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Panorama „Der Krieg kommt zurück in eure Städte“
Nachrichten Panorama „Der Krieg kommt zurück in eure Städte“
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23:26 29.03.2010
Helfer am Eingang zu Moskaus Metro.
Helfer am Eingang zu Moskaus Metro. Quelle: dpa
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Rauch hängt über der Metrostation Lubjanka, Menschen liegen auf dem Boden, blutüberströmt, andere gehen ratlos umher. Wenig später die gleichen Bilder, diesmal von der U-Bahn-Station Park Kultury.

Zwei Frauen mit Sprengstoffgürteln haben sich an diesem Montag mitten im morgendlichen Berufsverkehr in zwei ­U-Bahn-Zügen in die Luft gesprengt und Dutzende Menschen mit in den Tod gerissen, an die 100 verletzt. Und den Beobachtern scheint es, als wiederhole sich die Geschichte: Fast sechs Jahre ist es her, dass eine Selbstmordattentäterin beim letzten Anschlag auf eine U-Bahn-Station zehn Menschen in den Tod gerissen hatte.

Die Attentäter schlugen mitten im Berufsverkehr zu: In der Moskauer U-Bahn sind am Morgen zwei Sprengsätze explodiert. Dutzende Menschen starben.

Getroffen haben die Attentäter an diesem Montagmorgen einfache Zivilisten, gezielt hatten sie auf die russischen „Ordnungskräfte“. Über der Station Lubjanka liegt das Hauptquartier des russischen Geheimdienstes und KGB-Nachfolgers FSB. Der zweite Anschlag sollte womöglich dem russischen Innenministerium gelten, das in der Nähe der Station Park Kultury steht.

Um kurz vor acht Uhr gab es die erste Explosion: An der Station Lubjanka, einem Verkehrsknotenpunkt im Zentrum der Stadt, sprengte sich eine Frau in die Luft, als der Zug gerade in die Station eingefahren war. Etwa 40 Minuten später wiederholte sich das gleiche Szenario auf der Station Park Kultury am südwestlichen Rand der Innenstadt. Beide Attentäterinnen benutzten Sprengstoffgürtel, die mit Metallkugeln gefüllt waren, um die zerstörerische Wirkung zu verstärken.

„Die Menschen blieben sehr ruhig“, erzählt im Radio „Komsomolskaja Prawda“ die Augenzeugin Irina. Ihr Zug stand im Moment des Anschlags auf dem gegenüberliegenden Gleis an der Station Park Kultury. Allerdings habe die Polizei völlig planlos reagiert: „Erst rief ein Polizist: ,Alle raus!‘ Und alle rannten über die blutüberströmten Treppen nach oben. Dann kam das Kommando: ,Zurück in den Zug.‘“

Vorbereitet war die Hauptstadt auf so einen Anschlag offensichtlich nicht. Oder hat sie versagt? Oder kann man diesen Zwölf-Millionen-Menschen-Koloss Moskau gar nicht lückenlos absichern? Die Agentur „Rosbalt“ meldet unter Berufung auf eine Quelle in der Moskauer Polizei: Am Sonntag um 17.30 Uhr habe eine Frau bei der Polizei angerufen, die ein Gespräch von Tschetschenen mitgehört haben wollte. Darin sei es darum gegangen, dass es Bombenanschläge in der Moskauer Metro geben werde. Die Polizei kontrollierte daraufhin die Metro-Station, um die es in dem Gespräch ging. Auch Augenzeugen berichten von erhöhter Aktivität der Polizei in der Metro sogar schon am Sonnabend. Das Staatsfernsehen erwähnt allerdings kein Wort davon.

Die Hauptstadt nimmt die Katastrophe mit fast beängstigender Selbstverständlichkeit hin. In der Metro fahren nicht weniger Menschen als sonst, nur die Polizisten, die mit aufmerksamen Blicken durch die Waggons patrouillieren, sind ungewöhnlich.

„Was sollen wir denn sonst machen? Anders kommt man doch nicht weiter in Moskau“, sagen etwa die beiden 20-jährigen Studenten Artur und Andrej, die kurz nach dem Anschlag am Park Kultury umsteigen wollten, und jetzt in der Nähe der Lubjanka neugierig zuschauen, wie Vertreter der Polizei den Journalisten Interviews geben. Ähnlich schicksalsergeben nimmt die 70-jährige Ljudmila Wassiljewna, die gerade mit ihrem Enkel aus der U-Bahn kommt, die Terroranschläge auf. „Wenn du gewusst hättest, wo du fällst, hättest du dir vorher Stroh druntergelegt“, sagt sie. „Aber man kann ja nie wissen, was kommt.“

Noch während an diesem grauen Tag die letzten Leichen aus den U-Bahn-Schächten getragen werden, zeigt das Fernsehen Präsident Dmitrij Medwedjew. Nach dem Krieg gegen Georgien im August 2008 ist das hier seine zweite große Bewährungsprobe. „Wir setzen unsere Operationen gegen die Terroristen fort – ohne zu schwanken und bis zum Ende“, sagt er mit ernster, entschlossener Miene.

Der Präsident hält keine Rede an die Nation, sondern gibt den Krisenmanager. Er hat einen Krisenstab im Kreml zusammengerufen, der dem Land das Gefühl geben soll, dass alles unter Kontrolle ist: Geheimdienstchef Alexander Bortnikow erklärt Medwedjew, dass „diese Terrorakte von verbrecherischen Gruppen verübt wurden, die einen Bezug zum Nordkaukasus haben“. Innenminister Raschid Nurgalijew, zuletzt scharf in der Kritik wegen der Korruption in der russische Polizei, rapportiert, dass er für alle Sicherheitsbehörden eine höhere Sicherheitsstufe angeordnet habe, ganz besonders für die Städte mit eigenen U-Bahn-Netzen. Sieben russische Städte verfügen über eine eigene Metro.

