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Panorama Copy and Paste gehört zur Alltagskultur
Nachrichten Panorama Copy and Paste gehört zur Alltagskultur
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20:28 21.02.2011
Von Imre Grimm
Karl Theodor zu Guttenberg soll in seiner Doktorarbeit geschummelt haben. Quelle: dpa (Archiv)

Dieser Satz ist echt. Und dieser auch. Nirgendwo abgeschrieben, nirgendwo herauskopiert, nirgendwo geklaut. Wissen ist der einzige Besitz, den dir niemand rauben kann. Knackiger Satz, aber – geklaut. Vom antiken Philosophen Epiktet. Hätten Sie vielleicht gar nicht bemerkt. Aber Ehrlichkeit ist die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen. Wieder geklaut. Camus.

Schummeln gehört zum Alltag. Sich verbal mit fremden Federn zu schmücken, gilt privat – wenn überhaupt – als Kavaliersdelikt. Seien wir so ehrlich: Gelegentlich bricht der kleine Karl Theodor zu Guttenberg in uns allen durch. Wenn es darum geht, eine Hochzeitsrede rhetorisch aufzubrezeln, einen Bewerbungsbrief zu verfassen oder der netten Kollegin, die nach Köln wechselt, ein hübsches Verslein in die Abschiedskarte zu schreiben, mit kleinen Herzchen als i-Pünktchen. Das Internet ist voll von rhetorischen Bauklötzchen für alle Lebenslagen; von www.hochzeitssprueche.com bis www.bewerbung.net, von www.redenwelt.de bis www.e-hausaufgaben.de.

Das Prinzip „Copy and Paste“ ist eine Kulturtechnik mit steigender Popularität. Aber ist es schon Betrug, wenn der sprachlich eher robuste Schwiegervater für seine Hochzeitsansprache den Satz „Eine glückliche Ehe ist eine Ehe, in der die Frau ein bisschen blind und der Mann ein bisschen taub ist“ aus dem Netz fischt? Ist es schon verwerflich, wenn ein österreichischer Bischof sich – wie unlängst geschehen – auf der Suche nach einer soliden Fastenpredigt bei einem schweizerischen Kollegen bedient, den Text jahreszeitlich ein bisschen modifiziert und ansonsten eng am Original bleibt?

„Das Phänomen ist weit verbreitet“, sagt Stefan Weber von der Universität Salzburg. Der Medienforscher hat sich in der Welt der Wissenschaft einen Namen als „Plagiatsjäger“ gemacht. Seit der Guttenberg-Affäre hängt er fast ununterbrochen am Telefon. Plötzlich, endlich, ist sein Thema in aller Munde. Weber schätzt, dass jede hundertste wissenschaftliche Arbeit ein „Hardcoreplagiat“ ist. „Fremder Text gehört in Anführungszeichen. Punkt“, sagt der 50-Jährige. „Das gilt für die Geburtstagsrede des Onkels genauso wie für die Hausaufgaben eines Schülers. Hier beginnt das, was bei Guttenberg endet: Blendwerk.“

Weber spricht von „Textkultur ohne Hirn“, von einem „fundamentalen Wandel der Wissenskultur“. Er weiß, wie man knackige Stichworte produziert, geißelt die „Micky-Maus-Forschung“. 80 Fälle hat er bereits entlarvt, elf akademische Titel wurden nach seinen Recherchen kassiert, darunter der eines Tübinger Theologen, der 110 Seiten aus Webers eigener Dissertation nahezu wortgleich abgeschrieben hatte. Im Mai 2007 warf Weber dem österreichischen Wissenschaftsminister Johannes Hahn vor, in seiner Doktorarbeit „seitenweise unzitiert abgeschrieben“ zu haben. In einem Forschungsbericht kam der Wiener Philosoph Herbert Hrachovec zu dem Schluss: „Es handelt sich um eine Arbeit minderer Qualität, die stellenweise an das Banale und sogar Peinliche grenzt.“

Magister per Mausklick? Die Verlockung ist groß. Google liefert, und wir wählen dann nur noch aus, wie ein Kind im Spielzeugladen. Schüler fragen sich immer öfter, warum sie ein neues Referat über Robespierre schreiben sollen, wenn sie diverse fertig formuliert im Netz finden. Für Lehrer ist es inzwischen normal, lieber mal zu googeln, wenn ein Schüler plötzlich mit einer untypisch formulierten „Web-Collage“ ankommt.

