Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Beim Barte der Kaiserin
Nachrichten Panorama Beim Barte der Kaiserin
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 14.05.2014
Von Imre Grimm
„Diese Nacht ist all denen gewidmet, die an Zusammenhalt, Fortschritt und Frieden glauben“: Conchita Wurst, Botschafterin des Andersseins, feiert ihren Triumph. Quelle: Flindt Mogens
Kopenhagen

Mit ihrer James-Bond-artigen Bombastballade „Rise Like a Phoenix“ stieg die Österreicherin aus den Niederungen der Trash-Unterhaltung auf die europäische Popbühne und ließ sich nicht mehr vertreiben. Nicht von homophoben Sprüchen fernosteuropäischer Splitterstaatenpolitiker. Und nicht von Zweiflern, die sie lange für eine Spinnerin hielten, eine Frau mit Bart, der es um nichts gehe als Aufmerksamkeit für sich selbst.

In der Nacht von Kopenhagen dürfte es manchen überrascht haben, dass die europäische Toleranz inzwischen ausreicht, diesem seltsamen Zwischenwesen, dieser zwischen den Geschlechtern changierenden Kunstfigur ganz entspannt den Sieg zuzugestehen. 13-mal gab’s zwölf Punkte, sieben kamen aus Deutschland. Die Geschichte von Conchita Wurst erzeugte ein kraftvolles Momentum, das am Ende auch als homophob und rückständig verschriene Länder an der östlichen Peripherie überzeugte. Zehn Punkte kamen aus Georgien, Litauen, Ungarn, acht aus Rumänien, sieben aus Moldawien, fünf aus Russland. Kann es sein, dass Europa toleranter ist, als es selbst glaubt?

Gut 150 Millionen Menschen haben sich die Schau angesehen – und nur in einem einzigen Land, in Estland, haben die Zuschauer die Dragqueen aus Wien nicht auf einen der ersten fünf Plätze gesetzt. „Diese Nacht steht für Liebe, Toleranz und Respekt, sie ist all denen gewidmet, die an Zusammenhalt, Fortschritt und Frieden glauben“, sagte sie fassungslos. „Für alle, die daran nicht glauben, haben wir keine Zeit. Ich weiß nicht, ob Wladimir Putin heute zusieht. Aber: Wir sind nicht aufzuhalten.“

Millionen Fans aus aller Welt schauten nach Kopenhagen: In der dänischen Hauptstadt ging am Sonnabendabend der 59. Eurovision Song Contest über die Bühne.

48 Jahre nach Udo JürgensMerci Chérie“ siegt Österreich wieder beim ESC. Mit einem starken Signal für den Mut zum Anderssein, für kulturelle und menschliche Toleranz. Und mit einem Lied, das nicht das originellste Stück Popmusik ist, an diesem Abend aber einfach der glamouröseste Beitrag war.

Es war die Nacht von Thomas „Tom“ Neuwirth, Künstler aus Gmunden in der Steiermark – dem Mann hinter Conchita Wurst. Er siegte nicht, weil er schwul ist. Sondern weil er einfach der Beste war. Die sexuelle Orientierung, der Bart, das Schrille, all das ist am Ende gar nicht mehr so wichtig, das ist die eigentliche Botschaft des ESC 2014.

Einen klaren Favoriten gab es nicht in der Eurovisionswoche, allenfalls ein paar emotionale Hoffnungen der schwulen ESC-Gemeinde auf die österreichische Wanderpredigerin. Aber würden Europas heterosexuelle Busfahrer, die Krankenschwestern und Kindergärtnerinnen des Kontinents, die über Genderfragen nur sparsam grübeln, sich für ihre Anti-Vorurteile-Mission interessieren, für diesen absolut divenmäßigen Auftritt samt Zoom auf die umhaarten Lippen?
Es war der politischste Wettbewerb seit langer Zeit. Nicht Istanbul 2004, nicht Kiew 2005, nicht einmal Baku 2012 führten die Harmoniebestrebungen zwischen Atlantik und Ural an ihre Grenzen, sondern Kopenhagen 2014. Der Ukraine-Konflikt überschattete den Wettbewerb, der in aller Ehrlichkeit nur noch am Rande ein Kompositionswettstreit ist, sondern vielmehr der emotionale Zustandsbericht des politischen Gebildes Europa. Buhrufe gab’s für hohe Wertungen an Russland, auch wenn die 17-jährigen Zwillingsmädchen aus Moskau die Krim ja nun nicht persönlich annektiert haben. Buhrufe hatte es, vorab, auch für Conchita Wurst gegeben.

