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Panorama Die unsichtbaren Killer in deutschen Krankenhäusern
Nachrichten Panorama Die unsichtbaren Killer in deutschen Krankenhäusern
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07:46 25.08.2010
Von Margit Kautenburger
Verseuchte die Nährlösung für Frühchen: Das Darmbakterium Enterobacter. Quelle: Archiv
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Manche sind mit einem Herzfehler zur Welt gekommen, manche einfach viel zu früh. Die Überlebenschancen der winzigen Säuglinge sind gering. Aufgepäppelt werden sie mit einer besonderen Nährlösung aus Zutaten wie Kohlehydraten, Magnesium und Wasser – eine Routine auf der Intensivstation des Mainzer Universitätsklinikums. Doch dabei hat sich in den vergangenen Tagen ein schrecklicher Fehler eingeschlichen, der die schwächsten Frühchen das Leben gekostet hat. Zwei der Babys auf der Intensivstation starben am Sonnabend, das dritte am Montagabend. „Wir hatten den weiteren Todesfall schon befürchtet“, sagte Klinikvorstand Norbert Pfeiffer gestern. Durch die extreme Frühgeburt sei der Säugling sehr gefährdet gewesen. Mit weiteren Toten rechnet Pfeiffer nicht. Vier der insgesamt elf Kinder, die die mit dem Darmbakterium Enterobacter verunreinigte Nährlösung bekommen haben, hätten sich stabilisiert, berichtet er. Die Klinik steht vor einem Rätsel. Wie die Nährlösung verseucht werden konnte und an welcher Stelle der Keim hineingeraten ist, ist unklar. Sogar im Blut von zwei der erkrankten Kinder ist der Fäkalkeim gefunden worden.

Was genau spielte sich vor der Katastrophe ab? Die Nährlösungen für Säuglinge müssen den Bedürfnissen der winzigen Patienten exakt angepasst werden. Darum rechnet der Arzt für jedes einzelne Baby aus, was es genau benötigt. Das individuelle Rezept wird in der Krankenhausapotheke unter strengsten Hygieneanforderungen in einem sogenannten Reinraum zusammengemischt. Die einzelnen Bestandteile allerdings werden von verschiedenen Herstellern zugeliefert. Auch von ihnen könnte der Keim eingeschleppt worden sein. Zwar werden von jeder Lösung Proben genommen, deren Auswertung dauert aber etwa 20 Stunden. Daher war es bereits zu spät, als die Kontrolleure am Sonnabend Alarm schlugen. Zwei Säuglinge lagen da bereits im Sterben.

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Für das Uni-Klinikum Mainz ist der Vorfall eine Tragödie. Das Image der Klinik ist schwer beschädigt. Es sei „die schlimmste Angelegenheit, die ich je erlebt“ habe, sagt Klinikvorstand Pfeiffer. Er versucht nicht, die Vorkommnisse herunterzuspielen. Offen informiert er die Medien, übernimmt Verantwortung. Pfeiffer spricht von einem „Systemfehler“. Er hält es für wahrscheinlich, dass die Infusion bei der Zusammenmischung in der klinikeigenen Apotheke verseucht wurde, nicht schon vor der Auslieferung. Möglich wäre es aber auch, dass die Erreger direkt bei den kleinen Patienten eingeschleust worden sind, als die Mitarbeiter die Schläuche für die Infusionen zusammensteckten. Das untersucht nun die Staatsanwaltschaft. Sie steht vor einem Puzzle, muss den Weg der Nährlösung durch die Klinik rekonstruieren. Mit einem Ergebnis der mikrobiologischen Untersuchung des beschlagnahmten Schlauchsystems ist nicht vor Donnerstag zu rechnen.

