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Panorama Dorfbewohner erinnern an 33 verhungerte Kinder
Nachrichten Panorama Dorfbewohner erinnern an 33 verhungerte Kinder
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22:18 13.11.2009
Alfred Michaelis hat sich für den Gedenkstein auf dem Friedhof eingesetzt. Quelle: Schulte
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Michael Matunja wurde gerade drei Wochen alt. Seine ukrainische Mutter entband den gesunden Jungen am 12. Februar 1945 in der guten Stube eines Bauernhofs bei Walsrode. Die Nazis verfrachteten das Neugeborene in ein Kinderheim im nahen Dorfmark, wo es wie 32 weitere „Fremdarbeiter“-Babys innerhalb kurzer Zeit starb. „Drüsentod“, wurde als Michaels angebliche Todesursache vermerkt. Tatsächlich aber, davon sind Historiker überzeugt, sind er und seine Leidensgenossen verhungert.

Spezielle Heime für Säuglinge von meist polnischen Zwangsarbeiterinnen hat es im letzten Kriegsjahr in etlichen Landkreisen gegeben. Das erste in Niedersachsen wurde Ende 1943 in Gienau bei Lüneburg eingerichtet. Die Babys wurden von den Höfen geholt, weil ihre Mütter ungestört arbeiten sollten. Zum morgigen Volkstrauertag will der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auch an diese jungen Opfer des Nationalsozialismus erinnern. „Sie zählen zu unseren Toten dazu“, sagt der Lüneburger Bezirksgeschäftsführer Jan Effinger.

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Besonders engagiert hat das lange im Verborgenen gebliebene dunkle Kapitel der deutschen Geschichte der Heimatverein Dorfmark. Geschichtsforscher aus dem heute zu Bad Fallingbostel gehörenden Dorf stießen im Archiv des Landkreises eher zufällig auf eine Gräberliste mit den 33 Namen der Babys – die Gräber selbst waren längst eingeebnet. Besonders Vorstandsmitglied Alfred Michaelis ließ das Rätsel keine Ruhe. Er setzte sich dafür ein, dass im vergangenen November auf dem Friedhof ein Findling mit Namen, Geburts- und Sterbedaten der Kinder aufgestellt wurde. Seitdem schmücken immer wieder Menschen den Gedenkort mit Grabkerzen, Gestecken und Blumen. Michaelis hat unterdessen weitere Berichte von Zeitzeugen gesammelt. „Die Leute im Dorf wussten damals zwar, dass es das Heim gab, aber nicht, wie es dort zuging“, sagt der 68-Jährige. Nachbarn, die durch Zaun oder Fenster gucken wollten, seien verjagt worden.

Bei ihm gemeldet hat sich ein Hausmeister, der die kleinen Särge zum Friedhof bringen musste. Gemeldet hat sich auch eine Frau, die als Zwölfjährige Mütter bei Beerdigungen verzweifelt schreien hörte. Die Bestimmungen waren streng: Kein Pastor war erlaubt, keine Glocken und höchstens zwei Angehörige. Zu Lebzeiten durften die Zwangsarbeiterinnen ihre Babys nicht öfter als jeden zweiten Sonntag besuchen. Es „kümmerte“ sich eine Abteilungsleiterin der NS-Frauenschaft um jeweils bis 20 Kinder. Deren einsames Leben mit Unterernährung und Ungeziefer endete mal nach wenigen Tagen, mal nach einigen Monaten.

„Von Überlebenden ist uns nichts bekannt“, sagt Michaelis. Auch Mütter hätten nicht mehr ausfindig gemacht werden können. Der Heimatverein freue sich, wenn Zeitzeugen wenigstens zu einzelnen Kindern Persönliches erzählen. So habe sich an Michael Matunja eine Frau erinnert, auf deren elterlichem Hof der Sohn der jungen Ukrainerin und ihres russischen Freundes geboren wurde. „Das Baby wurde im Februar nach wenigen Tagen mit einem Auto abgeholt“, berichtete sie. „Im März weinte die Ukrainerin sehr, da war der Junge gestorben.“

Von Gabriele Schulte