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Panorama „Da hilft nur noch eine Operation“
Nachrichten Panorama „Da hilft nur noch eine Operation“
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08:06 29.11.2011
Von Nicola Zellmer
Wenn alle Abnehmversuche scheitern, hilft oft nur die Magenverkleinerung. Quelle: dpa (Symbolfoto)
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Die Pfunde kommen schleichend. Auch Angelika B. war als Jugendliche schlank. Bei der Geburt der drei Kinder blieb jedoch immer „etwas hängen“. Und der stressige Bürojob als Geschäftsführerin einer Spedition begünstigte die Gewichtszunahme zusätzlich. „Ich saß von morgens bis abends am Schreibtisch – für Bewegung war keine Zeit“, erklärt die heute 58-jährige Hannoveranerin. Angelika B. tröstete sich mit Süßigkeiten: eine Tüte Gummibärchen im Büro, eine Tafel Schokolade nach der Besprechung. 1991 wurde dann auch noch Diabetes festgestellt – wie bei ihrem verstorbenen Vater. Und das Gewicht stieg weiter.

Anfang 2010 wog die 1,69 Meter große Frau trotz zahlreicher Diät- und Kurversuche gewichtige 135 Kilogramm. „Ich konnte nichts mehr machen“, sagt sie rückblickend. Keinen Einkaufsbummel, kein Treppensteigen, keinen Sport. Besonders bitter war es für die 58-Jährige, dass sie nicht mit ihren kleinen Enkeln spielen konnte. „Vom Boden bin ich allein kaum noch hochgekommen“, erzählt sie. Dazu kamen häufige Krankheiten, ihre Knie waren verschlissen, und sie geriet schon nach 300 Metern Gehen außer Atem. „Deshalb habe ich überlegt, was man gegen das Gewicht noch tun kann“, sagt Angelika B.

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Auf einem Patientenabend informierte sie sich über den „Magenbypass“. Bei dieser Operation wird der Magen stark verkleinert und über eine „Abkürzung“ direkt mit dem Dünndarm verbunden. Weil die Zahl der Übergewichtigen in Deutschland zunimmt, wird die sogenannte Adipositaschirurgie – zu der neben dem Magenbypass das Abschnüren des Magens mit einem Magenband und der extrem verkleinerte „Schlauchmagen“ gehören – immer stärker nachgefragt. So erklärte die Krankenkasse DAK nach der Auswertung ihrer statistischen Daten, dass sich die Zahl der Magenoperationen für Übergewichtige von 2008 bis 2010 verdoppelt habe. Hatte die Kasse 2008 noch 406 Fälle abgerechnet, so waren es 2010 bereits 607. Die meisten Patienten waren der DAK-Statistik zufolge Frauen. Besonders häufig wurde die Magenverkleinerung bei den 40- bis 49-Jährigen notwendig.

In Hannover hat sich das DRK-Krankenhaus Clementinenhaus seit 1999 auf die Adipositas-Chirurgie spezialisiert. Die Zahl der Operationen ist auch dort stark angestiegen, wie die leitende Ärztin Ricarda Flade-Kuthe erklärt. „In den ersten Jahren haben wir 30 Patienten im Jahr operiert, dieses Jahr waren es bereits 100“, sagt sie. Mit speziellem Mobiliar hat sich die Klinik ganz auf Übergewichtige eingestellt. „Unser schwerster Patient wog 280 Kilogramm“, berichtet Flade-Kuthe. „Diesen Menschen kann man nur noch durch eine Operation helfen.“

Das habe inzwischen auch der Medizinische Dienst der Krankenkassen erkannt, sagt die Chirurgin. Zumal die Kosten-Nutzen-Rechnung einer Magenbypass-Operation positiv ist. „Ich habe sehr viele Patienten, die arbeitslos waren und nach dem Eingriff wieder arbeiten konnten“, erklärt Flade-Kuthe. Dennoch würden deutlich mehr Operationen benötigt als durchgeführt werden. „Deutschland ist bei der Adipositas-Chirurgie Entwicklungsland“, bemängelt die hannoversche Chirurgin.

Das bestätigt auch Privatdozent Thomas Horbach vom Stadtkrankenhaus Schwabach, der gleichzeitig der Arbeitsgemeinschaft für Adipositas-Chirurgie der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Vizeralchirurgie angehört. „Fakt ist, dass wir von den Zahlen in Europa weit hinten liegen“, sagt er. „In Frankreich wurden schon vor Jahren 20.000 Eingriffe pro Jahr gemacht, in Deutschland sind wir jetzt bei 6000 – und man kann davon ausgehen, dass wir etwa 25 000 solcher Operationen bräuchten.“

Für den schleppenden Anstieg macht Horbach die Kostenträger verantwortlich, die die Kostenübernahme an strenge Auflagen knüpften. So müssten unter anderem mehrere erfolglose Diätversuche nachgewiesen werden. „Diese Hürden sind für viele Patienten zu hoch“, klagt Horbach. Gleichzeitig sieht der Chirurg immer mehr und immer jüngere stark adipöse Patienten. „Teilweise haben schon 18-Jährige Gelenkschäden oder Diabetes“, sagt er. „Die müssten wir schon im jüngeren Alter operieren.“

Wie effektiv der Magenbypass wirkt, kann Angelika B. bestätigen. Am 17. August 2010 wurde ihr Magen operativ verkleinert. „Danach hatte ich überhaupt keinen Hunger mehr“, erinnert sich die Hannoveranerin. In winzigen Schritten lernte sie, wieder zu essen. Erst gab es Tee, dann Suppe, dann Brei. „Noch sechs Wochen nach der Operation musste ich sämtliche Nahrung pürieren“, sagt Angelika B. Viel war es trotzdem nicht, was der stark verkleinerte Magen noch aufnehmen konnte. „Nach zwei Eßlöffeln war ich bereits satt.“

Das Essen hat Angelika B. seit dem Eingriff völlig neu lernen müssen. Große Mengen sind ebenso tabu wie stark fett- oder zuckerhaltige Speisen, blähendes Gemüse oder grobfaseriges Fleisch. Wer sich nicht strikt an die Vorgaben hält, bezahlt mit Unwohlsein, Blähungen und Durchfall.  Zudem sind zusätzliche Vitamine nötig. Für Angelika B. war die Disziplin kein Problem. Seit dem Eingriff hat sie bereits 40 Kilogramm abgenommen. „Mir wird jetzt schon gesagt, dass ich schlank geworden sei“, freut sie sich.

Trotzdem will sie noch auf ihr Wunschgewicht von 75 Kilogramm kommen. Inzwischen fällt ihr auch der Sport wieder leichter, sie geht schwimmen, fährt mit ihrem elektrisch unterstützten Fahrrad – und tobt mit den Enkeln. Sogar die Diabetes hat sich durch die Gewichtsabnahme gebessert: Ihre Insulinration konnte Angelika B. auf die Hälfte reduzieren. Das schönste Erfolgserlebnis hatte die Hannoveranerin jedoch im Oktober 2011 bei der Urlaubsreise in die Türkei. „Zum ersten Mal konnte ich im Flieger wieder den Tisch herunterklappen“, sagt sie.

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