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Panorama Das kann man doch nicht essen!
Nachrichten Panorama Das kann man doch nicht essen!
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09:43 17.08.2010
Von Marina Kormbaki
Manche Tiere kommen zum Schlachthof, manche ins Fotostudio: Der „Cotswold“-Schafbock mit Hippie-Frisur stammt aus dem Buch „Schöne Schafe“, das bei Ivy Press erschienen ist und jetzt in deutscher Ausgabe im Landwirtschaftsverlag Münster vorliegt. Kathryn Dun beschreibt darin ausgezeichnete Rassen, Paul Farnham hat sie fotografiert. Quelle: HAZ
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Die Deutschen lieben Tiere. Sehr sogar. In mehr als einem Drittel aller Haushalte hierzulande leben Haustiere. Hunde, Katzen – vor allem Katzen –, Mäuse. Ihre Zahl wird auf rund 23 Millionen geschätzt, und natürlich lassen sich Herrchen und Frauchen die Liebe zu ihren vierbeinigen Lieblingen und deren Wohlergehen gerne etwas kosten: Für Futter, Streu und Leckerlis gaben sie im vergangenen Jahr 3,6 Milliarden Euro aus.

Die Deutschen lieben es aber auch, Tiere zu essen. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind auf hiesigen Schlachthöfen so viele Schweine getötet worden wie in keinem Halbjahreszeitraum zuvor: 28,5 Millionen Schweine, außerdem 1,8 Millionen Rinder. Im Falle der Lebewesen, die unter dem Sammelbegriff „Geflügel“ geführt werden, verzichtet man beim Statistischen Bundesamt auf konkrete Zahlen über geschlachtete Tiere, wohl aus praktischen Gründen. Das gültige Mengenmaß ist hier die Tonne: „In den ersten sechs Monaten 2010 wurden 392 300 Tonnen Jungmasthühnerfleisch erzeugt“, heißt es in einer Erklärung. Dies ist ein Plus von 8,2 Prozent.

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Mit der einen Hand kraulen wir unseren Hund hinter den Ohren, streicheln unserer Katze über den Rücken, mit der anderen Hand spießen wir einen Bissen totes Schwein auf und führen es zum Mund – ein alltägliches Bild, ein widersprüchliches noch dazu. Es offenbart die Irrationalität, mit der Menschen über den Wert von Tieren befinden, mit der sie ihr Recht begründen, Tiere zu töten. „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher“ – dieser Satz steht in George Orwells Roman „Die Farm der Tiere“ zwar in ganz anderem Zusammenhang, er beschreibt aber recht treffend unser paradoxes Verhältnis zu Tieren.

Es ist oft ein Leichtes, das Tier in dem, was man auf dem Teller hat, zu übersehen. Hähnchennuggets, Bolognese-Hack und Würstchen – an welchen Körperteil von Hähnchen, Schwein oder Rind soll denn auch Fleisch, das zu solchem Etwas verarbeitetet wurde, erinnern? Verdrängung ist ein verlässlicher Mechanismus. Aber damit wollte sich Jonathan Safran Foer eines Tages nicht mehr abfinden.

Fleisch in Zahlen
1094 Landtiere verzehrt jeder Deutsche in seinem Leben.
7,39 Tonnen Fleisch essen Männer bei einer Lebenserwartung von 77 Jahren bis an ihr Lebensende.
7,872 Tonnen Fleisch essen Frauen bei einer Lebenserwartung von 82 Jahren bis an ihr Lebensende.
91 Kilogramm verzehrten die Menschen in den Industrieländern 2003 im Durchschnitt pro Kopf.
84 Kilogramm Fleisch aßen die Deutschen 2003 pro Kopf.
60 Prozent der Bundesbürger stehen einem vegetarischen Wochentag positiv gegenüber.
45 Prozent legen mindestens einen fleisch- und fischfreien Tag pro Woche ein.

Quelle: vebu.de, P.U.N.K.T. PR.

