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Panorama Deal könnte Prozess um 400-fachen Missbrauch gegen Carsten B. abkürzen
Nachrichten Panorama Deal könnte Prozess um 400-fachen Missbrauch gegen Carsten B. abkürzen
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08:03 28.12.2010
Von Dirk Schmaler
Carsten B. soll in 400 Fällen Sex mit Kindern und Jugendlichen in Thailand gehabt haben. Quelle: dpa
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Nach zwei Nachmittagen vor dem Landgericht in Lüneburg war es dem Verteidiger zu viel. Es sei „schwer erträglich, diese Videos anzuschauen“, sagte Jörg Meyer-Anderson aus Celle. Auf den Aufnahmen, die zuvor an mehreren Verhandlungstagen in dem Gerichtssaal 121 im Lüneburger Landgericht gezeigt wurden, ist sein Mandant zu sehen. Es sind erschütternde Bilder.

Carsten B., 65 Jahre alt und mit dem HI-Virus infiziert, hat sich beim Sex gefilmt. Mehr als 140 VHS-Kassetten liegen dem Gericht vor. Darauf zu sehen ist kein Sex zwischen Erwachsenen. Carsten B. missbraucht auf den Aufnahmen augenscheinlich Kinder und Jugendliche. Die Staatsanwaltschaft hat 403 Fälle von 2005 bis 2009 zur Anklage gebracht, in denen der Angeklagte mit Kindern und Jugendlichen in Thailand gegen Bezahlung verkehrt haben soll. 500 Baht hat er pro Abend gezahlt, umgerechnet etwa 13 Euro. Die jüngsten seiner Opfer sollen erst elf Jahre alt gewesen sein. Carsten B. hat jede Kassette fein säuberlich beschriftet, mit dem Namen seiner Opfer und dem Alter. Das, was der Verteidiger aus verständlichen Gründen „schwer erträglich“ findet, ist für die Ermittler eine seltene Gelegenheit, die mutmaßlichen Taten eines deutschen Sextouristen in Thailand zu ahnden.

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Der Fall war durch eine Zeugenaussage bekannt geworden. Eine 13-jährige Kinderprostituierte vertraute sich im Dezember 2009 einer Polizeieinheit in Thailand an. Als diese Carsten B. in seinem Ferienhaus in dem für Sextourismus bekannten Pattaya festnehmen wollten, war der 65-Jährige, der in Celle seinen Wohnsitz hat, zufällig auf dem Weg nach Deutschland. Seitdem ist er in Untersuchungshaft. Die Celler Beamten ermittelten fast ein ganzes Jahr, sie sichteten alle Videos, fuhren nach Thailand, befragten Zeugen, sichteten Fotos.

Doch trotz der augenscheinlich erdrückenden Beweise droht der Fall zu einem regelrechten Mammutprozess zu werden, den das Gericht offenbar scheut. Zwei Jahre lang, bis Ende 2012, will es jede Woche verhandeln. Minderjährige Mädchen aus Thailand müssen eingeflogen, Beweise gesichtet, und Gutachter gehört werden. Carsten B. könnten wegen sexuellen Missbrauchs in Hunderten Fällen bis zu 15 Jahre Haft drohen. Besonders schwer wiegen die Fälle, da die Anklage davon ausgeht, dass er eine Ansteckung seiner mutmaßlichen Opfer mit dem HI-Virus in Kauf genommen hat.

Und doch ist es nach jüngsten Gesprächen zwischen Verteidigung, Staatsanwaltschaft und Richtern unwahrscheinlich geworden, dass der Prozess wirklich über die ganze Distanz gehen wird. Ein Deal liegt auf dem Tisch – und es sieht so aus, als wollte der Angeklagte beim nächsten Verhandlungstermin zugreifen. Das Angebot der Kammer: ein schnelles Geständnis gegen eine überschaubare Strafe. Bis zum 5. Januar muss sich Carsten B. entscheiden. Sein Anwalt Meyer-Anderson sagt, er kenne die Entscheidung seines Mandanten selbst nicht. Es spricht jedoch viel für einen Deal.

Der Vorschlag der Kammer ist angesichts der Vorwürfe und der Videobeweise recht großzügig. Neun Jahre Haft würde Carsten B. bekommen, sechs davon würde er in einer Therapieeinrichtung verbringen. Da er bereits seit mehr als einem Jahr in Untersuchungshaft sitzt, hätte er gute Chancen, nach erfolgreicher sechsjähriger Therapie in Freiheit entlassen zu werden. Ein Gefängnisaufenthalt bliebe dem 65-Jährigen somit womöglich sogar ganz erspart.

Dass Carsten B. im Falle einer Verurteilung zunächst in eine Therapieeinrichtung kommen würde, halten alle Prozessbeteiligten für unstrittig. Ein Gutachten bescheinigt ihm „krankhafte Sexsucht“. Die Taschenkalender des Beschuldigten, die die Ermittler sichergestellt haben, illustrieren, was damit gemeint ist. So rekonstruierten die Ermittler für das Jahr 2009, er habe 259 Tage in Pattaya verbracht. In diesen 259 Tagen fanden sich 295 Eintragungen von Frauennamen. Hinter 156 davon fand sich eine Altersangabe unter 18.

Der Druck auf den Angeklagten, ein Geständnis abzulegen und damit den langwierigen Prozess zu verkürzen, ist in den ersten vier Prozesstagen stetig erhöht worden. Die Aussicht auf weitere Videonachmittage im Gerichtssaal gehören genauso dazu wie eine weitere drohende Anklage, die bisher nur im Raum steht. Denn die Ermittlungen in Thailand und die Hausdurchsuchungen in Celle und Flensburg legen nahe, dass es auch schon vorher in Deutschland zu sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen gekommen sein könnte. Noch haben die Staatsanwaltschaften in Celle und Flensburg wegen dieser Verdächtigungen keine Anklage erhoben, und im Falle eines schnellen Geständnisses würden sie davon auch wohl zunächst absehen. Andernfalls jedoch wäre eine Ausweitung des Verfahrens unausweichlich.

Die Aussicht auf eine Ausweitung des Prozesses auf deutsche Opfer und die damit verbundene gesteigerte öffentliche Aufmerksamkeit ist für Carsten B. wenig attraktiv. Außerdem würden die neuen Erkenntnisse nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft auch die Möglichkeit der Sicherungsverwahrung nach Verbüßung der Haftstrafe wahrscheinlicher machen. Diese Variante ist bei dem angebotenen Deal nach Angaben der Verteidiger ausgeschlossen.