Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama „Die Regierung tut nichts“
Nachrichten Panorama „Die Regierung tut nichts“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:21 01.12.2011
34 Millionen Infizierte weltweit –  Aids ist eine globale Gefahr. Der heutige Welt-Aids-Tag erinnert daran.
34 Millionen Infizierte weltweit –  Aids ist eine globale Gefahr. Der heutige Welt-Aids-Tag erinnert daran. Quelle: dpa
Anzeige
Moskau

Wie so viele HIV-Patienten in Russland hat sich der einst Drogenabhängige mit einer verseuchten Nadel infiziert.

Nun will er helfen. Für die private Gesamtrussische Vereinigung HIV-infizierter Menschen reist er quer durch das Riesenreich, erklärt, gibt Ratschläge, schult Therapeuten. „Vor allem auf dem Land haben die Leute keine Ahnung, wie sie damit umgehen sollen“, sagt Sawizki.
Der Aktivist sitzt in einem Moskauer Café und rührt in seinem doppelten Espresso. Er ist einer der wenigen, die selbst die Initiative ergreifen. Klar und sachlich schildert er die Lage der Betroffenen. Wie gehen denn die meisten Infizierten mit ihrer Situation um? Sawizki schnipst sich an den Hals, die Geste kennt in Russland jeder. „Sie saufen“, heißt das. Gerade in ländlichen Gegenden, fernab von moderneren Krankenhäusern, gibt es wenig Hoffnung.

Zwar hat jeder HIV-Patient laut Gesetz das Recht auf kostenlose Medikamente. Doch bei Zehntausenden komme keine Hilfe an, sagt Sawizki. Protestaktionen werden von der Polizei aufgelöst – wie vor einem Jahr. Damals nahmen Sicherheitskräfte am Welt-Aids-Tag mehrere HIV-Infizierte fest, die vor dem Regierungssitz in Moskau gegen die Unterversorgung mit Medikamenten und Tabuisierung der Krankheit demonstriert hatten. Auch in diesem Jahr sind am 1. Dezember wieder Proteste geplant.

HIV wird von der Gesellschaft geächtet. Wer HIV-positiv sei, habe kaum Hoffnung auf eine Arbeitsstelle, erzählt Wadim Pokrowski vom Föderalen Anti-Aids-Zentrum. Die Infektion ist in dem russisch-orthodox geprägten Land nach wie vor ein Tabu. „Aufklärung über ‚Safer Sex‘ wird von den offiziellen Instanzen nicht gerne gesehen“, sagt Pokrowski. „Die Nutzung von Kondomen widerspricht den Maßnahmen der Regierung zur Geburtenerhöhung.“ Stattdessen propagierten Politiker lieber traditionelle religiöse Werte wie ‚Kein Sex vor der Ehe‘.

Regierungschef Wladimir Putin fordert unterdessen eine langfristige Strategie. Betroffen sind vor allem junge Leute, rund 70 Prozent der Infizierten sind jünger als 30 Jahre. Leistungsträger drohen wegzubrechen – eine Katastrophe angesichts der demografischen Probleme.

Aktivisten schätzen, dass von 141 Millionen Einwohnern in Russland mehr als eine Million Menschen mit HIV infiziert sind. Täglich stecken sich etwa 150 Menschen an, vermutet das Föderale Anti-Aids-Zentrum. „Was die Geschwindigkeit angeht, mit der sich HIV bei uns ausbreitet, so sieht es inzwischen schlechter aus als in Afrika“, warnte Pokrowski schon vor einem Jahr. Hingegen spricht die Regierung von rund 500.000 Kranken.

Schwerpunkt der Aids-Epidemie bleibt das südliche Afrika. 22,9 von weltweit 34 Millionen HIV-Positiven leben hier. Dagegen hat Deutschland mit geschätzten 2700 Neuinfektionen in diesem Jahr nach Angaben des Gesundheitsministeriums eine der niedrigsten Raten in Europa. Das Land mit den meisten Infizierten – rund 5,6 Millionen Menschen – ist Südafrika.

Auch in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken breitet sich das Virus rasant aus. Die höchste Neuinfektionsrate Europas hat nach Angaben von UNAIDS – dem HIV/Aids-Programm der Vereinten Nationen – die Ukraine. Die Hafenstadt Odessa gilt als Aids-Hauptstadt. Von etwa einer Million Einwohnern sind Schätzungen zufolge 150.000 Menschen infiziert. In der offiziellen Statistik aber tauchen nur 11.000 Infizierte auf.

Größtes Problem ist der Geldmangel. Vor zwei Jahren ist Russland aus dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria ausgestiegen, mit dem die Vereinten Nationen Anti-Aids-Projekte unterstützen. Nun kommt das meiste Geld vom Staat, doch es reicht nicht. Bis Ende 2011 könnten lediglich bis zu 100.000 Menschen antivirale Präparate erhalten, sagt Wadim Pokrowski. „Die Ausgaben für Informationskampagnen müssen deutlich erhöht werden.“ Alexander Sawizki hingegen erwartet keine Hilfe mehr von der Regierung. „Sie haben gesagt: Wir kümmern uns selbst darum. Aber das ist nicht wahr.“

dpa

01.12.2011
Sebastian Harfst 30.11.2011