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Panorama Darf’s noch etwas weniger sein? Der Stress ums Essen
Nachrichten Panorama Darf’s noch etwas weniger sein? Der Stress ums Essen
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12:47 26.03.2019
Warum sollte man sich den Stress all der angeblich gesunden Ernährungstrends freiwillig antun, wenn es doch aus gesundheitlicher Sicht nicht unbedingt notwendig ist? Und wo bleibt da eigentlich der Genuss? Quelle: iStockphoto
Hannover

Es gab Tage, an denen hat sich Anna Funck nicht mehr, wie sonst, aufs Essen mit der Familie gefreut. Harte Tage waren das: „Da lag die Zunge nur noch wie ein trockener Lappen im Mund“, erinnert sich die 38-jährige Autorin und TV-Moderatorin heute. Zuvor hatte die Mutter zweier Kinder bereits tagelang komplett auf Kohlenhydrate verzichtet.

Konkret hieß das: Finger weg von der heißgeliebten Schokolade am Abend auf dem Sofa, den fettigen Chips, den nicht minder fettigen Bratkartoffeln, und vom leckeren Weißbrot beim Italiener um die Ecke. Es war eine Phase voller Selbstdisziplin, leidvollem Verzicht und mitunter quälender Erfahrungen in einem groß angelegten Food-Projekt: Ein Jahr lang hat sich Anna Funck durch sämtliche Ernährungstrends gefuttert – ein einmaliges Experiment, dessen Ergebnis die ideale Ernährungsweise sein sollte.

Es war, vermutlich wie bei so vielen Menschen, die sich nach mehr Lebensqualität sehnen, schlichtweg Leidensdruck, der sie dazu getrieben hat: „Wenn ich die falschen Sachen gegessen habe, dann war ich plötzlich total müde oder hatte eine Riesenwampe. Das fühlte sich einfach nicht mehr gut an.“

Die Möglichkeiten, sich trendy zu ernähren sind schier grenzenlos

Wie skurril und schwer bekömmlich diese Trends aber mitunter sind, hat Funck in ihrem aktuellen Buch „Egal, ich ess das jetzt! – Mein Jahr mit grünen Smoothies, Superfoods und anderen bekloppten Ernährungstrends“ aufgeschrieben – und der Leser leidet mit ihr, spätestens als die Autorin vom „Genuss“ eines schlammigen Moordrinks berichtet.

Allein die Vorstellung, sich dieses braun-bröselige Gebräu einverleiben zu müssen, dürfte bei manchem schon Übelkeit auslösen. Für Funck sollte es der krönende Auftakt zu den „basischen Wochen“ werden. Doch zumindest was den gewöhnungsbedürftigen Drink angeht, lautete ihr Urteil schnell: „nie wieder!“

Die Möglichkeiten, sich trendy, also vermeintlich gesund zu ernähren sind schier grenzenlos. Da kann man schon mal den Überblick verlieren: von vegan, laktose- oder glutenfrei über Superfood, zuckerfreie Kost und basisch bis Paleo (natürliche und unbehandelte Lebensmittel) bis Keto (kohlenhydratarm, aber fettreich).

Hat diverse Ernährungstrends ausprobiert: Die Autorin Anna Funck. Quelle: Verlag

Manche Trends bleiben, andere sind schnell wieder verschwunden, doch allen ist eines gemein: Sie schreien geradezu nach Verzicht. Da drängt sich die Frage auf: Warum sollte man sich das freiwillig antun, wenn es doch nicht – wie etwa bei Zöliakie-Patienten – aus gesundheitlicher Sicht zwingend notwendig ist? Und wo bleibt da eigentlich der Genuss, um den es doch beim Essen gehen soll?