Ob besonders wild, verrückt oder bunt - eins haben die Finalisten des Eurovision Song Contests 2014 gemeinsam: Sie sind gute Sänger und wollen den Sieg. Doch wer könnte gute Chancen haben, wer versagen und wer sich als Überraschung entpuppen?

Schwulenfeindlicher Unfug samt Petitionen gegen die Teilnahme des Künstlers hatten sich wie eine düstere Wolke auf das Partyvolk gelegt. Die wachsende Ablehnung sozialer Neuerungen in konservativen bis reaktionären Kreisen, die der Westen erlebt, zwang auch der Eurovision eine Debatte über die Frage auf, wie sich extreme kulturelle Widersprüche vereinen lassen. Der Sieg von Conchita Wurst hat diese Frage beantwortet: Es kann nur nach vorne gehen. Und: Multikulturalistische Toleranz-Appelle richten sich nicht gegen heterosexuelles Leben. Conchita Wurst will nicht, dass alle so leben wie sie. Sie will bloß selbst so leben dürfen. Es ist das, was Männer wie Thilo Sarrazin, Matthias Matussek oder Akif Pirinçci aktuell so überfordert.

Dabei ist das Thema Transgender gar nicht mal neu in der Popszene. 1998 hat die israelische Sängerin Sharon Cohen als Dana International in Birmingham den Song Contest gewonnen. Geboren war Sharon als Yaron Cohen – und die Tatsache, dass eine Transsexuelle Israel vertreten sollte, löste in religiösen Kreisen eine Protestwelle aus. Aber Dana gewann. Auch die Sache mit dem Bart der neuen österreichischen Kaiserin ist nicht so gänzlich einzigartig – Lady Gaga hat einmal, ziemlich geziert, mit einem im Dalí-Stil gezwirbelten Schnurrbarttoupet versucht, mit männlich-weiblicher Gleichzeitigkeit zu provozieren.

Wurst, weil Aussehen und Geschlecht „wurst“ sind

Bei Thomas Neuwirth ist nur alles noch einmal ein bisschen anders. Mit elf Jahren schlüpfte der steirische Bub zum ersten Mal in Frauenkleider. Dann besuchte er die Modeschule in Graz und wurde – als Tom und ohne Kleid – 2006 bei der TV-Castingshow „Starmania“ Zweiter. Die Kunstfigur Conchita schuf Tom als Reaktion auf Mobbing nach seinem Outing als Homosexueller. Den Vornamen gab eine kubanische Freundin, den Nachnamen wählte er, weil Geschlecht und Aussehen völlig „wurst“ seien.

Seit 2011 ist er als Travestiekünstler und Musiker unterwegs. Nach und nach baute er sein weibliches Alter Ego zur Kunstfigur samt Biografie aus: Conchita sei im kolumbianischen Hochland geboren, lebte als Kind in Deutschland, ihr Vater sei Theaterintendant Alfred Knack von Wurst, ihr Ehemann heiße Jaques Patriaque – ein Spiel mit Biografien, Lebensentwürfen und Identitäten. Privat dagegen läuft Neuwirth – der einen festen Lebenspartner hat – unerkannt durch Wien. „Conchita ist der Bühne vorbehalten“, sagt er. 2013 wurde er als Dragqueen auch beim deutschen Publikum bekannt: im RTL-Trash-Format „Wild Girls – Auf High Heels durch Afrika“.

