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Panorama Die Hälfte der Eltern schlägt noch zu
Nachrichten Panorama Die Hälfte der Eltern schlägt noch zu
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21:01 12.03.2012
Von Nora Lysk
Foto: Wie sag ich’s meinem Kinde: Brad Pitt spielt im Kinofilm „The Tree of Life“ einen strengen Vater in den fünfziger Jahren. Heutzutage verzweifeln viele Eltern am Erziehungsalltag.
Wie sag ich’s meinem Kinde: Brad Pitt spielt im Kinofilm „The Tree of Life“ einen strengen Vater in den fünfziger Jahren. Heutzutage verzweifeln viele Eltern am Erziehungsalltag. Quelle: Concorde Film
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Berlin

Der Klaps auf den Po und die Ohrfeige gehören in Deutschland immer noch zum pädagogischen Repertoire vieler Eltern. Eine Studie des Sozialforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Zeitschrift "Eltern" zeigt: Fast die Hälfte aller deutschen Mütter und Väter schlägt regelmäßig zu. Mehr als 1000 Eltern mit Kindern unter 14 Jahren wurden zu dem Thema Gewalt in der Erziehung befragt.

Hinterher plage die meisten Eltern ein schlechtes Gewissen, sagte Forsa-Chef Manfred Güllner bei der Präsentation der Ergebnisse am Montag in Berlin. "Denn ihnen ist bewusst, dass eine Ohrfeige keine pädagogische Wirkung hat." Dennoch werde zugeschlagen, auch wenn das Bürgerliche Gesetzbuch seit 2000 eine gewaltfreie Erziehung vorschreibt.

Der Grund, warum in so vielen deutschen Haushalten Machtverhältnisse immer noch mit der flachen Hand geklärt werden, sei die Überforderung vieler Eltern, erklärt Güllner. Eine Mutter beschreibt dieses Gefühl auf der Internetseite der Zeitschrift "Eltern" so: "Ja, ich habe meinem Sohn schon mal eine Ohrfeige gegeben. Aus purer Verzweiflung, Hilflosigkeit und Überforderung. Ich schreie meinen Sohn auch gelegentlich an. Das ist alles total ätzend und beschämend. Aber: Wer steht mir im Alltag bei?"

Je mehr Kinder, desto größer der Stress: Kein Wunder also, dass es vor allem in größeren Familien öfter kracht. 18 Prozent der Befragten mit drei oder mehr Kindern gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten Ohrfeigen verteilt zu haben. Und zwar, wenn die Kinder "unverschämt" waren (50 Prozent), "nicht gehorchten" (40 Prozent) oder beim Lügen erwischt wurden (17 Prozent). Ähnlich wie bei Gewalt in Partnerschaften ist die körperliche Züchtigung indes nicht abhängig vom Bildungsniveau: In akademischen Haushalten wird am häufigsten zugeschlagen (14 Prozent).

In Westeuropa liegt Deutschland mit diesen Quoten im Mittelfeld: In Deutschland wird weniger geschlagen als in Frankreich, aber deutlich mehr als in Schweden, das bereits 1979 das Recht auf gewaltfreie Erziehung festschrieb. In ganz Skandinavien führte das mit der Zeit zu einem Gesellschaftswandel. Darauf hoffen auch die deutschen Kinderschützer. "Gesetze ändern das Bewusstsein", sagt Oliver Steinbach, Vize-Chefredakteur der Zeitschrift "Eltern". Besonders positiv sei, dass es Eltern nach dem Züchtigen nicht besser gehe, sondern eher schlechter. Viele entschuldigten sich inzwischen bei ihren Kindern.

Mehr als die Hälfte der Eltern glaubt ohnehin nicht, dass Schläge Wirkung zeigen. Das sagen auch Psychologen: Körperstrafen weckten eher Trotz und Widerstand. Und Kinder lernten, dass Gewalt als Mittel der Konfliktlösung zulässig sei. Mit dieser Erfahrung gingen sie dann auf den Spielplatz.

Fragt man die Kinder selbst, so entpuppen sich diese zwar immer noch als große Optimisten - 91 Prozent halten ihre Eltern für die besten der Welt. Und doch plagen sie Sorgen. In einer zweiten groß angelegten Studie hat die "Eltern" bei den Jüngsten direkt nachgefragt. Fazit: 71 Prozent der deutschen Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren sind davon überzeugt, "dass es viele Erwachsene gibt, die keine Kinder mögen und sich von ihnen gestört fühlen". Zum Vergleich: 2006 empfanden nur 59 Prozent so. Ein Hinweis darauf, dass Deutschland in Sachen Kinderfreundlichkeit wieder einen Schritt zurück macht.

Überraschend: Im Osten der Republik sind Kinder etwas entspannter: Dort teilen nur 62 Prozent die Meinung, dass es viele Erwachsene gibt, die Kinder ablehnen. Und auch der Leistungsdruck scheint nicht so stark. Nur 25 Prozent wünschen sich, nie wieder in die Schule zu müssen (West: 32 Prozent). Ein größer werdender Kritikpunkt bei Kindern ist nach der Befragung außerdem die "Überbehütung" durch die Eltern. Die Zahl der Familien mit nur einem Kind nehme zu. Alle Aufmerksamkeit und Fürsorge sei daher auf sie gerichtet. Dabei "wollen Kinder machen dürfen". 63 Prozent der Kinder wünschen sich, dass ihre Eltern ihnen mehr zutrauen.

Für Axel Dammler von Iconkids & Youth, die die Kinderbefragung durchgeführt haben, weisen die Ergebnisse auf die Vorteile der Ganztagsbetreuung hin: "Die Kinder werden selbständiger und die Eltern entlastet." Möglich, dass dann auch die Hand nicht mehr ganz so schnell ausrutscht.

(mit: dpa)

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