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Panorama Der „Ballermann“ will vornehm werden
Nachrichten Panorama Der „Ballermann“ will vornehm werden
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14:50 16.07.2013
Von Stefanie Gollasch
Nicht dass jemand falsche Schlüsse zieht: 
Das Bier, beteuern Patrick und Goran 
aus Stuttgart, hätten sie nicht allein 
getrunken. Nachts muss das Bier ohnehin verschwunden sein. Dann herrscht Alkoholverbot. Quelle: Gollasch/Lipp
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Palma de Mallorca

Patrick und Goran haben es sich gemütlich gemacht. Rund ein Dutzend leere Bierflaschen stecken als bizarres Arrangement im Sand zu ihren Füßen. Das haben sie zu zweit ausgetrunken? Bei mehr als 30 Grad und praller Sonne? „Doch nicht nur wir“, sagt Goran und lacht. „Da sind doch noch zwei.“ Darauf legt er schon Wert. Dennoch eine bemerkenswerte, nun ja: Leistung.

Tatsächlich wirken die beiden noch erstaunlich nüchtern. Was vermutlich mit der Dauer ihres Aufenthalts zu tun hat. Seit neun Tagen wohnen die beiden Stuttgarter in einem Hotel an der Playa de Palma, nur ein paar Schritte vom „Ballermann“ entfernt, dem Epizentrum der trunkenen deutschen Partyseligkeit auf Mallorca. Da ist es kein Wunder, dass sie gut im Training sind – trotz des neuen „Saufverbots“, mit dem die Insel ihr Image korrigieren will. Zwischen 22 Uhr und 1 Uhr darf man hier nun nicht mehr draußen trinken. Die zwei Schwaben fühlen sich davon übrigens nicht betroffen. Abends, sagen sie, feierten sie ohnehin immer irgendwo drinnen. „Draußen trinken ist doch blöd.“ Was mit einem Dutzend leerer Bierflaschen vor den Füßen schon ein eigenartiger Satz ist.

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Mallorca im Sommer 2013. Die Nachricht vom Freiluft-Trinkverbot für die bekannteste Partymeile der Insel hat in Deutschland Furore gemacht. Von einer Ausladung der Partygäste ist die Rede, gerade in Deutschland ist die Aufregung groß. Im Zentrum des Streits: jene beiden zusammen kaum 500 Meter langen „Balnearios“, Strandabschnitte also, die die Deutschen mit der Verballhornung „Ballermann“ auch sprachlich in Besitz nahmen. Polizisten und ein Übersetzer sollen den trinkenden Massen dort nun abends den Alkohol ausreden. Das hat etwas fast rührend Hilfloses – und ist zugleich sehr symbolisch. Mallorca will weg vom Billigtourismus, hin zu zahlungskräftigen Urlaubern mit Anspruch, die die Kassen füllen. Kann das gelingen? Ausgerechnet hier, in der Partyzone an der Playa de Palma?

Durch eine breite Glastür geht es in den riesigen Innenhof der Großdisko „Megapark“, gleich an der Promenade. Unter freiem Himmel wird hier auf 3500 Quadratmetern gefeiert, will sagen: getrunken. Der Eintritt ist frei, den Umsatz bringen die Getränke. Drinnen dröhnt auch jetzt, am Nachmittag, die Musik, Go-go-Girls in roten Bikinis drehen sich träge auf ihren Podesten. Schon jetzt fließen Bier, Sangria und Härteres in Strömen.

„Go hard or go home“ steht auf dem T-Shirt eines zusammengesunkenen jungen Mannes mit keckem Hütchen. Er hätte sich wohl besser für Variante zwei entschieden. Am Abend wird es Dutzende wie ihn geben. Vor der größten Disko des „Ballermanns“ werden sie dann auf diejenigen treffen, die sich draußen ihren amtlichen Urlaubsrausch angetrunken haben, nach dem hier beliebten Motto: „Wer sich erinnert, war nicht dabei.“

Diejenigen, die man gern weghaben möchte, die trinkfreudigen jungen Leuten vorn am Strand, haben das Absurde der Situation ohnehin längst erkannt. „Wo ist denn das Problem?“, fragt Adrian aus der Schweiz. Der 23-Jährige hat sich zusammen mit seinem Kumpel einen der berüchtigten Sangria-Eimer nachgebaut – mit einem Komplettset aus dem Supermarkt. Nun stehen die beiden mit glühenden Gesichtern an der Mauer, die den Strand von der Promenade trennt und die abends angeblich die Keimzelle allen Randaliererübels ist. Direkt über ihnen hängt an einem Lichtmast eins der schon verunstalteten Schilder, die auf das neue Verbot hinweisen sollen. Eigentlich, sagt Adrian, müsste doch das Trinken tagsüber verboten werden, das sei doch viel gefährlicher. Oder geht es am Ende eher um den Umsatz der Wirte?

Den ruinierten Ruf hat sich die Playa de Palma selbst zuzuschreiben. Jahrzehntelang frönte man dem Billigtourismus und verdiente prächtig daran. Ergebnis: Bruchbuden als Hotels, schmuddelige Geschäfte und eine beachtliche Kleinkriminalität. So weit die eine Seite, die in den Seitengassen abseits des Strands durchaus noch zu besichtigen ist.

Die andere ist der inzwischen erkennbare Erfolg der Bemühungen, von diesem Image wegzukommen. Ein Dutzend Hotels ist mit großem Aufwand saniert worden, manche klapprige Bar ist einer schicken Lounge gewichen, und auch Strand und Promenade selbst mit den metallenen Kiosken machen einen gepflegten Eindruck.

