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Panorama Das Erdbeben in der Türkei fordert mindestens 270 Tote
Nachrichten Panorama Das Erdbeben in der Türkei fordert mindestens 270 Tote
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20:12 24.10.2011
Rettung aus den Trümmern. Quelle: dpa
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Istanbul

Die Hoffnung hat mehrere Namen. Einer von ihnen ist Yalcin Akay. Der 19-Jährige war unter den Trümmern eines eingestürzten Wohnhauses in der osttürkischen Kreisstadt Ercis bei dem schweren Erdbeben vom Sonntag eingeklemmt worden, doch er gab nicht auf. Sein Mobiltelefon funktionierte noch, und so konnte er die Polizei anrufen und die Rettungsteams zu sich lotsen. Wenig später wurde Yalcin gefunden und mit einer Beinverletzung ins nächste Krankenhaus gebracht. Noch auf der Trage berichtete er seinen Rettern von den Stimmen weiterer Verschütteter in der Ruine des Hauses, die er gehört habe.

Auch andere Schicksale hören sich an wie ein Wunder. In einem anderen Teil von Ercis zogen die Retter drei junge Lehrerinnen aus einem Haufen aus zerstörten Betonblöcken, der bis Sonntagmittag ein sechsstöckiges Gebäude gewesen war. Die drei jungen Frauen überlebten, obwohl sie sich im Moment des Erdbebens mit der Stärke 7,2 in einer Cafeteria im Erdgeschoss des Hauses aufhielten.

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Geschichten wie diese gaben den Rettern am Tag nach dem schweren Erdbeben in der Provinz Van im Osten der Türkei neuen Mut, doch Illusionen machte sich niemand. Bis zum Abend zählten die Behörden 272 Tote und mehr als tausend Verletzte. Allein in Ercis wurden 24 Stunden nach dem Beben noch mehr als 300 Menschen vermisst. Für Eingeschlossene und Verletzte unter den Trümmern wurde die Zeit knapp.

Die Rettungsaktion ist noch aus einem anderen Grund ein Wettlauf gegen die Zeit: Nachts sinken die Temperaturen im Unglücksgebiet auf den Gefrierpunkt, für die kommenden Tage ist Schnee vorhergesagt. In einigen Dörfern der gebirgigen Region war bis Montagmittag noch überhaupt keine Hilfe eingetroffen.

Die Behörden stehen vor der Doppelaufgabe, eine groß angelegte Rettungsaktion zu organisieren und gleichzeitig den möglichst raschen Aufbau von Zeltstädten und Feldküchen für die Überlebenden voranzutreiben. Deutlich war zudem der Wille der Regierung zu spüren, alles zu tun, um den Eindruck zu vermeiden, dass die türkische Republik mit der Hilfe für die vorwiegend kurdische Region knausert.

„Alles, was der Staat hat, wird nach Van geschickt“, sagte Vizepremier Besir Atalay vor der Presse. „An jedem Trümmerhaufen wird gearbeitet.“ Doch das traf nur für Städte wie Van und Ercis zu. In Dörfern des Umlands warteten die Menschen noch am Montag auf Hilfe. Der türkische Nachrichtensender NTV berichtete, in dem Dorf Güvecliköy, rund 30 Kilometer von der Provinzhauptstadt Van entfernt, seien 130 von 200 Häusern zerstört worden.

Der türkische Rote Halbmond ließ unterdessen auf Fußballplätzen und anderen öffentlichen Flächen beheizbare Zelte für mehrere Zehntausend Obdachlose errichten: Viele Menschen hatten die erste Nacht nach dem Beben im Freien verbracht.

Unterdessen kritisieren Experten die weit verbreitete Missachtung von Bauvorschriften bei der Errichtung von Wohnhäusern und den Mangel an staatlichen Kontrollen. „Nicht das Beben tötet“, sagte Serdar Harp, der Chef des türkischen Bauingenieursverbandes. „Die Gebäude töten.“ Viele Gebäude in Van, einer der ärmsten Provinzen der Türkei, sind in den vergangenen Jahren hastig und ohne Beachtung von Vorschriften errichtet worden. Häufig wird minderwertiges Material verwendet, oder es wird am Baustahl gespart, der den Gebäuden Halt geben soll. Nach dem Beben von Sonntag war in Van und in Ercis zu sehen, dass unmittelbar neben völlig zerstörten Wohnhäusern andere Gebäude die Erschütterung ohne erkennbare Schäden überstanden hatten.

Zahlreiche Beben in den vergangenen Jahren, nicht zuletzt das verheerende Erdbeben von 1999 mit rund 20.000 Toten, machten immer wieder deutlich, wie schlecht die Bausubstanz vielerorts ist. Trotz des bemerkenswerten Wirtschaftsbooms der Türkei hat sich daran bis heute nur wenig geändert. Was sich sehr wohl geändert hat, ist die Schnelligkeit und die Professionalität der Katastrophenhilfe. Nach dem Beben in der Westtürkei von 1999 hatte es mehrere Tage gedauert, bis die schwerfällige Bürokratie eine einigermaßen funktionierende Hilfsaktion auf die Beine stellen konnte; diesmal begannen die Rettungsarbeiten schon wenige Stunden nach der Katastrophe.

Und noch einen kleinen Hoffnungsschimmer gab es am Tag nach dem Beben: Der Rest der Türkei reagierte auf das Unglück im Kurdengebiet mit einer beispiellosen Hilfsbereitschaft. Und all das, obwohl erst vergangene Woche 24 türkische Soldaten bei einem Angriff kurdischer PKK-Rebellen getötet worden waren und obwohl noch am Wochenende mehrere Hunderttausend Menschen in mehreren türkischen Städten gegen die PKK demonstriert hatten: Die Türken können offenbar zwischen ihren kurdischen Mitbürgern und der PKK unterscheiden.

Susann Güsten

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