Foer zählt zu den talentiertesten Jungautoren der USA. Viele Kritiker halten ihn sogar für den talentiertesten überhaupt. Zwei Romane hat er bisher geschrieben. „Alles ist erleuchtet“ aus dem Jahr 2003 ist der eine: die schmerzlich-komische Erzählung eines jungen Amerikaners, der sich auf einen sonderbaren Trip durch die Ukraine begibt, um die Frau zu finden, die seinen Großvater vor den Nazis gerettet hat. Der andere ist „Extrem laut und unglaublich nah“ von 2006: die aberwitzige und anrührende Geschichte eines Jungen, dessen Vater bei den Anschlägen vom 11. September getötet wurde und der nun auf der Suche nach Erinnerungen durch New York streift.

Beide Romane enthalten autobiografische Elemente, im Kern sind sie aber doch fiktiv, das Resultat sprudelnder Phantasie. Jetzt hat Foer, 33-jähriger Nachkomme von Holocaust-Überlebenden, ein ganz und gar nicht fiktives Buch vorgelegt. Der Realitätsbezug seines Werkes „Eating Animals – Tiere essen“ ist so unmittelbar, dass man sich beim Lesen immer wieder wünscht, die beschriebene Praxis auf Schlachthöfen, in Hähnchenmastbetrieben und bei technologisch hochgerüsteten Fischfangflotten sei der Plot für einen geschmacklosen Horrorfilm, aber bitte nicht unsere Wirklichkeit. Ende vergangenen Jahres ist das Buch in den USA erschienen und hat dort eine fiebrige Debatte über richtige Ernährung entfacht – „richtig“ im ethischen, gesundheitlichen und umweltbewussten Sinne gleichermaßen.

Am Donnerstag erscheint das Buch auch in Deutschland. Und die Debatte über die Frage nach der moralischen Legitimität von Fleischverzehr ist auch hierzulande in vollem Gange. „Lasst das!“, titelt die aktuelle Ausgabe der „Zeit“ über zwei blutigen Stücken Steak. „Der Speck muss weg“, heißt es bei „Spiegel Online“. Und Vegetarier sind landauf, landab gefragte Gesprächspartner.

„Tiere essen“ ist keine kämpferische Streitschrift, kein rigoroses Plädoyer, das den Verzicht von Fleisch oder gar tierischen Produkten im Allgemeinen einfordert. Dafür ist Foer viel zu gern Geschichtenerzähler, und dafür weiß er auch viel zu gut um die kaum vermeidbaren Widersprüche und Inkonsequenzen menschlichen Handelns. Was er auf 300 Seiten ausbreitet, ist eine eindrucksvolle Collage aus persönlichen Befindlichkeitsbekundungen, autobiografischen Anekdoten, nüchternen Schilderungen der Abläufe in industriellen Mastbetrieben und Schlachtfabriken, Monologen – von Tierrechtlern, Arbeitern auf Schlachthöfen und Unternehmern der Fleischindustrie – und Zahlen, vielen Zahlen. Die Textformen, aus denen sich dieses Sachbuch zusammensetzt, mögen unterschiedlich sein, ihre Aussage ist stets dieselbe: Vegetarische Ernährung ist ohne Alternative, will man diesen Planeten mitsamt der Spezies Mensch noch eine Weile in vertretbarem Zustand existieren lassen.

Es war nicht irgendein Tag, an dem Foer auf die Idee kam, der Herkunft von Steaks und Würstchen nachzuspüren. Es war der Tag, an dem sein Sohn zur Welt kam. Mit der Verantwortung für seinen Sohn entdeckte Foer auch seine gesamtgesellschaftliche Verantwortung – ein Gesellschaftsbegriff, der Flora und Fauna einbezieht.

