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Panorama Die Arbeit der Schäfer 2010 n. Chr.
Nachrichten Panorama Die Arbeit der Schäfer 2010 n. Chr.
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20:27 23.12.2010
Von Stephan Fuhrer
Ihren Schäferstab hat Nancy Denecke stets dabei. Der Beruf des Schäfers bringt viel Zeit zum Nachdenken mit sich, aber auch so manche Widrigkeit. Etwa dann, wenn die Hirtin bei Kälte im Schnee die Hürden einrichten muss Quelle: Nico Herzog
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In der Grundschule hat Nancy Denecke einmal bei einem Krippenspiel mitgemacht, sie war die Maria. Bei der Aufführung verfolgten die anderen Kinder die Szenen mit Gottesmutter und Kind glückselig. Neben Josef und den drei Königen waren auch Hirten unter ihnen, denen zuvor ein Engel „bei den Hürden“, wie es im Lukasevangelium heißt, von der Geburt Jesu berichtet hatte. Die damals zehnjährige Mariendarstellerin hatte da noch keine Ahnung, dass sie Jahre später, im wahren Leben, die Rollen tauschen und selbst Tag für Tag Schafe hüten würde.

Nancy Denecke beißt sich bei der Erinnerung an die Aufführung lächelnd auf die Unterlippe, besinnt sich aber schnell wieder auf das Geschehen um sie herum. Die Schäferin hat alles im Blick. „Aiko, raus!“, ruft die 24-Jährige. Ihr Schäferhund ist wieder einmal zu nahe an die Herde herangetreten. Der Rüde gehorcht aufs Wort und lässt von den Tieren ab.

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Es ist ein eisiger Wintertag auf den Weiden am Rande der Ortschaft Eimke in der Lüneburger Heide. Die Geburt des Christuskindes ist lange her, doch an den Aufgaben der Hirten hat sich bis heute wenig geändert. Noch immer hüten die Schäfer Tag für Tag ihre Herde. Noch immer sind sie den Launen der Natur ausgesetzt. Auch Nancy Denecke bekommt die Gewalten an diesem Tag wieder zu spüren. Über den Hang weht ein eisiger Wind. „Ich habe jetzt schon kalte Füße“, sagt sie. Da hat ihr Arbeitstag im Freien gerade erst begonnen.

Der Pferch, in dem die Heidschnuckenherde der Glockenschäferei Jahnke die Nacht verbracht hat, ist schneebedeckt. Nur an einigen Stellen, auf denen die Tiere genächtigt haben, sind Löcher in der weißen Decke zu finden. Nancy Denecke, angestellte Schäferin von Gerd Jahnke, stapft dick eingepackt mit Gummistiefeln durch den Schnee und baut die Zaunteile ab, die im Fachjargon heute noch Hürden heißen. Die rund 1000 Tiere sollen in die Heide geführt werden. An den Sträuchern, die aus dem Schnee ragen, finden sie auch in dieser Jahreszeit noch ausreichend Nahrung.

Die Natur profitiert von den gefräßigen Tieren: Die Schafe und Ziegen, die die Schäferin mit einem lauten „Komm, Heide, komm!“ nach dem Abbau des Pferchs zum Abmarsch auffordert, sind für die Landschaftspflege zuständig. Die Zeiten, in denen Schäfereien noch vom Verkauf von Wolle überleben konnten, seien lange vorbei, erzählt die junge Frau. Das Material bringe kaum was ein. Für die Landschaftspflege hingegen gibt es eine finanzielle Aufwandsentschädigung aus öffentlichen Kassen. Dazu kommt der Erlös aus dem Fleischverkauf. Reich werden, sagt Nancy Denecke, könne man mit Schafen aber nicht. Nach Angaben des Landesschäfereiverbandes beträgt das Bruttogehalt eines angestellten, ausgebildeten Schäfers 1500 bis 1800 Euro.

Geld hat für die Schäferin allerdings nie eine Rolle gespielt. „Ich hatte schon immer eine besondere Beziehung zu Tieren“, sagt sie. Nach einem freiwilligen ökologischen Jahr, in dem sie nahe ihrem Heimatort Hüttenrode in einem Wildpark im Ostharz Tierställe säuberte und Futter verteilte, wusste Nancy Denecke, dass sie mit Tieren arbeiten wollte – aber der Tierpflegerberuf genügte ihr nicht. Ein Besuch auf dem Arbeitsamt brachte sie auf die Schäferei – ein von Männern dominierter Beruf. Es folgte eine dreijährige Ausbildung bei den Jahnkes und der Beweis, dass Nancy Denecke die nötige Robustheit für den Beruf besitzt. „Einige männliche Kollegen haben die Ausbildung geschmissen, ich habe sie durchgezogen“, sagt sie stolz. Im vergangenen Jahr gewann die Schäferin sogar als erste Frau die „Goldene Schippe“ beim jährlichen Wettbewerb im Bundesleistungshüten für Deutsche Schäferhunde – vor ihrem Ausbilder Gerd Jahnke.

Seit sechs Jahren ist Nancy Denecke schon in Eimke im Einsatz. Bereut habe sie ihre Entscheidung nie, sagt sie. Und das, obwohl die Tätigkeit viele Widrigkeiten mit sich bringt. Die Stallarbeit ist hart, und nicht jeder hält es aus, Tag für Tag bei jedem Wetter draußen zu sein. Gerade in der jetzigen Lammzeit ist die Schäferin zumeist an sieben Tagen in der Woche bei ihren Tieren, manchmal auch nachts. Neben den Schafen, Ziegen und Heidschnucken kümmert sie sich auch um ihre acht Hunde, die sie für den Einsatz bei der Herde ausbildet.

Für Privates bleibt da kaum Zeit. Eine Partnerschaft etwa, das sei problematisch, sagt Denecke. „Nicht alle haben für meinen Job Verständnis.“ Und abends kommt sie oft erschöpft nach Hause. „Schäflein zählen muss ich nicht, um einschlafen zu können.“ Das alles ist für Nancy Denecke aber kein Grund, über eine berufliche Veränderung nachzudenken. „Ich habe schnell gemerkt, dass die Arbeit zu mir passt“, sagt die Schäferin und setzt für den bevorstehenden Fünf-Kilometer-Fußmarsch zur Heide die Kapuze ihrer Wachsjacke auf. Schäferhut und Schwarzhemd, die klassische Hirtenkleidung, taugen nicht viel an Wintertagen. Den Schäferstab hingegen, den hat sie immer dabei.

Zur Heide muss die Schäferin einen Waldpfad hinunter. Dicht gedrängt folgen die Heidschnucken ihrer Hirtin. Sie geht mit Rüde Aiko voran. Auf der Heide angekommen, läuft die Herde auseinander. Nancy Denecke behält die Tiere im Blick. Zwischen den Schafen steht sie im Schnee, wie in einem Standbild. „In solchen Momenten mache ich mir Gedanken, was ich später alles noch erledigen muss“, sagt die junge Frau. Manchmal aber, da träume sie auch gerne mal vor sich hin. Wovon? „Zum Beispiel von einer schönen, warmen Heizung.“