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Panorama Deutsche Firma schickt Söldner nach Afrika
Nachrichten Panorama Deutsche Firma schickt Söldner nach Afrika
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21:35 24.05.2010
Von Daniel Alexander Schacht
Zwischen der Hilfe von UN und EU und dem Risiko verfeindeter Milizen: Somalischer Regierungssoldat in der Hauptstadt Mogadischu.
Zwischen der Hilfe von UN und EU und dem Risiko verfeindeter Milizen: Somalischer Regierungssoldat in der Hauptstadt Mogadischu. Quelle: afp
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In den armseligen Dörfern des äthiopisch-somalischen Grenzgebiets ist der Anblick von Minenopfern ohne Arme oder Beine so alltäglich wie der von ausgebrannten Panzern sowjetischer Bauart im unwegsamen Hochland – Zeugnisse von mehr als zwei Jahrzehnten Krieg und Bürgerkrieg. Und die Zahl der Opfer, Flüchtlinge und Panzerruinen steigt bis heute, erst, weil Äthiopien ins einst dem Kaiserreich Haile Selassies abtrünnig gewordene Somalia einmarschierte, dann, weil somalische Bürgerkriegsmilizen im Kampf um die Macht und auf Kosten der Zivilbevölkerung immer mehr Massaker anrichteten.

All das ist am Horn von Afrika nichts Neues. Neu ist dagegen, dass sich in die Milizen auch Deutsche einreihen könnten, um die Macht eines selbst ernannten Präsidenten zu sichern. „Die Welt sollte darüber nachdenken, ob sie weiterhin einen Übergangspräsidenten unterstützt, der außerhalb Somalias lebt, oder mich als den gewählten Präsidenten“ – so einfach wie in dieser Stellungnahme gegenüber dem Norddeutschen Rundfunk sind die Alternativen für den 57-jährigen Galadid Abdinur Ahmad Darman.

Der wird zwar, anders als die schwache Exilregierung von Scheich Sharif Sheikh Ahmed, international nicht anerkannt und hat bislang nach einer Wahl im Jahr 2000 keine stabilisierende Rolle in der somalischen Politik zu spielen vermocht. Er hat sich aber die Unterstützung des deutschen Sicherheitsdienstes Asgaard German Security Group verschafft, der seinen Sitz in Telgte bei Münster hat. „Es geht um Personenschutz, Objektschutz und Konvoischutz unter Vollbewaffnung“, erläutert Asgaard-Geschäftsführer Thomas Kaltegärtner dieser Zeitung. „Für den Fall der Fälle, das heißt, wenn ein Angriff auf die Patrouille, den Konvoi stattfindet, reagiert dieses Team gleich. Man hat es gelernt.“

Bislang hat man bei modernen Formen des Söldnertums vor allem an Unternehmen wie Blackwater, Armor Group oder Aegis gedacht. Nun aber sind mit Asgaard auch Deutsche bei solchen Geschäften dabei: Ende 2009 schloss die Firma eine Vertrag mit Darman ab, aufgrund dessen deutlich mehr als 100 Mann – Kaltegärtner spricht von einer „dreistelligen Mannzahl“ – ans Horn von Afrika geschickt werden können.
Für die dortige Sicherheit sollen freilich Deutsche auch noch in anderem Auftrag aktiv werden: Die EU-Trainingsmission EUTM, die 13 europäische Nationen, darunter vor allem spanische und französische Soldaten bilden, trainiert bereits seit Anfang Mai im Sudan somalische Regierungssoldaten. EUTM soll nach Auskunft des Auswärtigen Amts dazu dienen, die somalische Regierung zu stabilisieren, und zugleich bewirken, dass Somalia der Piraterie am Horn von Afrika keinen sicheren Hafen mehr bietet. „Ziel ist es, die somalische Übergangsregierung mit gut ausgebildeten Truppen zu versorgen“, sagt EUTM-Kommandeur Ricardo Gonzales Elul, „damit diese die Kontrolle über die Hauptstadt Mogadischu zurückgewinnen können.“ Zu den EUTM-Soldaten zählen bereits sechs Soldaten der Bundeswehr, die in nächster Zeit noch durch sieben weitere Bundeswehrsoldaten ergänzt werden sollen.

