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Panorama Delligsen nimmt Abschied von Julian
Nachrichten Panorama Delligsen nimmt Abschied von Julian
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18:01 24.08.2010
Mehr als 200 Menschen haben am Dienstag Abschied von dem getöteten Julian genommen. Quelle: dpa
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Fast verloren steht der kleine weiße Kindersarg vor dem Altar der vollbesetzten St-Georgs-Kirche in Delligsen. Eine Woche nach dem grauenvollen Tod des fünfjährigen Julian nehmen etwa 200 Menschen in dem kleinen Ort im Weserbergland Abschied von dem Jungen. Worte finden weder die Trauergäste, von denen viele eine einzelne weiße Rose in der Hand haben, noch die Menschen auf der Straße. Der Braunschweigische Landesbischof Friedrich Weber fasst bei der Predigt zusammen, was sich in den Gesichtern der Trauernden widerspiegelt: „Der gewaltvolle Tod eines Kindes ist das Grauenvollste, was es gibt“, sagt er.

Vor einer Woche hat das Verbrechen die Menschen in dem Dorf in einen noch andauernden Schockzustand versetzt. Während die Mutter mit ihrem dreijährigen Sohn im Krankenhaus ist, misshandelt ihr 26 Jahre alter Lebensgefährte stundenlang Julian. Er schlägt ihn immer wieder mit solcher Wucht, dass der Junge in der Nacht zum vergangenen Dienstag schließlich an inneren Verletzungen stirbt. Die Polizei findet die Kinderleiche einen Tag später in einer Garage zwischen Schutt und Müllsäcken.

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Es sei das Schlimmste, was er je gesehen hat, sagt wenig später Bernd Seemann von der Staatsanwaltschaft Hildesheim. Der Lebensgefährte räumte die Tat ein und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

„Schreie von Kindern lösen eigentlich Zuwendung aus, nicht Gewalt“, sagte Landesbischof Weber, der selbst einen zweijährigen Enkel hat. In diesem tragischen Fall könnten jedoch die Schläge das Ventil für die Überforderung im Leben des Täters gewesen sein. Die Lebensumstände seien schwieriger und anstrengender geworden. Umso wichtiger sei es für die Kirche, Kindern einen geschützten Raum zu bieten. „Aber wir können halt nicht immer in die Familien reingucken.“

In seiner Lesung erinnert der Landesbischof vor der Trauergemeinde auch an ermordete Kinder in den vergangenen Jahren - Kevin aus Bremen und Nadine aus dem Kreis Gifhorn. „Wenn wir von diesen schrecklichen Taten hören, werden wir seelisch durchgeschüttelt.“ Es sei das Jahrzehnt des gefährdeten Kindes, sagt Weber.

„Wir versuchen in unseren Kindertagesstätten, die kleinste Verhaltensveränderung der Kinder wahrzunehmen. Aber wir sind auch auf die Hilfe der Eltern angewiesen“, sagt der Gemeindepfarrer von Delligsen, Bernhard Knoblauch.

Julian ging seit Anfang des Jahres in die evangelische Kita des Dorfes - zusammen mit 150 anderen Kindern. Auffälligkeiten habe es in dieser Zeit nicht geben, betont Knoblauch. Das Jugendamt hatte nach der Trennung vom leiblichen Vater die Mutter mit ihren drei Kindern besucht und keine Anhaltspunkte für eine Gefährdung der Kinder festgestellt.

Nach der Trauerfeier liegen sich die Menschen in Delligsen in den Armen und trösten sich gegenseitig. Reden mag niemand. Aber es scheint als habe dieses Verbrechen das Dorf noch näher zusammenrücken lassen.

Julians Familie hat sich für eine Urnenbeisetzung entschieden. „In Absprache mit den Eltern des Jungen wird ein Zeitpunkt für die Beerdigung nicht öffentlich mitgeteilt“, sagt Pfarrer Bernhard Knoblauch.

dpa

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