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Panorama Das Ikea-Prinzip als Haus
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15:57 17.04.2010
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Rosenheim“ heißt das Viertel im schwedischen Malmö, doch von Blumenpracht ist nach einem kalten Winter noch wenig zu sehen. Ungeschmückt stehen die Häuser aneinandergereiht, und nur das vor der Wohnungstür geparkte Einkaufswägelchen oder das Dreirad nebenan zeigen, dass hier Menschen leben. Boel Jepsson holt gerade die Post. Seit die Siedlung 2003 gebaut wurde, wohnt die 77-jährige Rentnerin hier, und sie kann nur das Beste über ihre Erfahrungen sagen: „Ruhig ist es, bequem, nette Leute.“ Damals hat sie ein Haus verkauft, das ihr zu groß wurde, und ist umgezogen in die erste Boklok-Siedlung, die es in Malmö gab.

Boklok heißt auf schwedisch „Wohn klug“ und ist das vom Möbelhersteller Ikea entwickelte Wohnkonzept, das passende Haus für „Billy“ und Co: Preisgünstig, funktionell und einheitlich sollen die Eigenheime sein. Rund 4000 dieser Holzhäuser stehen bislang in Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland und Großbritannien. Als Nächstes will Ikea nun in den deutschen Fertighausmarkt einsteigen.

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An diesem Sonnabend beginnt der Verkauf der ersten Wohnungen samt Grundstücken in Wiesbaden-Auringen, eine Woche später startet er in Offenbach-Waldheim. Weitere deutsche Siedlungen, zunächst in Hofheim und Nürnberg, später womöglich in der gesamten Republik, sollen nach einer erfolgreichen Testphase folgen.

Das Geschäftsmodell in den verschiedenen Ländern ist immer das Gleiche: Boklok vergibt eine Lizenz an Bauunternehmen, die anschließend nach vorgegebenen Ikea-Plänen das Bauprojekt managen. In Deutschland ist das hessische Unternehmen Bien-Zenker der Ikea-Partner. Was Bien-Zenker nun in Wiesbaden und Offenbach auf die Wiese stellt, gleicht den Häusern in Malmö wie ein „Billy“-Regal dem anderen, auch wenn die Schwedenhäuser von Skanska gebaut werden: im Winkel errichtet mit gemeinsamer Grünfläche für sechs Wohnungen, flache Dächer, Balkon, verschalte Holzfassaden. Sogar den Apfelbaum, den man vor jedes der schwedischen Häuser gepflanzt hat, soll es in den deutschen Siedlungen geben. „Nur die Sorte steht noch nicht fest“, sagt Boklok-Sprecherin Ewa Magnusson.

Aber ausgerechnet am Sitz der deutschen Ikea-Zentrale organisierten Kommunalpolitiker Widerstand gegen die Häuser von der Stange. Die Gebäude sähen aus wie „Baracken, in die man zwei Löcher gestemmt hat“, ereiferte sich ein Lokalpolitiker. Ein Kollege der CDU erkannte in den Holzhäusern, die er nur von Schwarz-Weiß-Bildern kannte, eine Ähnlichkeit zum „Hasenstall“. Ikea ließ den Skeptikern einen Stoffhasen und Farbbilder zukommen und überzeugte sie schließlich.

Kritik an der Boklok-Architektur ist Ikea schon aus der Heimat gewöhnt. Schwedische Architekten haben vor Jahren angeprangert, dass der „Zwang zur Rentabilität die Architektur knickt“. Aufhalten konnten sie die Ikea-Häuser damit nicht. Die Zweckmäßigkeit siegte über die Ästhetik – wie so oft und wie überall auf der Welt, wenn es um Ikea-Artikel geht.

In „Rosenheim“ wohnt es sich weder phantasievoller noch langweiliger als in anderen Reihenhaussiedlungen. Dafür billiger. „Wir haben eben ein standardisiertes Produkt, das überall funktionieren soll“, sagt Boklok-Sprecherin Magnusson. Einst wurde Ikea mit Möbeln groß, die sich normale Menschen leisten konnten – nicht, weil Firmengründer Ingvar Kamprad so ein großes Herz hat, sondern weil er die riesigen Marktchancen sah. Boklok versucht es jetzt mit Wohnungen.

Das Projekt war ursprünglich eine Folge der Krisenjahre in den Neunzigern, als man in Schweden reich sein musste, um sich ein Dach über dem Kopf leisten zu können. „Wir wollten beweisen, dass man auch billiger bauen kann“, sagt Magnusson. Eine Boklok-Wohnung soll sich auch „eine Krankenschwester mit Kind“ kaufen können. „Wir haben ausrechnen lassen, was eine alleinerziehende Mutter fürs Wohnen ausgeben kann“, und danach habe man die monatlichen Kosten kalkuliert.

Rund 180.000 Euro soll die billigste, 84 Quadratmeter große Wohnung in Offenbach nun kosten, 200.000 Euro das kleinste Reihenhaus in Wiesbaden – schlüsselfertig inklusive Grundstück, Garten, Stellplatz und Anschlusskosten. Die Holzhäuser sind allerdings nicht unterkellert. Als in Schweden 1996 die ersten Häuser verkauft wurden, lagerten die Interessenten auf dem Parkplatz vor der Ikea-Filiale zwei Tage lang in Zelten, um einen guten Platz in der Schlange zu ergattern. „Das geht ja nicht, dafür hat die Krankenschwester keine Zeit“, erkannte man. So hat man das Lossystem eingeführt, das jetzt auch in Deutschland gilt: Jeder Kaufwillige gibt seinen Namen ab, und dann wird die Reihenfolge gezogen, in der er wählen kann. „In der Finanzkrise ging der Verkauf schleppend, aber mittlerweile gibt es mehr Interessenten als Wohnungen“, heißt es bei Boklok.

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