Über die mögliche Vernachlässigung der Hygiene an irgendeiner Stelle im Klinikum ist nun eine heftige Debatte entbrannt. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, selbst Arzt, hat gestern neue Hygieneregeln für Kliniken vorgeschlagen. Die Vorfälle in Mainz würden „sehr ernst genommen“, sagte ein Ministeriumssprecher. Der Minister sei „tief betroffen“, dass ausgerechnet Präparate, die eigentlich Menschen helfen sollten, „wahrscheinlich zu den tragischen Fällen geführt haben“. Für die Krankenhaushygiene sind bislang die Länder zuständig. Das Ministerium will nun bei der nächsten Gesundheitsministerkonferenz „gemeinsam mit den Länderministerien zusätzliche Regelungen für eine bessere Hygiene erörtern“.

Gesundheitspolitikern seiner eigenen Partei, aber auch von Union und SPD, geht das nicht weit genug. Sie fordern eine bundesweite Regelung. Es gebe in diesem Bereich „ein großes Problem, auf das der Gesetzgeber dringend reagieren muss“, sagte FDP-Fraktionsvize Ulrike Flach der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Trotz lange bekannter Defizite sei bisher wenig passiert, kritisiert Jens Spahn von der CDU.

Tatsächlich ist lange bekannt, dass die Hygiene in vielen Kliniken zu wünschen übrig lässt. Selbst einfaches Händewaschen werde aus Zeitdruck unterlassen, wird berichtet. Bei der Einführung von Harnwegskathetern oder bei Hüftgelenksoperationen kommt es oft zu Infektionen, Krankenhauskeime können Blutvergiftungen, Lungenentzündungen und Wundinfektionen auslösen. Es gebe Ärzte, die sich nicht einmal vor einem Verbandswechsel die Hände desinfizierten, berichten Hygieniker.

Dem Allianz-Report „Krank im Krankenhaus“ zufolge infiziert sich jeder zehnte Patient in Europa im Krankenhaus – in Deutschland sind es rund 500 000 Menschen jährlich. Fast jeder siebte steckt sich auf einer Intensivstation an. Das Immunsystem der Schwerkranken hat den aggressiven Erregern wenig entgegenzusetzen. Nicht selten sind die gefürchteten multiresistenten Erreger, vor allem MRSA-Keime, im Spiel, gegen die keines der gebräuchlichen Antibiotika mehr hilft. Dabei gibt es große Unterschiede in den Kliniken. In einigen ist nur jeder hundertste Keim resistent, in anderen jeder dritte.

Deutsche Kliniken liegen beim Anteil der sogenannten MRSA-Erreger im europäischen Vergleich am unteren Ende des Mittelfelds. Niederländische Kliniken sind mit einem MRSA-Anteil von unter einem Prozent besonders vorbildlich. Dort werden Risikopatienten vor der Aufnahme ins Krankenhaus auf MRSA getestet.

Dass es der Medizin bislang nicht ausreichend gelungen ist, auf die brennende Problematik eine Antwort zu finden, liegt nicht zuletzt an dem Sparzwang, dem Kliniken unterworfen sind. Der Rationalisierungsdruck könne negative Folgen für die Patientensicherheit haben, kritisiert Georg Baum, der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Dennoch will Gesundheitsminister Rösler die Kliniken in den kommenden zwei Jahren mit deutlich weniger Geld ausstatten.

Nur wenn Todesfälle publik werden, gehe ein Aufschrei durch die Medien, klagen Hygieniker. Der Leiter des Landesgesundheitsamtes Niedersachsen, Matthias Pulz, hält es für falsch, den Mainzer Fall mit der Hygienediskussion zu verquicken. „Es handelt sich in Mainz um einen Unfall“, betont Pulz. Er verweist auf Fortschritte. So werde gerade in Nordwest-Niedersachsen mit Hilfe der EU das Projekt „Your Safety“ angeschoben, in das auch die positiven Erfahrungen aus den Niederlanden einflössen. Das dort praktizierte Eingangsscreening solle ab 2011 auch in acht niedersächsischen Landkreisen erprobt werden. Von bundesweiten Hygienegesetzen hält Pulz nichts. „Unser Ziel ist es, die Eigenverantwortung der Krankenhäuser zu stärken.“

sus