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Panorama Charlotte Roche macht Wulff ein unmoralisches Angebot
Nachrichten Panorama Charlotte Roche macht Wulff ein unmoralisches Angebot
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21:46 15.11.2010
Von Ronald Meyer-Arlt
Charlotte Roche während einer Castor-Demo in Klein Gusborn. Quelle: dpa
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Viele Korrekturprogramme kennen es noch nicht, aber in die neue Auflage des Duden hat das Wort immerhin schon Einzug gehalten: fremdschämen. Man schämt sich fremd, wenn andere Menschen peinliche Sachen machen. „O mein Gott, merken die denn nicht, wie dumm die sind?“ ist eine Grundfrage des Fremdschämens. „Warum stoppt das denn keiner?“ ist die zweite Grundfrage des Fremdschämens. Sie ist intelligenter, weil sie dem Medium eine Mitverantwortung an Fremdschamanlässen gibt. Und die hat das Medium ja auch.

Gut fremdschämen kann man sich beim Fernsehen, besonders bei Dieter Bohlen. Auch das Internet ist nicht nur mit seinen weitreichenden Videoangeboten ein hervorragender Nährboden (so etwas wie ein Feuchtgebiet) für Fremdschamsituationen aller Art.

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Doch nun will auch der Printbereich mitmachen und lädt seine Leser zum Fremdschämen ein. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ druckt in seiner neuen Ausgabe ein längeres Interview mit der Bestsellerautorin („Feuchtgebiete“) und ehemaligen Fernsehmoderatorin (VIVA und ganz kurz auch Radio Bremen) Charlotte Roche. Das Magazin ist an ihrer Meinung zur Atomkraft interessiert. Charlotte Roche ist weder Fachfrau für Endlagerprobleme noch für Demonstrationsrecht, aber sie war bei der großen Demo gegen den Castortransport dabei, sie hat eine Meinung, und sie ist immer noch leidlich prominent. Das reicht für ein Interview.

Und zwei Sätze aus dem Interview reichen aus, dass dieser Text am Erscheinungstag zum meistdiskutierte Artikel der Ausgabe wird. Am Ende des Interviews sagt Charlotte Roche nämlich: „Christian Wulff muss dem Gesetz zur Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke seine Unterschrift verweigern. Ich würde anbieten, mit ihm ins Bett zu gehen, wenn er es nicht unterschreibt.“

Anderswo wäre das ein Witz gewesen, eine ziemlich unwichtige Provokation einer ziemlich unwichtigen Schriftstellerin, die von Provokationen lebt.

Aber es ist der „Spiegel“.

Und so macht Roches unmoralisches Angebot, das sie noch mit dem Zusatz „Ich habe auch Tattoos“ (ein kleiner Seitenhieb auf Wulffs Ehefrau) versehen hat, schnell die Runde. Viele Zeitungen greifen das Thema auf, sogar ausländische Medien („Hindustan Times“: „Activist offers sex for nuclear-veto“) berichten von dem Vorgang.

Selbstverständlich wird das Beischlafangebot auch im Internet lebhaft diskutiert. Männer bieten Charlotte Roche Sex an, wenn sie nicht mit Christian Wulff schläft oder einfach Ruhe gibt; Frauen fühlen sich zu Einträgen wie „Wir bieten Christian Wulff auch Sex an, aber ohne Gegenleistung!“ bemüßigt. Jemand schlägt vor, dass Charlotte Roche auch Stefan Mappus, dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Sex anbieten solle, damit er Stuttgart 21 stoppt.

Und der Bundespräsident? Wird natürlich schweigen. Kann ja gar nicht anders als schweigen. Und falls er – aus welchen Gründen auch immer – dem Gesetz zur Verlängerung der Laufzeiten seine Unterschrift verweigern wird, wird vielleicht ein leises Kichern durch die Republik gehen.

Fremdschämen setzt ein gewisses Einfühlungsvermögen voraus. Man denkt darüber nach, wie es wäre, an der Stelle desjenigen zu sein, der sich gerade daneben benimmt. Charlotte Roches Interviewäußerung – für die sich selbstverständlich jeder fremdschämen kann und sollte – fehlt jegliches Einfühlungsvermögen. Es ist umgekehrtes Fremdschämen. Statt an der Stelle eines anderen Scham zu empfinden, wird hier ein anderer in eine peinliche Situation gebracht. Und zwar schamlos.