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Panorama Die Suche nach der großen Liebe
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13:47 14.02.2012
Von Thorsten Fuchs
Wie kann Liebe gelingen? Zwei Drittel der deutschen Singles setzen auf Partnerbörsen. Quelle: dpa
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Hamburg

Es gibt einen Punkt, an dem die ganze Sache spannend wird, rätselhaft und auch ein wenig abgedreht, und das ist ziemlich genau bei Frage 34. Bis dahin ist alles recht normal. Erwartbar. Hobbys, Vorlieben, Rock oder Volksmusik und mal was Persönliches wie: Schlafen Sie lieber bei offenem oder bei geschlossenem Fenster? Ist ja gut, wenn das schon mal geklärt ist.

Bei Frage 34 aber wird es, sagen wir: sehr speziell. Was man sieht: einen großen schwarzen Punkt mitten in einem verschwommenen hellblauen Kreis. Wie die extreme Nahaufnahme eines Auges. Daneben ein zweites Bild: ein schwarzer Punkt ganz am Rand eines scharf konturierten Kreises. Und nun: Welches Bild sagt Ihnen mehr zu? Bitte spontan. Kein Nachdenken.

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Das geht nicht, kein Nachdenken. Da denkt man nämlich sofort: Was soll so ein Bild schon über meinen idealen Partner aussagen? Denn genau darum geht es ja, den idealen Partner. Das ist das Versprechen. Beantworte diese 74 Fragen, und wir rechnen aus, wer am besten zu dir passt.

Rund fünf Millionen Deutsche haben diesen Test schon mal gemacht. Es ist der Fragebogen von „Parship“, Vorreiter und Branchenriese unter den großen deutschen Partnervermittlern im Internet. Fünf Millionen Deutsche also, die in der Hoffnung auf den oder die Richtige einem Unternehmen Einblick in ihre intimsten Wünsche gewähren – um dann zu erfahren, wer nur in 62 oder wer vielleicht doch mit 138 Punkten zu einem passt. Nur: Lässt sich Liebe tatsächlich berechnen?

Die Frau, die das versucht, trägt einen blauen Blazer über weißem Shirt. Jeans, schwarze Stiefel. Braunes, welliges Haar umrahmt ein freundliches, offenes Gesicht. Christiane Schnabel, 38 Jahre alt, leitet die wissenschaftliche Abteilung von „Parship“. Sie ist Diplom-Soziologin, hat früher an Universitäten gearbeitet. Wollte man sich die ideale Paarexpertin designen, diese käme dem Ideal wohl ziemlich nahe. Lässigkeit, Seriosität, Attraktivität, auf allen Feldern hohe Punktzahlen. Christiane Schnabel lächelt oft und wirkt grundsätzlich optimistisch. „In zehn Jahren“, sagt sie, „wird jeder online seinen Partner suchen.“

Zwei Drittel aller Singles suchen Partner im Netz

Die Prognose erscheint alles andere als gewagt. Weit ist es bis dahin ja jetzt schon nicht mehr. Etwa zwei Drittel aller Singles in Deutschland geben schon heute an, auch im Netz nach einem neuen Partner Ausschau zu halten. Sie haben die große Auswahl: Mindestens 1000 Singlebörsen gibt es in Deutschland. Sie heißen „christ-sucht-christ“, „metalflirt“ (für Heavy-Metal-Fans), „handicap-love“ (für Menschen mit Behinderungen) oder „landflirt“ (für den einsamen Bauern). Und dann gibt es die großen Etablierten, die auf die gehobenen, gern akademischen einsamen Herzen zielen. „Parship“ besetzt drei Etagen in einem dunkel verglasten Bürobau in der Hamburger Innenstadt, nur ein paar Schritte von der Mönckebergstraße entfernt. Vom 6. Stock aus kann man hinübersehen zur Hafen­city, wo die Konkurrenz von „Elitepartner“ residiert. Beste Lage, hier wie dort. Es lief ganz gut für die Branche in den vergangenen Jahren.

Die Liebe also, keine leichte Sache. Steigende Singlezahlen und stattliche Scheidungsquoten erzählen davon. Wie kann sie denn nun gelingen? Wenn man Frau Schnabel zuhört, klingt alles ganz leicht. Der richtige Partner, das ist hier, im Großraumbüro mit vielen Bildschirmen, vor allem eine Frage der richtigen Parameter.

Was man also braucht: „So viele Gemeinsamkeiten wie möglich, so viele Unterschiede wie nötig“, sagt Frau Schnabel. Im alten Streit, ob es wirklich die Gegensätze sind, die sich anziehen, hat sich die Wissenschaft überwiegend auf die Gegenseite geschlagen. „Wir fühlen uns zu Menschen hingezogen, bei denen wir Ähnliches erkennen.“ Herkunft, Bildung, Werte, Einstellungen, Nähe in diesen Bereichen ist die beste Voraussetzung. Wenn der eine aber gern jeden Abend kuschelnd auf der Couch verbringen möchte, der andere hingegen lieber mit Freunden loszieht oder bis spät in die Nacht an der Karriere bastelt, dann sind die Aussichten sehr mies.

