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Panorama Demjanjuk-Prozess von Gesundheit abhängig
Nachrichten Panorama Demjanjuk-Prozess von Gesundheit abhängig
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14:28 12.05.2009
Der mutmassliche Nazikriegsverbrecher John Demjanjuk wird mit einem Krankenwagen in die Justizvollzugsanstalt Stadelheim gebracht. Quelle: Lennart Preiss/ddp
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Nun ist er in den Händen der bayerischen Justiz. Alle Versuche des mutmaßlichen NS-Kriegsverbrechers John Demjanjuk, seine Abschiebung aus den USA zu verhindern sind erwartungsgemäß gescheitert. Seit Dienstagvormittag lastet die Verantwortung für den Fall auf den Schultern der Staatsanwälte und Richter in München. Demjanjuk soll 1943 als SS-Wächter im Konzentrationslager Sobibor an der Ermordung von 29 000 Menschen beteiligt gewesen sein.

Der Leiter der Zentralstelle für die Ermittlung von NS-Verbrechen, Kurt Schrimm, zeigte sich am Dienstag zuversichtlich, dass die von seiner Behörde in Ludwigsburg zusammengetragenen Beweise gegen Demjanjuk für eine Anklage und auch für eine Verurteilung in Deutschland ausreichen werden. Doch das dachten die Richter 1988 in Israel auch schon einmal. Dort wurde Demjanjuk wegen Tätigkeit als Wachmann im nordöstlich von Warschau gelegenen Vernichtungslager Treblinka zum Tode verurteilt. Aber der Oberste Gerichtshof Israels sprach ihn 1993 wieder frei, weil nicht sicher geklärt werden konnte, ob er wirklich der berüchtigte „Iwan der Schreckliche“ war.

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Auch heute dreht sich alles um die Frage, ob der Beschuldigte zweifelsfrei mit dem damaligen Nazi-Schergen identisch ist. Ihre Hoffnungen stützt die Münchner Staatsanwaltschaft auf einen in einem Archiv entdeckten SS-Dienstausweis Demjanjuks. Das in Washington gelagerte Dokument wurde kurzzeitig nach Deutschland gebracht und hier vom Bayerischen Landeskriminalamt untersucht. Nach Ansicht der Experten, die ihn mit anderen Dienstausweisen verglichen, ist das Dokument echt. Demjanjuk selbst bestreitet dies und spricht von einer Verwechslung. Er sei nur als landwirtschaftlicher Arbeiter und Kriegsgefangener in Sobibor gewesen und nicht als KZ-Wächter.

Ob sich aber überhaupt jemals das zuständige Landgericht München II mit dieser Streitfrage befassen wird, hängt vor allem von Demjanjuks Gesundheitszustand ab. Er leidet nach Angaben seines Sohns an Myelodysplasie, einer Vorform von Leukämie. Die US-Behörden haben dem 89-Jährigen zwar die Transportfähigkeit bescheinigt und ihn abgeschoben. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass Demjanjuk nach deutschen Maßstäben auch verhandlungsfähig ist.

Der Druck in der Öffentlichkeit, ihn vor Gericht zu stellen, ist jedoch riesig. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, fordert einen raschen Prozessbeginn. „Jetzt gilt es, alles juristisch Mögliche zu unternehmen, um Demjanjuk schnellstmöglich vor Gericht zu stellen. Es geht hier um einen Wettlauf gegen die Zeit“, sagte Knobloch in einer ersten Reaktion auf seine Ankunft in München. Der Fall habe einen hohen symbolischen Stellenwert. „Alle noch lebenden NS-Kriegsverbrecher sollen wissen, dass es für sie keine Gnade geben kann, egal in welchem Alter.“

Das sieht sein vom Gericht bestellter Münchner Pflichtverteidiger Günther Maull erwartungsgemäß ganz anders. Es sei „menschenverachtend“ von der US-Regierung, Demjanjuk nicht die Möglichkeit zu geben, sein Leben im Kreise seiner in den USA verbliebenen Familie zu Ende zu führen. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass Demjanjuk gar nicht verhandlungsfähig ist - wovon Maull ausgeht -, könnte er nun nicht mehr zurückkehren, da ihn die Regierung nicht einreisen ließe. „Da können wir dann gleich einen Platz in einem hiesigen Pflegeheim suchen“, beschreibt Maull plakativ die Situation.

Falls es aber doch zu einem Prozess kommen sollte, hat Maull seine Verteidigungsstrategie schon parat: „Ich werde Herrn Demjanjuk raten, zur Sache überhaupt nichts zu sagen.“ Der Prozess könnte sich dann über Jahre hinziehen, da Demjanjuk wegen seines hohen Alters sicherlich nicht acht Stunden pro Tag auf der Anklagebank sitzen kann.

Das sieht sogar der Nebenkläger-Anwalt Stefan Schünemann so. Er vertritt den heute 82 Jahre alten Sobibor-Überlebenden Thomas Blatt. „Wir fordern nicht, dass Demjanjuk während des Prozesses eingekerkert wird“, betonte Schünemann. Wichtig sei für die Opfer und ihre Angehörigen aber, dass der Prozess überhaupt stattfinde - und sei es auch nur einen Verhandlungstag lang.

ddp

12.05.2009
Gabriele Schulte 11.05.2009