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Panorama Deutsche Kinder laut Unicef-Studie immer unglücklicher
Nachrichten Panorama Deutsche Kinder laut Unicef-Studie immer unglücklicher
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23:02 10.04.2013
Laut einer Unicef-Studie sind Kinder und Jugendliche in Deutschland überwiegend unzufrieden mit ihrer Lebenssituation. Quelle: dpa
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Berlin

Kinder und Jugendliche in Deutschland leben besser als ihre Altersgenossen in den meisten anderen Ländern, sind aber zunehmend unzufriedener. Das ist das Ergebnis einer Unicef-Studie zur Lage der Kinder in Industrieländern. Demnach haben auf einer Skala von null bis zehn weniger als 85 Prozent sechs oder mehr Punkte für ihr persönliches Wohlbefinden vergeben – Anfang des Jahrtausends waren es mehr als 85 Prozent. Damit liegt Deutschland im Vergleich mit 29 Industrienationen auf Platz 22. Im vorigen Ranking erreichte es noch den 12. Platz.

„Die deutschen Mädchen und Jungen stellen damit sich und ihrer Umgebung ein erschreckendes Zeugnis aus, das uns nachdenklich machen muss“, sagte Hans Bertram, Professor an der Humboldt-Universität und Mitglied des Deutschen Komitees für Unicef, am Mittwoch in Berlin.

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In dieser subjektiven Einschätzung der Lebenszufriedenheit steht Deutschland weitaus schlechter da als in den objektiven Kategorien der äußeren Lebensumstände. In den fünf Bereichen – materielles Wohlbefinden (11. Platz), Gesundheit und Sicherheit (12.), Bildung (3.), Verhalten und Risiken (6.) sowie Wohnen und Umwelt (13.) – belegt das Land zusammengefasst den 6. Rang. Vor drei Jahren war es Platz 8 – das Lebensumfeld der Jugendlichen in Deutschland hat sich zuletzt also verbessert. Besonders in Sachen Bildung hat Deutschland nach den schlechten Ergebnissen der PISA-Bildungsstudie deutlich aufgeholt. Und trotzdem: In keinem anderen Industrieland zeigt sich laut Unicef eine breitere Kluft zwischen Lebensumständen und Lebenszufriedenheit. Im Gesamtergebnis führen die Niederlande gefolgt von Norwegen, Island, Finnland und Schweden. Rumänien belegt in allen Bereichen den letzten Platz.

Die guten Nachrichten der Studie: Deutsche Jugendliche rauchen immer seltener, nehmen weniger Drogen und trinken weniger Alkohol. Ebenso werden weniger Teenager schwanger. Besorgniserregend dagegen ist, dass in allen 29 Ländern der Anteil der übergewichtigen Kinder über zehn Prozent liegt, in Deutschland sogar bei mehr als 15 Prozent.

Tatsächlich erkennen Experten in der „einseitigen Konzentration auf Leistung“, wie Bertram betonte, ein großes Problem. Diese Ansicht teilt Christoph Möller, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Krankenhauses Auf der Bult in Hannover. „Wir erleben viele Kinder, die von Zwölf- bis 14-Stunden-Tagen berichten – das entspricht der Arbeitszeit eines Managers“ sagte er: „Das Gefühl, hinterherzuhinken, und den Spaß am Leben und lernen zu verlieren, macht unglücklich.“ Zudem könnten Eltern mit Hartz IV oder Teilzeitjobs ihren Kindern aufgrund eigener Zukunftsängste oft kein positives Lebensgefühl vermitteln. Fernseher und Computer würden zur Alternative für Sport und Aktivität, ohne langfristig zur eigenen Zufriedenheit beizutragen. „Das ist wie Alkoholtrinken: Nach drei Bieren fühle ich mich vielleicht weniger gestresst, ich tue aber nicht wirklich etwas dagegen“, sagte Möller, „bei Sport und Bewegung werden Glückshormone ausgeschüttet.“

Sebastian Scherer


Welche Bereiche im Leben eines Kindes wurden untersucht?

Für die Unicef-Studie wurden in 29 Ländern mehr als 176.000 Kinder und Jugendliche im Alter von elf bis 15 Jahren befragt. In Deutschland waren es 5000, die eine Einschätzung zum eigenen Wohlbefinden gaben. Gegenübergestellt wurden fünf Bereiche, die ein Gesamtbild ergeben:
Materielles Wohlbefinden: Als wichtigster Indikator für diese Dimension gilt die relative Kinderarmut. Ein Grund, warum Deutschland im internationalen Vergleich mit Platz 11 relativ gut dasteht, sind die staatlichen Transferleistungen. Sie reduzieren die Rate der relativen Armut um die Hälfte. Würden sie wegfallen, würde Deutschland deutlich schlechter stehen. Aber auch der Mangel an regelmäßigen Mahlzeiten, einem Internetanschluss daheim oder Freizeitaktivitäten in Vereinen spielt eine Rolle.

Bildung: Bessere Ergebnisse bei den PISA-Tests und 96 Prozent der Kinder im Alter zwischen 15 und 19 Jahren, die Schulen besuchen oder gerade ausgebildet werden, hieven Deutschland im Vergleich hoch auf den 3. Platz.

Gesundheit und Sicherheit: Defizite in Sachen Gesundheit bei Kindern liegen laut Studie auch in der leicht erhöhten Säuglingssterblichkeit, dem Geburtsgewicht und der Impfrate. Nur 95 Prozent aller Kinder sind gegen die gefährlichsten Kinderkrankheiten geimpft.

Verhalten und Risiken: Seltener als früher werden laut Unicef Kinder zu Mobbingopfern. Nur 30 Prozent haben sich im Vorjahr mehr als einmal geprügelt.

Wohnen und Umwelt: Die Wohnsituation von Familien wurde anhand der pro Kopf vorhandenen Räume bewertet. Auch Wohnprobleme wurden dokumentiert – wie etwa undichte Dächer oder gar fehlende Toiletten.

Felix Klabe