Bei den Hobbys hingegen sind ein paar Differenzen zu verkraften. „Da sind wir entwicklungsfähig“, sagt Christiane Schnabel. Und dann gibt es noch den Bereich, in dem ein paar feine Unterschiede ganz hilfreich sind. Versiegelt der eine nach einem Streit lieber seinen Mund, ist es ganz nützlich, wenn der andere reden weiterhin für nicht gänzlich hoffnungslos hält.

So weit, so klar. Mainstream der heutigen Paarforschung. Beim Test jedoch gibt es dann ein Problem.

Als Forscher zum ersten Mal feststellten, dass der Single auf Online-Suche im Schnitt ein paar Zentimeter größer ist als der Rest der Bevölkerung, wurden sie stutzig. Wer im Netz über sich Auskunft gibt, macht sich gern ein wenig schlanker, erfolgreicher, toleranter und großzügiger, als er eigentlich ist. Deshalb gibt es diese Fragen, bei denen man nicht gleich merkt, worum es geht. Oder die mysteriösen Bilder, von denen man sagen soll, ob sie einen eher an „Stimmen aus dem Jenseits“ oder „Tanz der Vampire“ erinnern. Die Kreise und gezackten Linien, mit denen sich auf männliche und weibliche Anteile schließen lässt.

„Wir können nicht sagen, ob die Chemie stimmt“

Entwickelt hat den Test vor mehr als elf Jahren ein Hamburger Arbeitspsychologe, dessen Spezialgebiet Verfahren zum Finden des richtigen Berufs waren. Auf die Daten, die die Partnervermittlungen so sammeln, schauen Paarforscher an Universitäten mit Neid: „Die hätten wir auch gern“, sagt einer, „und die Kapazitäten, sie auszuwerten.“ „Parship“ erstellt daraus Persönlichkeitsprofile. Vergleicht sie mit anderen Profilen. Errechnet Übereinstimmungen, Abweichungen, immer ausgehend vom berechneten Ideal. Erfahrungswerte und Erkenntnisse, übersetzt in Algorithmen. Am Ende steht, voilà: der theoretisch ideale Partner. Der, mit dem man mathematisch die besten Chancen hat zusammenzubleiben.

Es gibt Unbehagen an so viel kalter Effizienz in Liebesdingen. Zu den deutlichsten Kritikern der Partnersuche im Internet gehört Eva Illouz, Autorin des Buches „Warum Liebe weh tut“. Für die israelische Soziologin wird der Suchende im Netz zum Konsumenten, der mögliche Partner zur Ware. „Diese Technologie der Auswahl hat sehr negative Konsequenzen auf unsere Gefühle“, sagt sie. „Sie lässt keinen Platz für Intuition.“ Dennoch hat sich die Online-Suche längst einen festen und großen Platz in der Partnerfindung erobert. In Deutschland haben die Soziologen der Universität Bamberg in den vergangenen Jahren am gründlichsten die Wirklichkeit der Liebessuche via Internet untersucht. Die Studien widerlegen viele Vorurteile: ­Online-Partnerschaften sind demnach längst kein Randphänomen mehr – und genauso ernsthaft wie alle anderen. Kinderwunsch, Hauskauf, Investitionen aller Art – da unterscheiden sich die Online-Paare nicht vom Rest der Paarwelt.

Die Fotos an der Magnetwand in der „Parship“-Zentrale zeigen Paare – und Kinder. Unter dem neuesten steht „Albert Felix Theodor“, geboren vor drei Wochen. Welche Rolle der Test spielt, ob sich Paare mit ihm wirklich finden, das wissen die Forscher nicht. Letztlich, betont Andreas Schmitz, gehe es auch im Netz sehr viel um körperliche Attrakti­vität. Was hier bedeutet: Das Profilfoto dürfte mindestens so wichtig sein wie das Testergebnis.

Und fairerweise muss man sagen: Auch Christiane Schnabel kennt die Grenzen der Wissenschaft. „Wir können nicht sagen, ob die Chemie stimmt.“ Wahrscheinlich wäre es vernünftig, sich in den Maximale-Punkte-Partner zu verlieben. Aber wo ist die Liebe schon vernünftig? Und überhaupt, all die ungeklärten Fragen. Zum Beispiel: Wie misst man denn bitte die Zufriedenheit in einer Partnerschaft? In Jahren? „Die Dauer der Beziehung ist ein schlechter Gradmesser für den Partnerschaftserfolg“, sagt Christiane Schnabel. Das ist so ein Satz, der erfreulicherweise mehr nach Lebenserfahrung als nach Statistik klingt.

Immerhin stimmt eines ganz sicher nicht mehr: dass vor allem Männer im Netz auf der Suche sind. Im Gegenteil, es sind auffallend viele Frauen Mitte bis Ende 30, die dort nach einem Partner suchen. „Akademikerinnen, die erst Karriere machen – und dann feststellen, dass die gleichaltrigen passenden Männer schon vergeben sind“, sagt Christiane Schnabel. Akademikerin, erfolgreich, Ende 30: Das sind die Merkmale, die auf Christiane Schnabel selbst zutreffen. ­Eigene Erfahrung? Nein, sagt Frau Schnabel und lächelt leicht unsicher, da wolle sie nichts verraten. Ihre eigenen Erfahrungen, fügt sie noch an, seien nicht repräsentativ für die Nutzer von „Parship“.