Nach dem Präsidenten zeigt das Fernsehen auch Premierminister Wladimir Putin. Der ist fern der Hauptstadt, im sibirischen Krasnojarsk, aber er sendet von dort eine klare Botschaft: „Wir werden die Terroristen vernichten“, sagt er. Das ist die Pose des „starken Mannes“, in der die Russen ihn kennen und lieben. Wenig später unterschreibt Putin eine Anordnung, dass die Familien der Opfer eine Entschädigung von einer Million Rubel (25 000 Euro) erhalten. Zudem wird verlautbart, dass er seine Reise abbricht und auf dem Rückweg nach Moskau ist.

Gennadij Gudkow, Mitglied des Sicherheitskomitees der Staatsduma, befindet: „Das ist keine neue Welle, sondern die Fortsetzung früherer Wellen.“ Die Gesellschaft habe sich an die falsche Vorstellung gewöhnt, dass „der Krieg vorbei, der Kaukasus ein anderer Planet ist“. Die Terroranschläge seien eine Folge davon, dass „wir unseren Gegner, unseren Feind unterschätzt haben“, sagt Gudkow. Schon fordert er eine erhöhte Aktivität der russischen Ordnungskräfte im Kaukasus.

Tatsächlich hat der Krieg in den zu Russland gehörenden nordkaukasischen Republiken nie aufgehört. Sein Inhalt und seine Form haben sich aber verändert: Hatten die Tschetschenen im ersten Krieg gegen Russland ab 1994 noch für ihre Unabhängigkeit gekämpft, fand die zweite Kampagne schon unter dem Banner des radikalen Islamismus statt. Unter Wladimir Putin, der im Sommer 1999 zunächst zum Ministerpräsidenten ernannt worden war, marschierte Russland in Tschetschenien ein, die islamistischen Rebellen flohen in die Wälder und Berge im Grenzgebiet zwischen Russland, Aserbaidschan und Georgien.
Sie haben ihren Kampf aber nie eingestellt: 2007 rief der Islamistenführer Doku Umarow ein „Kaukasisches Emirat“ aus, dessen Ziel es sei, endgültig die Russen und ihre Handlanger aus dem Nordkaukasus zu vertreiben. An die Stelle der einzelnen kaukasischen Republiken sollte dann ein einheitliches Emirat treten, das nach den Gesetzen des Islams regiert werde.

Militärisch unterlegen, trugen die Islamisten in den Jahren nach dem russischen Einmarsch den Krieg in die russische Hauptstadt. 2001 und 2004 sprengten sich Selbstmordattentäter in der Moskauer U-Bahn in die Luft, 2002 nahmen Terroristen im Theater Dubrowka mehrere Hundert Besucher als Geiseln.

Damals erlangten auch zum ersten Mal die „Schwarzen Witwen“ traurigen Ruhm, die Selbstmordattentäterinnen aus dem Nordkaukasus. Sie sind eine typisch russische Erscheinung: Hinterbliebene Ehefrauen getöteter Rebellen sprengen sich seit Beginn des Zweiten Tschetschenienkriegs in ganz Russland in die Luft – um sich bei den Russen für den Tod ihrer Ehemänner zu rächen. Seit dem Jahr 2000 wurden mehrere Dutzend Terroranschläge unter Beteiligung solcher Selbstmordattentäterinnen gezählt. Russischen Medienberichten zufolge bildeten die Islamisten im Nordkaukasus zuletzt eine Gruppe von 30 „Schwarzen Witwen“ aus. Die Frauen, die sich am Montag in Moskau in die Luft gesprengt haben, könnten aus dieser Gruppe stammen.

In den vergangenen Jahren ließ der russische Geheimdienst FSB jedoch vor allem Erfolgsmeldungen ausgeben, die russische Medien nach immer dem gleichen Schema verbreiten. „In Inguschetien wurden im Zuge einer Spezialoperation in der Siedlung Surchachi drei Kämpfer vernichtet“, heißt es etwa in einer Meldung der Regierungszeitung „Rossijskaja Gaseta“ vom 23. März. Zuletzt war es dem Geheimdienst gelungen, einen der wichtigsten islamistischen Ideologen des Nordkaukasus, Said Burjatskij (eigentlich Alexander Tichomirow), zu töten. Dieser war nach eigenen Worten für eine Reihe verheerender Anschläge gegen die Sicherheitsbehörden Inguschetiens, Dagestans und Tschetscheniens verantwortlich. Burjatskij hatte sich der Ausbildung von Selbstmordattentätern, sogenannten Schachiden, verschrieben. Russische Medien schließen nicht aus, dass die gestrigen Anschläge „Rache für Burjatskij“ sein könnten. Diese Version unterstützte unter anderem der frühere FSB-Leiter Nikolaj Kowaljow.

Bis zum Abend veröffentlichte keine der bekannten Extremistenseiten ein Bekennerschreiben. In Erinnerung wird nur gerufen, dass Doku Umarow im Februar auf einer den Separatisten nahestehenden Webseite gedroht hatte: „Der Krieg kommt zurück in eure Städte.“

Die Moskauer Stadtregierung hat den heutigen Dienstag zu einem Trauertag erklärt. Am Montagmittag schon kamen die ersten Russen an die Lubjanka und legten Blumen für die Opfer nieder. Es ist ein bekanntes Bild. Aber alle dachten, dass es der Vergangenheit angehört.

Moritz Gathmann

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