Texte aus Versatzstücken, zusammengeklebte Sprachbausteine – das Prinzip Formfleisch breitet sich aus und verändert unser Verhältnis zu den Inhalten. Was auf der Strecke bleibt, sind Originalität, Analysefähigkeit, der Mut zum genuinen Gedanken. Doch der universitäre Alltag selbst fördert traditionell das Prinzip des Wiederkäuens: Nicht selten beschränkt sich der wissenschaftliche Diskurs darauf, aus 26 Fachbüchern ein siebenundzwanzigstes zu generieren. So ist manche Hausarbeit kaum mehr als eine Werkschau, und manches pseudowissenschaftliche Satz-Ungetüm kaschiert bloßes Nichtwissen.

Die Postmoderne sei ein Wegbereiter des Plagiarismus, weil sie den Begriff des Originals leichtfertig dekonstruiert habe, ohne andere Unterscheidungskriterien anzubieten, lautet eine These in Webers Buch „Das Google-Copy-Paste-Syndrom“. Weber gilt als „Nestbeschmutzer“ im Elfenbeinturm. Selbst Prüfer sprechen lieber affirmativ von „Bricolage-Technik“ oder „kreativer Medienaneignung“ statt „Plagiat“.

Und? Schlimm? Es kommt darauf an, wen man fragt. Die Erregung um Helene Hegemanns juveniles Fremdtextpanorama „Axolotl Roadkill“ zeigte deutlich, dass zwischen den Generationen ein dialektisches Problem besteht: Für Teile der bloggenden Netzgemeinde ist „geistiges Eigentum“ ein Begriff von gestern. Weit verbreitet sind „Shake and Paste“ (Umformulieren und Zusammenstoppeln) und „Mashups“ oder „Web-Samplings“ (Zitatcollagen, die Inhalte in andere Zusammenhänge stellen). „Nutzbringende intellektuelle Erzeugnisse“ müssten allen Menschen gleichermaßen zur Verfügung stehen, meint einer der Wortführer der Gemeingut-Apostel, ein Professor für Rechtsgeschichte an der Columbia Law School in New York mit dem programmatischen Namen Eben Moglen. Das wäre dann Textanarchie: Alle dürfen alles. So würde aus „Die Gedanken sind frei“ „die Gedanken sind kostenlos“. Dem gegenüber steht die Wissenschaft, die sich als anachronistisch beschimpfen lassen muss, nur weil sie auf althergebrachten Textstandards inklusive Zitattreue beharrt. Ist „Lüge“ überhaupt noch ein zeitgemäßes Wort? Dieter Hildebrandt spricht lieber ironisch von „sachzwangreduzierter Ehrlichkeit“.

Noch nie wurde so viel Text produziert wie jetzt. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Dissertationen im Schnitt 50 Seiten, heute sind es 200 und mehr. Masse wirkt substanzieller. Umso größer ist die Verlockung, das dürre eigene Material aufzumöbeln. Seit „Inhalt“ nur noch „Content“ heißt, scheinen endgültig alle Dämme gebrochen. „Content“ – das klingt nach billigem Rohstoff, nach Tonnenware, in beliebiger Menge abfüllbar. Dabei ist „Web-Sampling“ auch nur ein cooleres Wort für Diebstahl. Dass nun ausgerechnet die Blogosphäre jeden Satz in Karl Theodor zu Guttenbergs Dissertation lustvoll auf die Goldwaage legt, ist eine Ironie der Netzgeschichte.

Gymnasium Großburgwedel, Mitte der achtziger Jahre, Geschichtsunterricht. Thema: die Französische Revolution. Eine Schülerin lässt eine Freundin abschreiben. Die Folge: eine Sechs. Für beide. Eine gerechte Strafe. Denn mit Ideen ist es wie mit digitalen Daten: Je öfter man sie kopiert, desto fehleranfälliger werden sie.

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