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Panorama Deutschlands Nordosten versinkt übers Wochenende im Kältechaos
Nachrichten Panorama Deutschlands Nordosten versinkt übers Wochenende im Kältechaos
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20:56 10.01.2010
Autofahrer lenken am Sonntagmorgen ihre Fahrzeuge auf einen Parkplatz an der A20 zwischen Tribsees und Grimmen, nachdem die Autobahn wegen Schneeverwehungen von der Polizei gesperrt wurde.
Autofahrer lenken am Sonntagmorgen ihre Fahrzeuge auf einen Parkplatz an der A20 zwischen Tribsees und Grimmen, nachdem die Autobahn wegen Schneeverwehungen von der Polizei gesperrt wurde. Quelle: ap
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„Zwei Meter hohe Schneeverwehungen brachten den Regionalexpress Stralsund–Berlin in Bargischow um 6.20 Uhr endgültig zum Stehen“, berichtete Werner Neumann aus Greifswald, der gestern mit der Bahn nach Potsdam fahren wollte, gegenüber der Rostocker „Ostsee-Zeitung“. Schon zuvor, bei Klein Bünzow, sei der Zug in einer Schneewehe stecken geblieben, berichtet der 46-Jährige. „Dort konnte er sich aber durch Rückwärtsfahren noch selbst befreien.“

Doch als die Lokomotive dann stand, gab es weder Licht noch Heizung. Immerhin drei Stunden dauerte es bis zur Rettung: Mithilfe der Feuerwehr und eines Schiebefahrzeuges wurden 15 Reisende gegen 9.20 Uhr aus ihrer misslichen Lage befreit und nach Anklam ins Rathaus gebracht, wo sie mit Getränken versorgt wurden. Gegen den Rat der Helfer blieben jedoch fünf Fahrgäste in dem kalten Zug. Drei russische Reisende, die mit viel Gepäck nach Moskau unterwegs waren, nahmen sich sogar unverdrossen ein Taxi nach Pasewalk, doch auf dieser Straße hatten sich gleich vier Rübentransporter festgefahren.

Das Tief „Daisy“ hat am Sonnabend mit starken Schneefällen bundesweit für erhebliche Probleme gesorgt. Das vielfach befürchtete große Chaos blieb aber aus.

Szenen wie diese, Akte der Hilflosigkeit, aber auch viele unverhoffte freiwillige Helfer waren am Wochenende in ganz Norddeutschland zu beobachten. Doch vielerorts ging es glimpflicher zu als eben in Vorpommern, das nach Auskunft der Wetterexperten am stärksten von den bitterkalten Wetterkapriolen betroffen war. Weniger die Schneemassen als vielmehr die enormen Sturm- und Orkanböen führten an der Küste zwischen Rügen, Usedom und am küstennahen Festland zum Ausnahmezustand. „Über der flachen Ostsee konnte Sturmtief ,Daisy‘ richtig an Geschwindigkeit gewinnen und von Nordost auf die Küste drücken“, erläutert Juliane Pestel vom Wetterdienst Meteomedia.

Am Kap Arkona peitschte sich „Daisy“ auf diese Weise zu Orkanspitzen von 122 Stundenkilometern hoch, am vorpommerschen Festland erreichte das Tief immer noch Sturmgeschwindigkeiten von 83 Kilometer in der Stunde. Auf Rügen türmten sich die Schneewehen sogar bis zu drei Meter hoch. Viele Ortschaften waren nicht erreichbar, viele Straßen und Bahnstrecken nicht mehr befahrbar. Weiter westlich wütete der Sturm ebenfalls so sehr, dass etwa in Dahmeshöved im Kreis Ostholstein ein Deichstück brach. Auch in Neustadt, Heiligenhafen und anderen Badeorten hat „Daisy“ die Ostsee über die Ufer treten lassen. In Kellenhusen brachen Teile der Strandpromenade ab. Auf Fehmarn hat das Wasser einen Deich auf 25 Metern Länge unterspült.

Besonders schlimm erwischte das Unwetter aber den Landkreis Ostvorpommern. Allein mehr als 100 Menschen, die mit ihren Autos stecken geblieben waren, mussten die Nächte zu Sonntag und teilweise auch noch zum heutigen Montag in der Turnhalle Gützkow verbringen. Zu ihnen gehörten auch 40 Handballer des HSV Peenetal Loitz, die am Sonnabend ein Handballspiel in Ahlbeck absolviert hatten. „Das ist schon unglaublich, dass man in Deutschland plötzlich zwei Tage wegen Schneechaos festsitzt“, konstatierte ihr Trainer Wolfgang Koch. „Irgendwie unwirklich, aber wir machen das Beste draus.“ Der Bus des Vereins war nach der Abreise von Usedom am Sonnabendabend bei Gützkow stecken geblieben. Feuerwehrkräfte befreiten die Sportler und brachten sie in die Sporthalle der Stadt, wo sie auf schnell herbeigeschafften Isomatten und unter THW-Decken übernachteten.

„Wir haben Betten bezogen, die Betroffenen mit warmen Getränken und mit Essen versorgt“, berichtet eine Helferin. „Die Stimmung ist gefasst.“ Immerhin öffnete am Sonntag auch ein naher Supermarkt zur Verpflegung der Notgäste. „Ein Riesenkompliment, wie sich die Einsatzkräfte um uns kümmern“, betonte Trainer Koch. Die Stimmung nannte er trotz der drangvollen Enge sehr gut. „Man rückt eng zusammen. Hier sind Schweden und Polen, die mit kleinen Kindern auf der A 20 stecken geblieben sind. Wir haben viele gute Gespräche auf Englisch.“ Seine Handballer mussten sich für Montag alle bei ihren Arbeitgebern entschuldigen, da die Heimfahrt erst heute möglich sein wird. „Aber“, sagt Koch, „es gibt Schlimmeres.“

Auf Rügen kam der Busverkehr zeitweise zum Erliegen. Freiwillige Feuerwehr und Technisches Hilfswerk brachten mit Spezialfahrzeugen Patienten zum Arzt oder ins Krankenhaus, eine Schwangere wurde mit dem Hubschrauber von Hiddensee in die Klinik geflogen. Völlig von der Außenwelt abgeschnitten waren für mehr als 24 Stunden auch Inselorte wie Balm und Sauzin auf Usedom, deren Zufahrtswege völlig zugeschneit waren. Die Küstenorte Bad Doberan, Kühlungsborn, Bastorf und Rerik waren von Sonnabendabend an ebenfalls teils dauerhaft von der Außenwelt abgeschnitten, weil die Zufahrtsstraßen zugeweht waren. Nur der Ortseingang von Kühlungsborn-Ost war am Sonntagmorgen wieder frei.

Am schlimmsten getroffen hatte es im Nordwestkreis die Straßen rund um Klütz und bei Dassow. Viele kleine Ortschaften waren durch bis zu zwei Meter hohe Schneewehen von der Außenwelt abgeschnitten. In ganz Ostvorpommern waren gestern bis zum Abend noch mehr als ein Dutzend Kreisstraßen gesperrt.

Die Hansestadt Rostock kam indes glimpflich davon. Erst am Sonntagmorgen fielen einige Flocken vom Himmel. Hier blieb auch das befürchtete Hochwasser aus. Gleichwohl gilt in Ostvorpommern wegen der starken Schneeverwehungen seit Sonntagmorgen Katastrophenalarm, und heute soll im ganzen Landkreis die Schule ausfallen.

von Alexander Löw und Martina Rathke