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Panorama Die Nerven der Reisenden liegen blank
Nachrichten Panorama Die Nerven der Reisenden liegen blank
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20:08 19.12.2010
In Frankfurt waren wartende Reisende wie dieses asiatische Paar am Ende ihrer Kräfte. Quelle: dpa
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Irgendwann reicht es. Irgendwann ist es vorbei mit der Geduld, mit dem Verständnis für das Flugpersonal und die Schaffner in den Zügen, die ja auch nichts dafür können, dass es schneit. Es hat sich Wut angestaut bei Tausenden Reisenden in Europa, und Maria Pichler-Paulus ist eine davon. Seit fast 20 Stunden ist die 53-Jährige unterwegs aus dem mexikanischen Cancún in Richtung Wien. Jetzt sitzt sie am Frankfurter Flughafen, und nichts geht mehr: Mangelnde Organisation, überforderte Mitarbeiter, die ratlose Reisende rüde anblaffen, und ein katastrophales Krisenmanagement rauben ihr den letzten Nerv. „Ich kann jeden verstehen“, sagt Maria Pichler-Paulus, „der hier in den Flughafen eine Bombe reinschmeißen will.“

Überall gleichen sich die Bilder. Auch Andrea Behi aus Bremen hat die Faxen dicke: „Nach fünf Stunden wurden wir umgebucht, dann wurde dieser Flug gestrichen und wir bekamen Bahntickets“, erzählt sie. Da aber auch kein Zug fuhr, sei sie von Bremen aus mit einem Mietwagen nach Frankfurt gekommen. „Die Lufthansa ist eine Katastrophe.“ 560 von 1340 Flügen wurden in Frankfurt am Sonntag gestrichen. Wer innerhalb Deutschlands fliegen wolle, rät die Lufthansa, solle lieber gleich die Bahn nehmen. Doch die Bahn hat vor dem Wetter selbst kapituliert: Sie riet am Sonntag, auf Bahnreisen zu verzichten.

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Am Sonntag gingen mehreren Reisenden am Frankfurter Flughafen in der endlos langen Schlange vor der Gepäckabfertigung die Nerven durch: Als frisch angekommene Fluggäste versuchten, eine neue Schlange für aktuelle Flüge zu bilden, sahen einige seit Stunden festsitzende Menschen laut Augenzeugen rot. Nach tumultartigen Szenen ging die Polizei dazwischen, um die aufgebrachte Menge zu beruhigen.

Besonders schwer getroffen ist Europas größter Passagierflughafen London-Heathrow, der nach starken Schneefällen bis zum Montag weitgehend geschlossen wurde. Tausende Passagiere saßen fest. Die Fluggäste schliefen teils unter Isolierfolien auf dem harten Fußboden im Transitbereich. Zahnbürsten und Alkohol in den Duty-Free-Shops waren ausverkauft, die Toiletten völlig verdreckt. „Man hat mir dort gesagt, dass es im Umkreis von zehn Kilometern um Heathrow keine Unterkünfte mehr gibt“, berichtete ein 32-jähriger Deutscher von vor Ort. „Die Leute sind auf sich allein gestellt. Einige können nicht mehr.“ Es sei praktisch aussichtslos gewesen, die Lufthansa zu erreichen: „Ich habe es seit Sonnabendabend etwa 150-mal versucht. Es meldet sich niemand. Auf keiner Nummer.“

„Ich habe seit zweieinhalb Tagen nicht geduscht“, sagte der US-Soldat Xavier Nenneman (23), der sich am Sonntagnachmittag in Heathrow bereits auf seine dritte Nacht auf einem Feldbett im Terminal 2 einstellte. „Ich komme mir vor wie Tom Hanks in ,The Terminal‘.“ In dem Kinofilm spielte Hanks einen gestrandeten Flugpassagier, der über Monate im Transitbereich eines Airports lebte. Die Schließung des Drehkreuzes in London hatte Auswirkungen auf viele Fluggäste aus aller Welt, die von Heathrow nicht mehr weiterkamen oder gar nicht erst starten konnten. So bereiteten sich auch in Brüssel 1500 Passagiere auf eine zweite Nacht im Terminal vor, weil ihre Anschlussflüge nicht starteten.

Auch auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle sorgten Schnee und Eis für zahlreiche Ausfälle. Am Sonntagmorgen waren alle vier Pisten für eine gute Stunde gesperrt, um Schnee zu räumen. Die Behörden empfahlen den Fluggesellschaften, ein Viertel der Flüge zu streichen. Am Sonnabend waren etwa 5000 Passagiere wegen des Winterwetters von London nach Paris umgeleitet worden.

Hunderte Autofahrer saßen in der Nacht zum Sonnabend in Großbritannien bei eisigen Temperaturen auf der Autobahn M6 im Großraum Manchester fest. Die Polizei verteilte Nahrungsmittel und Wasser an die Gestrandeten. Die BBC zitierte einen Pendler, der fünf Stunden lang in seinem Wagen auf der M6 ausharren musste, mit den Worten: „Es ist das absolute Chaos.“

Wenig Hoffnung auf Besserung machte der Deutsche Wetterdienst: Auch in den kommenden Tagen soll es weiter schneien, von Süden rückt aber mildere Luft heran. Die wärmere Front werde voraussichtlich in der Nacht zum Donnerstag Flensburg erreichen. Der Schnee könne zunehmend in Regen übergehen und auf den frostigen Straßen gefrieren.

Auch der Flughafen München hat nach zahlreichen Annullierungen weiterhin mit dem Schnee zu kämpfen. Wegen der Räumungsarbeiten war der Betrieb stark eingeschränkt. Rund 50 Flüge wurden gestrichen. In Hamburg fielen 40 Flüge aus. Auch der Fährbetrieb auf der Elbe zwischen Glückstadt und Wischhafen musste wegen starken Eisgangs eingestellt werden.

Christian Jung und Imre Grimm

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