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Panorama Doppelmörder Jan O. sollte in Entzugsklinik kommen
Nachrichten Panorama Doppelmörder Jan O. sollte in Entzugsklinik kommen
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21:26 26.11.2010
Von Marina Kormbaki
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Nicht etwa, weil irgendjemand geahnt hat, dass aus dem 26-jährigen Arbeitslosen aus zerrütteten Familienverhältnissen ein Doppelmörder würde. Nichts habe auf das Gewaltpotenzial dieses Mannes hingedeutet, darin sind sich die Polizisten, Juristen, Ärzte und Sozialarbeiter, die mit dem Fall Jan O. betraut waren, einig. Aber der Mann kam nicht zurecht in Freiheit, das wussten sie, und das wusste auch Jan O.

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Weil er in jüngster Zeit immer häufiger und immer drastischer gegen seine Bewährungsauflagen verstieß, versuchten Polizei und Justiz nach Informationen dieser Zeitung Jan O. „aus dem Verkehr zu ziehen“, wie es einer nennt. Sie versuchten dies, seitdem Jan O. im April 2010 die Einrichtung „Neues Land“ in Bodenfelde-Amelith verlassen musste.

Die Zeit in der Drogentherapieeinrichtung in Bodenfelde ist eine mehr oder weniger gute Zeit für Jan O. Ohne Alkohol, ohne Drogen. Als aber im Februar dieses Jahres die einjährige Therapie endet, fängt er wieder mit dem Trinken und dem Haschischrauchen an, heimlich. Die Therapieeinrichtung, in der er nun weitgehend selbstständig wohnt und arbeitet, kommt jedoch dahinter und erteilt ihm Hausverbot. Die Bewährungshelfer verschärfen die Auflagen: Ab Juli muss er sich regelmäßig in einer Göttinger Klinik melden, Urinproben abgeben, mit Psychiatern sprechen. Die Termine bei seinen Bewährungshelfern werden in immer kürzeren Abständen anberaumt. Im Sommer klappt das auch alles ganz gut, heißt es beim zuständigen Landgericht Stade. Ab September aber hält Jan O. die Termine mit den Bewährungshelfern nicht ein, geht nicht ans Telefon, wenn sie anrufen, er geht auch nicht mehr zur regelmäßigen Drogenkontrolle in die Klinik. Ein klarer Verstoß gegen die Bewährungsauflagen. Und Ende Oktober, Anfang November kommen viele weitere hinzu: Jan O. setzt fahrlässig einen Schuppen in Brand, er klaut ein Fahrrad, DVDs und einiges mehr. Er bricht in eine Garage ein, stiehlt ein Mofa, auf dem er ohne Führerschein fährt.

Die Polizisten in Uslar und Bodenfelde treffen immer wieder auf ihn. Am 5. November, dem Tag nach der fahrlässigen Brandstiftung, fragen sie bei der Strafvollstreckungskammer in Stade an, ob der ständige Verstoß gegen die Bewährungsauflagen nicht allmählich in einen Haftbefehl münden müsse. Die Kammer hat Zweifel. Alkoholkonsum und fahrlässige Inbrandsetzung eines Schuppens sind keine hinreichenden Gründe fürs Gefängnis.

Aber wegen Jan O.s zunehmenden Alkoholproblemen erwägt auch die Lüneburger Staatsanwaltschaft, die dem Stader Landgericht übergeordnet ist, Anfang November bereits ein „befristetes Wieder-in-Vollzug-Setzen“, wie die kurzfristige Unterbringung in einer Entzugseinrichtung in korrektem Amtsdeutsch heißt. Aber dazu müsste Jan O. erst einmal persönlich angehört werden. Der Termin wäre am Donnerstag gewesen. Wäre Jan O. in der Zwischenzeit nicht zum Mörder geworden und wäre er zum Termin erschienen – er säße wohl in einer geschlossenen Entzugsklinik, da ist man sich sicher.

Im Rückblick ist Jan O.s Geschichte voller „Wenns“. Und selbst die „Wenns“ führen weitere „Wenns“ mit sich: Wenn Jan O. heute nicht auf Initiative der Strafvollstreckungskammer in einer geschlossenen Einrichtung gewesen wäre, so hätte er theoretisch auch auf Wirken des Landkreises Northeim hin in einer Klinik oder in einer JVA sein können. Denn das Amtsgericht Northeim hatte ihn am 8. November, vier Tage nach dem Feuer im Schuppen, zu einer Anhörung vorgeladen. Jan O. ist erschienen und hat eingeräumt, dass er seinen Alkoholkonsum nicht mehr unter Kontrolle hat. Auch der Arzt war zugegen, der Jan O. seit Juli in der ambulanten Nachsorge betreut hat. Er sollte Auskunft darüber geben, ob von Jan O. Fremd- oder Eigengefährdung ausgehe.

Hätte die Antwort Ja gelautet, dann hätte der Landkreis Northeim Antrag auf Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt gestellt, ob es nun eine Klinik wäre oder eine Justizvollzugsanstalt. Aber der Arzt verneinte. Jan O.s Drogen- und Alkoholkonsum ließen keinerlei Rückschlüsse auf die Gefährdung seines oder des Lebens anderer zu.

Dennoch blieb man nicht tatenlos: Auch weil er selbst Bereitschaft für einen erneuten Entzug bekundet hatte, reservierte ihm der Landkreis einen Platz in einer geschlossenen Therapieeinrichtung. Aber die Wartelisten in Kliniken für Drogenabhängige sind lang. Einen konkreten Termin für die stationäre Aufnahme gab es nicht. Jan O. musste warten.

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