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Panorama Der starke Abgang der Margot Käßmann
Nachrichten Panorama Der starke Abgang der Margot Käßmann
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10:23 25.02.2010
Quelle: Michael Thomas
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Frauen mit verweinten Gesichtern stehen im Raum Dresden/Magdeburg in der rot geklinkerten Zentrale der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Weiter vorn drängen sich die Kameraleute im Geschiebe um den besten Platz. „Sie kommt, sie kommt, Frau Käßmann kommt“, flüstert ein Reporter ins Handy. Margot Käßmann geht Punkt 16 Uhr im grauen Kostüm erhobenen Hauptes in den Saal, links vor ihr nehmen ihre vier Töchter auf reservierten Stühlen Platz.

Noch einmal flackert ein minutenlanges Blitzlichtgewitter auf, wie am 28. Oktober vergangenen Jahres, als sie zur neuen Ratsvorsitzenden der EKD gewählt worden war. Sie, die frische, fröhliche, moralisch hartnäckige Bischöfin aus Hannover. Doch diesmal lacht Margot Käßmann nicht herzlich, sondern schaut ernst und entschlossen drein. Schließlich trennt sie sich an diesem Tag von allem, was ihr bisher beruflich wichtig war, um als Mensch und Christin glaubwürdig zu bleiben.

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Noch nie hat es in der EKD einen so starken Abgang gegeben wie den entschlossenen Rücktritt Margot Käßmanns von allen ihren kirchlichen Spitzenämtern. Noch einmal zeigt sie allen, dass eine wie sie sich nicht verbiegen lässt. „Einer meiner Ratgeber hat mir gestern ein Wort von Jesus Sirach mit auf den Weg gegeben: ,Bleibe bei dem, was dir dein Herz rät.‘ Und mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben. So manches, was ich lese, ist mit der Würde des Amtes nicht vereinbar“, sagt sie – und es herrscht eine ungewöhnliche Stille im Raum Dresden.

Keiner der hinten sitzenden Kirchenpräsidenten und Landeskirchenräte hätte noch vor vier Tagen geahnt, dass die kirchliche Karriere der Margot Käßmann ein so abruptes Ende nehmen könnte – ausgelöst durch eine nächtliche Fahrt durch Hannover am vergangenen Sonnabendabend im trunkenen Zustand. „Das ist wie ein böser Traum“, sagt einer, der immer noch perplex ist. Am Montagmorgen war der Vorfall öffentlich geworden, 1,54 Promille, eine bei Rot überfahrene Ampel, Strafanzeige, Führerscheinentzug und der Beginn von öffentlichen Debatten darüber, ob eine Bischöfin, die sich in diesem Fall so töricht und für einen Moment unverantwortlich gezeigt hatte, an der Spitze der EKD noch tragbar sei. Käßmann, die streitbare Christin und Humanistin, bot nun plötzlich selbst Angriffspunkte – auch wenn sie ihre nächtliche Irrfahrt nachhaltig bereute.

Noch am Dienstagabend brütete der Rat der EKD in einer einstündigen Telefonkonferenz darüber, wie die Kirche sich und Käßmann aus der misslichen Debattenlage befreien könnte. Dass sie, die so überaus charmant wie auch moralisch kompromisslos sein kann, bei ihren Brüdern und Schwestern einen dicken Stein im Brett hat, sei von Anfang an klar gewesen, berichtet ein Teilnehmer der nächtlichen Ratssitzung. Aber die Angst bestand auch, dass Käßmann bei jeder neuen politisch-ethischen Debatte, in die sie sich begibt, mit dem Vorwurf konfrontiert werden könnte, selbst verantwortungslos gehandelt zu haben.

Irritiert stellten manche in der EKD fest, dass die „Käßmann-Affäre“ plötzlich sogar in die Nähe des Missbrauchsskandals gerückt wurde, der derzeit die katholische Kirche belastet. Doch die vierzehn Ratsmitglieder versicherten einer nach dem anderen Käßmann ihr Vertrauen, allen voran die Grüne Katrin Göring-Eckhart, die sich bereits vor der Konferenzschaltung des Rates in Interviews schützend vor die Hannoveranerin stellte. „Es war schon bewegend zu erleben, dass sich alle Ratsmitglieder da einklinkten“, berichtet einer der Teilnehmer. Der Rat verfasste noch Mittwochmorgen eine knappe Vertrauenserklärung, in der es hieß, man werde auf der regulären Tagung im bayerischen Tutzing am Freitag „eine abschließende Bewertung“ vornehmen: „In ungeteiltem Vertrauen überlässt der Rat seiner Vorsitzenden die Entscheidung über den Weg, der dann gemeinsam eingeschlagen werden soll“, heißt es dann allerdings sybillinisch.


Noch Mittwochmorgen, als Rundfunksender und Online-Dienste die Vertrauenserklärung des EKD-Rates für Käßmann verkündeten, schien es so, als wollte die Bischöfin die Affäre durchstehen – wie schon die überaus heftige Kontroverse über ihren Einspruch zum Afghanistan-Krieg oder die Nervenkrise, die folgte, als sie sich von ihrem Mann Eckhard trennte. Doch diesmal wollte sich Käßmann, die bei aller Forschheit sehr verletzlich ist, weder treiben noch fertig machen lassen. Sie selbst verwarf auch alle Überlegungen, eine Art taktischen Rückzug anzutreten, also nur den Vorsitz im Rat der EKD abzugeben, aber das Bischofsamt in Hannover zu behalten, was viele Hannoveraner wünschten. „Letztlich weiß sie, dass die Kraft ihrer Autorität aus dem Bischofsamt hervorgeht, sodass sie auch das Amt in Hannover abgeben muss, wenn sie auf das Ehrenamt in der EKD verzichtet“, sagt ein hoher Kirchenmann, der den „überaus respektablen Abgang der Bischöfin“ gebannt verfolgt. Alle, die glaubten, Margot Käßmann werde auch aus Ehrgeiz an ihren Ämtern kleben, hat sie am Mittwoch eines Besseren belehrt: „Mir geht es neben dem Amt auch um Respekt und Achtung vor mir selbst und um meine Geradlinigkeit, die mir viel bedeutet.“

Nach dem dann doch überraschenden Rücktritt, der Margot Käßmann erst einmal zu einer einfachen Pastorin macht, war in Kirchenkreisen am Mittwoch Erleichterung über ihren souveränen Entschluss spürbar, aber auch Katzenjammer. Denn jedem ist klar, dass die hannoversche Landeskirche eine so charismatische wie auch polarisierende Persönlichkeit kaum so schnell wieder finden wird. Bestürzt kommentiert der Vorstand der Evangelischen Frauen den Rücktritt Käßmanns. Reifer wäre eine Gesellschaft, wenn sie keine makellosen Helden an ihrer Spitze bräuchte, erklären die Frauen, die die 51-Jährige als ihre Vorreiterin vermissen.

Bestürzt zeigt sich auch die Laienbewegung Deutscher Kirchentag, bei dem sich Käßmann einst als Generalsekretärin profilierte. „Danke, dass Sie mit Leib und Seele so vielen Menschen in diesem Land Pastorin und Freundin sind. Bitte bleiben Sie es!“, schreiben Kirchentagspräsident Eckard Nagel und Generalsekretärin Ellen Ueberschär.

Margot Käßmann wird wohl die prominenteste „einfache“ Pastorin sein, die Niedersachsen jemals hatte.

Michael B. Berger