Grundsätzlich raten Ernährungsexperten vom „Diät-Hopping“ ab: „Die Strategie, sich bloß nicht verunsichern zu lassen, halte ich für wesentlich zielführender als das ständige Aufspringen auf neue Trends“, antwortet etwa Ernährungspsychologe Thomas Ellrott von der Universität Göttingen auf die Frage, wie man mit der Fülle an Ernährungsempfehlungen umgehen sollte.

Beinahe täglich ist von neuen Superdiäten zu hören, die das Allheilmittel gegen körperliche Befindlichkeiten aller Art sein sollen. Das Thema Ernährung bewegt die Menschen. Das zeigt auch der große Erfolg von entsprechenden Ratgebern wie etwa Bas Kasts Bestseller „Der Ernährungskompass“.

Die Grundsteine für eine gesunde Ernährung werden in der Kindheit gelegt

Die Gefahr, die Ellrott hinter all den vermeintlichen Superdiäten sieht, ist „ganz klar, die große Komplexität der Ernährung auf einen vermeintlich schuldigen Nährstoff zu reduzieren. Vor 30 Jahren hat man das Cholesterin im Essen verdammt, in der Zwischenzeit das Fett und heute den Zucker“, sagt der Ernährungsexperte. Das große Ganze verliere man dabei schnell aus dem Blick.

Das große Ganze meint auch die psychologischen und pädagogischen Zutaten eines gemeinschaftlichen Familienessens. Denn die Grundsteine für eine gesunde Ernährung werden bereits in der Kindheit gelegt, wie Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und der Universität Mannheim jüngst herausfanden.

Ihre These: Kinder, die regelmäßig gemeinsam und nicht im Alleingang essen, haben ein niedrigeres Risiko, übergewichtig zu sein. Durch Familienmahlzeiten entwickelten sie ein gesundes Gefühl für Portionsgrößen, stünden satt vom Tisch auf und würden zwischendurch weniger essen. „Mahlzeitroutinen wie etwa eine gute Mahlzeitatmosphäre oder ein positives elterliches Rollenvorbild können die Ernährungsweise von Kindern verbessern“, so ein Fazit.

„Wenn keiner mitmacht, ist es der Horror“

Wie wichtig der Familienzusammenhalt auch in Sachen Ernährungsumstellung ist, weiß Autorin Funck nur zu gut nach ihrem einjährigen Food-Experiment: „Wenn keiner mitmacht, dann ist es schlichtweg der Horror.“ Die Moderatorin hat während ihres Experiments viel Zeit in der Küche mit dem Zubereiten von Speisen verbracht, ausprobiert, kombiniert, verkostet und verworfen – und damit schon einiges richtig gemacht, denn: „Wer viel selbst kocht, isst automatisch gesünder. Das zeigen wissenschaftliche Studien“, betont Ernährungspsychologe Ellrott. Er hofft darauf, dass wieder mehr Menschen zu Hause selbst kochen, so wie es einst mal ganz selbstverständlich war.

Der Satiriker Wiglaf Droste hat das Lebensgefühl, das für ihn mit dem gemeinschaftlichen Essen verbunden ist, in einem Essay für die „Süddeutsche Zeitung“ unter dem Titel „Des Lebens Saftigkeit“ ganz wunderbar zusammengefasst: Für ihn sei Essen schon als Kind ein sehr sinnliches Erlebnis gewesen.

Die duftenden Speckbirnen und Bratkartoffeln seiner Mutter gingen nicht mit einem Regelwerk einher, sondern mit Gemeinschaft und Lebensfreude. Viele hätten das Genießen heute verlernt, setzten stattdessen auf Fast-Food-Hamburger, für Droste „die Jogginghosen und Freizeitschlappen der Schlünde“.

