese sollte das Volk vor Fusel schützen, „in diesen schwierigen Zeiten, da Tugendt und Nahrung abnehmen“. Seine alte Grafschaft Schaumburg wurde 1647 geteilt: Der Landgraf von Hessen-Kassel bekam den Südosten mit Rinteln und Hessisch Oldendorf. Der Nordwesten um Bückeburg wurde zur neuen Grafschaft Schaumburg-Lippe. Zu einer kleinen Wiedervereinigung kam es erst 1977: Durch die Kreisreform entstand der heutige Landkreis Schaumburg. „Dazu zählen etwa 80 Prozent von Fürst Ernsts alter Grafschaft“, sagt Schauspieler Kaempfe. Er hat sich gründlich eingelesen in Schaumburgs Geschichte. „Unsere kleine Zeitblase soll schließlich überzeugend sein.“