Bei seiner dreijährigen Recherche, die Foer kreuz und quer durch die USA führte, lernte er beispielsweise, dass der Nutztiersektor für 18 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist – und damit rund 40 Prozent mehr ausmacht als der gesamte Transportsektor. Dass Ferkeln ohne Betäubung die Hoden herausgerissen werden, ganz legal. Dass in einer einzigen Lachsfarm die Konzentration von Lachsläusen 30 000-mal höher ist als in freier Wildbahn. Dass die meisten Truthähne, die an Thanksgiving schließlich auf amerikanischen Tafeln landen, genetisch nicht mehr dazu in der Lage gewesen wären, sich selbst fortzupflanzen. Dass Puten aus Masttierhaltung salzige Bouillon unter die Haut gespritzt wird, damit sie mehr Geschmack erhalten.

Das mögen keine neuen Erkenntnisse sein, keine neuen Gründe gegen den Konsum von Fleisch. Die Fülle an Beispielen und Daten indes, die Foer sprachlich unkompliziert aufbereitet, entfalten eine zwingende Argumentationslogik. Im Kern ist es aber nicht seine Faktenfülle, wegen der „Tiere essen“ in den USA wie auch in Deutschland eine lebhafte Debatte über richtige Ernährung ausgelöst hat. Vielmehr ist es Foers unverkrampftes, ideologisch ganz und gar unbelastetes Verständnis von Vegetarismus, das bei vielen Menschen Anklang findet. Foer stellt nicht die Frage der Fragen, nämlich ob wir Menschen Tiere töten dürfen. Seine unausgesprochene Antwort darauf lautet Ja.

Nicht das Ob, sondern das Wie ist Foers Thema: Wenn wir uns schon das Recht zum Töten nehmen, dann ist es das Mindeste an moralischem Gebot, den Tieren ein Leben frei von Leid zu bieten. Und mit Massentierhaltung, so Foer, ist ein Tierleben ohne Angst und Schmerz undenkbar. Deswegen plädiert er für den bewussten Fleischkonsum. Dafür, vor dem Gang zur Fast-Food-Kette oder zur Tiefkühltruhe noch einmal innezuhalten und zu überlegen, ob der Gaumengenuss nach dem Kauf von Billigfleisch tatsächlich das ihm zugrundeliegende Leid rechtfertigt. Dafür, einen fleischlosen Tag in der Woche einzulegen, eben ganz praktische Sachen.

Der vegetarischen Lebensweise haftete lange Zeit etwas Sektiererisches, wenn nicht gar Fundamentalistisches an. Wer Vegetarier war, der stand abseits des gesellschaftlichen Grundkonsens, wonach das Töten von Tieren legitim, ja sogar nötig für den Fortbestand des Menschen ist. Ein Sonderling, der sich seinen Mitmenschen moralisch überlegen glaubt und deswegen auf einer höheren Evolutionsstufe wähnt. Wer am Tisch die Platte mit dem Braten ablehnte, musste sich erklären.

Zurzeit scheint es so, als stünden nicht die Vegetarier – von denen es in Deutschland gerade einmal drei Prozent gibt – unter Rechtfertigungsdruck, sondern die übrigen 97 Prozent Fleischesser. Foers Buch erscheint zu einer Zeit, in der ein geschärftes Krisenbewusstsein das unverkrampfte Hinterfragen von Konventionen nach sich zieht. Erst am Sonnabend trafen sich etwa 7000 Menschen zum „Veggie Street Day in Dortmund“, Gaststättenverbände empfehlen Gastronomen, auch aus Wettbewerbsgründen vegetarische Speisen in die Karte zu nehmen. Und auch unter deutschen Intellektuellen gewinnt der Vegetarismus an Reiz: Die Schriftstellerin Karen Duve („Taxi“) befindet sich seit Monaten in einem fleischlosen Selbstversuch. Vier ethisch korrekte Ernährungsweisen will sie testen und ihre Ergebnisse im Januar unter dem Titel „Anständig essen“ veröffentlichen.

Gute Vorsätze haben sowieso die meisten: Mehr als die Hälfte der Deutschen will künftig weniger Fleisch essen. Ungewiss, ob sie es wirklich tun. Dass so viele Menschen aber eine vegetarische Ernährung erwägen, zeugt doch mindestens von einem Bewusstseinswandel. Vielleicht auch davon, dass sie Tiere wirklich lieben.

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