Rationales Abwägen nach Gesundheitsargumenten ist kaum möglich

Dass sich Menschen in einer Überflussgesellschaft wie der unseren trotz der Flut an gesunden Ernährungstipps ungesund ernähren, liegt laut Ellrott daran, dass „unsere Einkäufe und Entscheidungen beim Essen in den meisten Fällen nicht nach Gesundheitsmotiven“ erfolgen. „Im Alltag ist es für den Verbraucher viel wichtiger, dass das Essen gut schmeckt, schnell und einfach zuzubereiten und möglichst preiswert ist.“ Hinzu käme der Dauerstress, der heute auf vielen lastet, die etwa Familie und Beruf unter einen Hut bringen müssten. Da sei ein rationales Abwägen nach Gesundheitsargumenten kaum möglich.

Doch auch wenn sich beim Konsumverhalten noch keine allzu deutlichen Veränderungen zeigen, glaubt Funck trotzdem, dass sich viele Menschen immer bewusster machen, was sie da auf ihren Teller legen und was das für Auswirkungen auf ihren Körper hat. Dass es Zeit und Muße braucht, sich auf eine gesunde Ernährung einzustellen und ein damit einhergehendes Wohlgefühl zu erkennen, hat Funck bei ihrem Experiment selbst festgestellt – und ist trotzdem drangeblieben.

Ihr Motto heute: „Je lebendiger ich esse, desto lebendiger bin ich.“ In den Tag startet sie auch weiterhin regelmäßig mit einem Smoothie – nicht etwa mit einem dieser fertigen Produkte aus dem Supermarkt, die oft zu 90 Prozent aus Bananenpüree bestehen, sondern mit dessen grüner Variante: Bei ihr landen nach dem Aufstehen frischer Spinat, Grünkohl und Ingwer im Mixer.

Anna Funck: „Egal, ich ess das jetzt! – Mein Jahr mit grünen Smoothies, Superfoods und anderen bekloppten Ernährungstrends“ Quelle: Verlag

Was sie außerdem verinnerlicht hat, ist die Kohlenhydratregel, die auch von prominenten US-Ernährungscoaches wie Kimberly Snyder unermüdlich gepredigt wird: „Nur ein kohlenhydrathaltiges Lebensmittel pro Mahlzeit und regelmäßige Pausen nach dem Essen!“

Funck war beeindruckt, wie schnell sich ihr Wohlbefinden änderte, als sie diese eigentlich recht einfache und nicht allzu sehr von Verzicht geprägte Regel befolgte: „Ich hatte kein Nachmittagstief mehr, mehr Energie, bessere Laune, und der Verdauungsprozess lief auch sehr viel leichter.“

Und was ist noch geblieben vom Trendexperiment? Am Ende doch einiges. Der Apfelessig etwa, ein altbewährtes Hausrezept, der zuverlässig den Darm aufräumt, Viren und Bakterien abtötet und obendrein den Stoffwechsel ankurbelt. „Davon zwischendurch immer mal ein Glas, das wirkt Wunder“, sagt Funck.

Wenn schon Stressfuttern, dann Dinge, die glücklich machen

Und wenn schon Stressfuttern, dann wenigstens Dinge, die die Serotonin-Produktion – also die von Glückshormonen – anregen: Möhren, Cashewkerne („ungeröstet“) oder dunkle Schokolade („aber ohne Keks, das wären zwei Kohlenhydrate“). Und immer mal wieder regional kaufen: „Das ist zwar teuer“, sagt Funck, aber dafür verzichte sie inzwischen lieber auf ein paar neue Schuhe.

Denn vor allem geht es ja beim Essen um eines, so wie es auch Droste in seinem Essay fordert: „ums Selbermachen, um Arbeit und Vergnügen ... Es geht um Inspiration, Lebensfreude, Lachen.“ Dafür braucht es den Spaß am Kochen und am Essen, der schon in früher Kindheit durch die gemeinschaftliche Sozialisation am Küchentisch geprägt wird.

Und wenn es die Erinnerung an den Geruch frisch zubereiteter Speisen wie Omas liebevoll geformte Hefeklöße mit heißen Kirschen ist. In diesem Sinne: Guten Appetit!

Von Carolin Burchardt