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Panorama Celler Chefärztin brachte mindestens zwölf Kinder um
Nachrichten Panorama Celler Chefärztin brachte mindestens zwölf Kinder um
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22:58 15.02.2011
Von Klaus von der Brelie
Neue Vorwürfe gegen die Celler Kinderärztin Helene Darges-Sonnemann.
Neue Vorwürfe gegen die Celler Kinderärztin Helene Darges-Sonnemann. Quelle: Archiv
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Sie hatte in Hamburg sieben Kindestötungen gestanden und stieg in Celle dennoch zur Chefärztin der Kinderklinik auf. Helene Darges-Sonnemann hatte Zeit ihres Lebens offensichtlich keine Probleme mit ihrer von aktiver Euthanasie geprägten Vergangenheit; sie ging auch nie auf Distanz zu ihrer Beteiligung an Verbrechen der Nationalsozialisten – mehr noch, sie riet noch 1969 den Eltern eines behinderten Kindes zu aktiver Sterbehilfe. Die am 10. September 1998 im Alter von 87 Jahren gestorbene Medizinerin, die mit einem der Adjutanten von Adolf Hitler verheiratet war, wirkte von 1943 bis zu ihrer Pensionierung im Jahre 1976 in Celle und war – wie es in einer Todesanzeige ihres Arbeitgebers heißt – „eine beliebte und hochgeschätzte Ärztin“.

Seit dem Tode ihres Mannes im Jahre 2009, der nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit DRK-Geschäftsführer in Celle war, kommen immer mehr Informationen über die Vergangenheit von Helene Darges-Sonnemann ans Licht der Öffentlichkeit. Das Allgemeine Krankenhaus Celle sah sich veranlasst, das Leben und Wirken von einem anerkannten Historiker bewerten zu lassen. Der Hannoveraner Raimond Reiter hat sich dieser Aufgabe gewidmet und jetzt eine Schrift vorgelegt, die nicht nur als Anklage gegen die einstige Chefärztin verstanden werden kann, sondern auch schwere Fehler der Hamburger Strafverfolgungsbehörden aufdeckt. So weist Reiter nach, dass Darges-Sonnemann zwar die Tötung von sieben Kindern bei Vernehmungen eingeräumt hat, es aber dennoch kein Strafverfahren gegen sie gab. Fünf weitere Morde sind durch Zeugenaussagen eindeutig belegt.

Die 1. Strafkammer des Landgerichts Hamburg beschloss am 19. April 1949, die Angeklagte „außer Verfolgung zu setzen“, wie Reiter schreibt. Es sei zwar unstrittig, dass es sich um gesetzeswidrige Taten gehandelt habe, befanden die Hamburger Richter, doch die Täter hätten in dem Bewusstsein gehandelt, ihre Taten seien gesetzeskonform. Weil das Bewusstsein der Rechtswidrigkeit nicht nachgewiesen werden könne, kam die Strafkammer zu der Ansicht, „dass dieser Beweis in einer etwaigen Hauptverhandlung nicht zu führen sein würde“, ist in den Gerichtsakten nachzulesen. Folglich blieben die gestandenen Kindstötungen ungesühnt – und Darges-Sonnemann konnte ihre Tätigkeit in Celle fortsetzen.
Reiter hat ermittelt, dass die Kinderärztin in der Zeit von Anfang 1942 bis zum Herbst 1943 als stellvertretende Leiterin des Hamburger Kinderkrankenhauses Rothenburgsort sehr wahrscheinlich an der Tötung von mindestens 56 Kindern beteiligt war. Dass die Zahl wesentlich höher gewesen sein könnte, deutet die Hamburger Justiz in einer Anklageschrift vom 7. Februar 1949 an. Der Nachweis sei aber nicht möglich, da bei der Ausbombung der Klinik am 30. Juli 1943 eine große Zahl von Krankenakten vernichtet wurde.

Die Kindestötungen galten als geheime Kommandosache. Deshalb wurde die Todesursache in den Krankenakten falsch angegeben, meist ist von Atemstillstand die Rede. Darges-Sonnemann verabreichte den behinderten Kindern in der Regel mithilfe einer Krankenschwester eine tödliche Luminal-Spritze. Zwei Tage danach starben sie äußerst qualvoll.Heimtücke und Grausamkeit prägten die Tötungen, folglich waren zwei wesentliche Kriterien für die strafrechtliche Ahndung eines Mordes erfüllt.

Nach der Zerstörung des Hamburger Krankenhauses durch britische Bomben flüchtete die Ärztin mit 200 Kindern und etwa 70 Mitarbeitern nach Celle. Hier habe sie keine Kindestötungen mehr vorgenommen, sagte sie später aus. Allerdings leistete sie höchstwahrscheinlich Beihilfe zur Euthanasie, indem sie behinderte Kinder nach Lüneburg überwies, wo nachweislich Tötungen als Geheime Reichssache vorgenommen wurden.

Raimond Reiter, Dr. Helene Darges-Sonnemann. Erfolgreiche Kinderärztin und Verstrickung in NS-Verbrechen. 48 Seiten, Celle 2011, 15 Euro. ISBN 978-3-925902.77-2