Werden in absehbarer Zeit also Deutsche gegen Deutsche kämpfen? „Das ist doch absolut lächerlich“, sagt Asgaard-Geschäftsführer Kleingärtner. „Dazu kann es schon allein deshalb nicht kommen, weil die deutschen EUTM-Ausbilder ja im Sudan sind.“ Experten äußern sich trotzdem skeptisch: „Wenn ein neuer bewaffneter Akteur mit in das Spiel kommt, hat das sicherlich keine friedlichen Auswirkungen“, sagte Annette Weber von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin gegenüber dem NDR. Und der Sender lässt auch Dustin Dehèz vom Düsseldorfer Institut für Außen- und Sicherheitspolitik zu Wort kommen: „Wenn die Möglichkeit besteht, dass Darman tatsächlich eine militärische Auseinandersetzung sucht, gäbe das mit Sicherheit ein Blutbad.“

In einer am Pfingstwochenende nachgereichten Presseerklärung betont Asgaard indes, dass man nur „mit Billigung der UN“ in Somalia aktiv werden wolle – davon ausgehend, dass die Staatengemeinschaft Darman anstelle von Ahmed als legitimen Staatschef akzeptieren werde. Dann werde Asgaard „die Ausbildung, Ausrüstung und Versorgung der Feuerwehren, des Gesundheitswesens und Katastrophenschutzes, der Polizei und des Militärs übernehmen“. Betont wird zugleich, dass man eng mit der Bundesregierung zusammenarbeiten und „in keiner Weise gegen deren Interessen tätig werden“ wolle. Es befänden sich „zurzeit keine deutschen Staatsbürger auf Veranlassung von Asgaard“ in Somalia, heißt es in der Erklärung; die NDR-Darstellung, nach der bereits ein Teil der Milizionäre ans Horn von Afrika aufgebrochen ist, wird indes nicht dementiert. Geschäftsführer Kleingärtner will über eine Kontaktaufnahme zur Abstimmung mit dem deutschen Außenministerium nichts sagen, im Auswärtigen Amt selbst ist auf Anfrage zu erfahren, dass über den Asgaard-Einsatz jenseits der Presseveröffentlichungen keine Erkenntnisse vorlägen. „Wir prüfen noch“, sagt ein Sprecher.

Kleingärtner, ein ehemaliger Hauptfeldwebel der Bundeswehr, bemüht sich, die Bedeutung des Darman-Auftrags an Asgaard herunterzuspielen. „Ob wir überhaupt vor Ort zum Einsatz kommen, hängt von der politischen Konstellation ab.“ Auf keinen Fall gehe es darum, den in Somalia agierenden bewaffneten Verbänden – der regulären Armee des Landes und den UN-Blauhelmen von Unisom auf der einen Seite und den Milizen Al-Shabab-Islam und Hisb-al-Islam – eine weitere Miliz hinzuzufügen. „Es geht darum, einem seit Langem Not leidenden Volk einen diplomatischen Weg zum Frieden zu bahnen“, sagt der Asgaard-Chef. „Für uns sind dabei Eingriffe in Kampfhandlungen nicht vorgesehen – wenn auch nicht komplett auszuschließen.“

Sein Auftraggeber, der somalische Diplomatensohn Darman, scheint indes ein etwas anderes Verständnis von dem in Somalia nötigen Engagement zu haben. Im NDR ist er mit den Worten zu hören, er erwarte einen Einsatz, der auch „Minenräumung und Häuserkampf“ einschließt. Die Welt müsse einsehen, dass sie sich mit dem falschen Präsidenten verbündet habe. „Sie sollte Somalia den Somaliern geben, sie sollte es uns geben“, appelliert Darman und fährt wörtlich fort: „Wir erledigen dann alle Säuberungen.“