Russland ätzt: „Europa – Ein bärtiges Mädchen“

Ja, es provoziert und es verwirrt, mal er, mal sie. Aber muss Verwirrung in Hass enden? Muss nicht, kann aber. Das russische Staatsfernsehen strahlte nach der Schau eine Debatte mit Politikern und Prominenten aus, in der Leute wie der ultranationalistische Abgeordnete Wladimir Schirinowski verkündeten, „Europa ist verrückt geworden. Es gibt keine Grenzen für unsere Empörung“. Präsident Wladimir Putins Vize Dmitri Rogosin trug einen Tweet bei: Das Eurovisionsergebnis „zeigt Unterstützern der europäischen Integration die europäische Zukunft – ein bärtiges Mädchen“.

Es war immer das große Verdienst des alten Grand Prix, verbindend zu wirken. Musik als sozialer Kitt. Die Europäische Rundfunkunion EBU – auch das zeigt die Siegerin von Kopenhagen – wird nicht darum herumkommen, sich selbst zur Toleranz zu bekennen und ein klares Signal gegen homophobe, extremistische, antidemokratische Tendenzen auszusenden, um glaubwürdig zu bleiben.

Ausgerechnet Conchita Wurst, das künstlichste, seltsamste, unberechenbarste Wesen des Abends, war diejenige, die am „echtesten“ und „ehrlichsten“ rüberkam. „Mein persönlicher Traum wurde wahr“, sagte sie hinterher. „Aber in unserer Community ist noch so vieles ungelöst. Es gibt eine Welt außerhalb des ESC. Und vielleicht haben wir auch dort das Denken wenigstens ein bisschen verändert. Wir sehen uns 2015 in Wien.“

Mehr zum Thema
Medien & TV Conchita Wurst siegt beim ESC 2014 - Pop, Pathos und Politik

Die Botschaft ist angekommen: Conchita Wurst aus Österreich hat tatsächlich den Eurovision Song Contest 2014 gewonnen. Ein machtvolles Signal für Toleranz, Mut zum Anderssein - und den ganz großen Glamour. Merci, Cherie! Und Deutschland erlebte eine Enttäuschung: Platz 18.

Imre Grimm 11.05.2014
Medien & TV Nach der Show ist vor der Show - Österreich will guter Gastgeber sein

Nach dem Sieg beim Eurovision Song Contest in der Nacht zum Sonntag nimmt Österreich Kurs auf die Ausrichtung der Jubiläumsausgabe des Wettbewerbs 2015. Bereits am Montag sollen die Vorbereitungen für den 60. ESC beginnen.

11.05.2014
Medien & TV Eurovision Song Contest 2014 - Das müssen Sie zum ESC wissen

Kitsch, Kunst, Kopenhagen: Beim Eurovision Song Contest mit Millionen Fans geht es dieses Jahr um die Wurst – und natürlich um Elaiza. Fragen und Antworten zum diesjährigen Schlager-Grand-Prix.

10.05.2014

Noch bevor Empire State Building und Freiheitsstatue überhaupt gebaut waren, galt ein deutscher Biergarten als eine der berühmtesten Touristen-Attraktionen New Yorks. Jetzt graben Archäologen die erstaunlich gut erhaltenen Reste des „Atlantic Garden“ wieder aus.

11.05.2014

Für die Zuschauer war es eine schockierende Szene: Ein Heißluftballon mit drei Passagieren rammt eine Stromleitung und geht in Flammen auf. Die Suche nach den Opfern in einem unwegsamen Waldgebiet verlangt der Polizei alles ab.

11.05.2014
Panorama Unwetter in China - 18 Tote bei Mauereinsturz

Beim Einsturz einer Mauer sind in China mindestens 18 Menschen ums Leben gekommen. Außerdem wurden drei Menschen verletzt, als die Mauer auf eine provisorische Unterkunft stürzte, in der sich 40 Menschen aufhielten.

11.05.2014