Direkt hinter dem „Balneario 6“, quasi im Auge des Partysturms, liegt das Viersternehotel „Playa Golf“. Seit 1999 schon bietet man hier den Gästen gehobenen Komfort. Frisch renovierte Zimmer, ein großer Spa-Bereich, edles Ambiente in der Lobby – ein „Ballermann“-Billighotel ist dies wahrlich nicht. „Unsere Gäste sind zumeist ziemlich ruhig, eine Mischung aus Strand- und Partypublikum“, erklärt Rezeptionistin Mandy. Dass vor dem Hotelgrundstück abends wild gefeiert wird, störe da gar nicht so sehr. Viel lästiger seien die Hinterlassenschaften der Feiernden – und die dröhnend laute Musik, die die Freiluftgelage begleitet.

Zurzeit ist die Lage aber noch einigermaßen übersichtlich. „Im Moment haben wir hier ein kleines Tal, bevor in Nordrhein-Westfalen die Ferien anfangen“ sagt Oliver Lipp. Der 40-Jährige schreibt für sein Internetportal „mallebz.net“ täglich über den „Ballermann“ und bedient damit die Fans der Partymeile, schlägt aber auch kritische Töne an. Als Treffpunkt hatte er die „Schinkenstraße 1“ vorgeschlagen, eine typische „Ballermann“-Kneipe mit Kunststoff-Flechtsesseln und Pizza-Pasta-Irgendwas-Küche. Er kommt mit dem Rad. Foto? Nein, lieber nicht, sagt er, dann könne er nicht mehr in Ruhe arbeiten.

Abends tourt er durch die Klubs, fotografiert Promis und solche, die es werden wollen, erfährt Neues aus dem Mikrokosmos „Ballermann“, in dem er selbst lebt. Dabei bleibt er lieber unerkannt, schließlich hat der eine oder andere Ladenbesitzer, über den er nicht eben positiv geschrieben hatte, mithilfe seiner Türsteher auch schon mal sein Missfallen kundgetan.

Lipp kennt die Partyorte, aber auch die Rückseite der glitzernden Urlauberwelt. Zum Beispiel die unsäglichen Verhältnisse, unter denen die schwarzen Straßenverkäufer leben, die zu Dutzenden in eine Kellerwohnung gepfercht und von ihren Aufsehern unter brutalen Erfolgsdruck gesetzt werden. Oder die haarsträubenden hygienischen Bedingungen, unter denen die berüchtigten Massagefrauen am Strand Touristen bearbeiten – einen nach dem anderen, jedwede Körperzone, ohne sich zwischendurch ein einziges Mal die Hände zu waschen.

Aber er weiß auch um die Probleme, die etwa die finanzschwache Klientel wie dauertrunkene Jugendliche für die in scharfer Konkurrenz zueinander stehenden Gastronomen mit sich bringt. „An denen verdient hier niemand so richtig, die gehen in den Supermarkt, holen sich für 39 Cent die billigste Dose Bier und ziehen damit an den Strand“, schildert Lipp.

Er selbst, ein gebürtiger Freiburger, ist vor sieben Jahren auf Mallorca hängen geblieben. Seit einiger Zeit kann er von seinem Webportal leben. Er erinnert sich aber auch noch gut an die Anfangszeit auf „Malle“, als es vor allem im Winter hart wurde. Dann, wenn man von dem leben muss, was der Sommer gebracht hat.

Dann sind sie plötzlich eine ziemlich kleine Gemeinschaft, die Kneipiers vom „Ballermann“, die Prostituierten, die Hütchenspieler – und die Polizisten, die im Sommer an der Playa für Ordnung sorgen sollen. „Die sitzen im Winter alle zusammen im Café in Palma, und ein halbes Jahr später sollen sie sich gegenseitig verhaften – das kann ja nicht funktionieren“, sagt Lipp. Entsprechend halbherzig gehe es auch abends bei der Umsetzung des neuen Verbots am Ballermann zu. „Die schicken die Leute von der Mauer weg, und kaum drehen sie sich um, sitzen die schon wieder da.“

Felicitas Dechant lehnt entspannt an einem Bartisch im Halbschatten. Hier, fast am Ende der „Bierstraße“, einer Seitengasse der Promenade, führt die 28-Jährige aus Gadenstedt im Landkreis Peine das „Deutsche Eck“. Jetzt, am Nachmittag, ist wenig los, nur ein etwas verwahrlost wirkender Mann mit drei sehr unterschiedlichen Hunden an der Leine bleibt an einem Tisch stehen und lässt seine Tiere aus dem kneipeneigenen Hundenapf trinken.

Verirren sich neuerdings mehr Gäste hierher, in die hintere Reihe, seit am Strand das Trinken nachts verboten ist? „Wir merken davon gar nichts, bei unseren Gästen ist das auch kein Thema“, sagt die braun gebrannte Blondine – und bestätigt die Einschätzung von Oliver Lipp: Am Strand werde mit Billiggetränken „vorgeglüht“, bevor es mit mühsam zusammengekratzten zwölf oder 15 Euro in die nächste Großdisko geht.

„Bei uns bleibt da nicht viel hängen“, sagt Dechant mit Bedauern. Von der Qualitätsoffensive, die die Verwaltung ausgerufen hat, ist bei ihr auch noch nichts angekommen. Im Grunde hält sie solche Initiativen aber ohnehin für überflüssig: „Der ,Ballermann‘ bleibt ja doch der ,Ballermann‘, und die Gäste wollen das genau so.“

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