Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Ehepaar aus Langenhagen: Wie im Titanic-Film
Nachrichten Panorama Ehepaar aus Langenhagen: Wie im Titanic-Film
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:20 16.01.2012
Ingrid und Helmut Spieck aus Langenhagen, Ueberlebende des gekenterten Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia. Quelle: Steiner
Giglio/Hannover

Das Ehepaar hat an diesem Freitag früh gegessen, im Speisesaal spielt danach als besondere Zugabe noch die Musik aus dem „Titanic“-Film. Doch ohne Grauen und gut gesättigt gehen die Spiecks auf ihre Kabine – Nummer 9217 auf Deck 9 –, schalten den Fernseher ein, machen sich gegen 22 Uhr fertig zum Schlafen. „Dann gab es einen riesigen Rums“, erinnert sich Helmut Spieck am Sonntag. „Gegenstände flogen durch die Kabine, die Badezimmertür flog auf, ein Metallpapierkorb krachte gegen die Wand. Und dann ging das Licht aus.“

Auf dem notbeleuchteten Flur trifft das Ehepaar weitere Gäste, und über Lautsprecher kommt in mehreren Sprachen der Hinweis auf ein technisches Problem, das keinen Grund zur Sorge biete. Zurück in der Kabine stellt das Ehepaar vom Balkon aus fest, dass das Schiff nur 200 Meter vor dem nächsten Hafen liegt. Die beiden warten. Die „Costa Concordia“ legt sich währenddessen immer stärker schräg.

Wie dem Ehepaar aus Langenhagen ergeht es an diesem Wochenende allen Passagieren, die eine Traumreise im Mittelmeer erwartet hatten: Acht schöne Tage unter dem Motto „Duft der Zitrusfrüchte“ haben sie gebucht – mit Stationen in Barcelona, Palma de Mallorca und Palermo. Doch die 4229 Passagiere und Besatzungsmitglieder des 290 Meter langen und 36 Meter breiten Kreuzfahrtriesen „Costa Concordia“ erleben statt einer Woche Luxus auf hoher See einen nächtlichen Albtraum vor der Küste der Toskana. Es ist übrigens Freitag, der 13. – Abergläubische mögen sich bestätigt fühlen.

Die Spiecks entscheiden gegen 23 Uhr, ihre Schwimmwesten anzuziehen, ein paar Sachen zu greifen und zu den Rettungsbooten zu gehen. „Wir waren die Ersten, es hatte ja noch keinen Alarm gegeben“, berichtet Helmut Spieck. „Dadurch bekamen wir einen Platz im ersten Boot.“ Vielen Mitreisenden ergeht es schlechter. Alle, die erst um 21 Uhr gegessen hatten, werden im Speisesaal von dem Zusammenstoß überrascht, sie müssen sich vor umherfliegendem Geschirr in Sicherheit bringen und schaffen es nicht mehr, die Rettungswesten aus den Kabinen zu holen. Nach dem späteren Alarm drängen dann plötzlich Tausende auf die Rettungsboote zu.

Manche bleiben mit voll besetzten Booten an der Reling hängen, andere müssen über Strickleitern hinabklettern. „Es war wie auf der ,Titanic‘“, sagt Helmut Spieck und schluckt hörbar. Nicht alle Passagiere hätten Platz in den Booten gefunden, viele seien im Gedränge verletzt worden. „Der Kapitän hätte den Mut haben sollen, eher zu evakuieren“, sagt Spieck, der mit seiner Frau nach wenigen Minuten im Hafen von Giglio landet.

Auf dem Kreuzfahrtschiff wächst unterdessen die Panik unter den Passagieren, viele springen ins weniger als 13 Grad kalte Wasser, die nahe Insel Giglio vor Augen. Bis zu 150 Menschen werden von Rettungsmannschaften aus dem Meer gefischt, für mindestens fünf kommt aber jede Hilfe zu spät. Und keiner weiß, wie viele im Schiff eingeschlossen bleiben.

Die übrigen Passagiere und Besatzungsmitglieder gelangen in den Rettungsbooten zur Insel. Durchgefroren und verstört lassen sich die Italiener, Spanier, Franzosen, Japaner sowie auch die mehr als 500 Deutschen retten. Die meisten, die, anders als die Spiecks, später beim Dinner waren, tragen noch ihrer Abendkleidung. Die Einwohner von Giglio empfangen alle mit überwältigender Herzlichkeit. „Die Bevölkerung hat alles spendiert, was sie hatte: Essen, Trinken, Decken, Betten. Der Pfarrer hat sogar die Decken aus dem Altarraum gebracht, um die dünn angezogenen Passagiere zu wärmen“, sagt Helmut Spieck. Jetzt erst erzählen die in Decken gehüllten Passagiere von den „Titanicfilm“-ähnlichen Szenen im Speisesaal.

„Das Essgeschirr ist von den Tischen gerutscht, und die Gläser kippten um“, berichtet Luciano Castro vom Augenblick des Zusammenstoßes, als das Licht verlöschte, und von der Panik aufgrund der rasch dramatischen Schieflage. Mütter hätten nach ihren Kindern geschrien, manchem habe Todesangst im Gesicht gestanden.

Wie konnte das passieren?

Ist es menschliches oder technisches Versagen? Havariefachleute sind schon auf dem Schiff. Im Visier der Staatsanwaltschaft ist der bereits inhaftierte Kapitän Francesco Schettino. Staatsanwalt Francesco Verusio hält ihm vor, der Insel zu nahe gekommen zu sein. Er habe, einem Schiffsbrauch üblich, die Bewohner der Insel „grüßen“ wollen. Und auch Verusio beklagt, dass viel zu spät Alarm geschlagen worden sei und der Kapitän sein Schiff zu früh verlassen habe – als die Evakuierung noch in vollem Gang war. Immerhin suchen auch gestern noch rund um das Schiff mit dem langen, klaffenden Riss an der Seite ein Dutzend Schiffe, neun Hubschrauber, Feuerwehrleute und Taucher nach Vermissten.

Die schwierige Suche bringt am Sonntag erste Erfolge: Ein koreanisches Paar in den Flitterwochen kann gerettet werden, dann ein verletzter Offizier. Aber viele werden noch vermisst.

Die Spiecks sind gut 24 Stunden nachdem sie ins Rettungsboot geklettert sind wieder in ihrer Langenhagener Wohnung. Hilfreich seien neben den herzlichen Inselbewohnern auch Mitarbeiter der deutschen Botschaft gewesen, die Hotelübernachtungen und Rückflüge organisierten, sagt Spieck. „Wir haben aber vermisst, dass auch die Reederei Costa Hilfe anbietet.“ Dass ihr Gepäck, Schmuck, Geld und Dokumente nun im Meer liegen, ist für das Ehepaar zweitrangig. Auch eine Kreuzfahrt würden sie wieder machen. Das geht anderen Passagieren indes anders. „Das war die erste Kreuzfahrt in meinem Leben“, sagte der Rheinländer Peter Honvehlmann nach der Rettung auf Giglio, „und sicherlich auch die letzte.“

Nicola Zellmer und Hans-Jochen Kaffsack

In Oyten (Kreis Verden) ist am Sonntagabend eine Großraumdisko bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Nach Angaben der Polizei wurde niemand verletzt, der Schaden könnte aber durchaus in die Millionen gehen.

16.01.2012

Nach der schweren Havarie des Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia mit 4200 Menschen an Bord erheben Experten schwere Vorwürfe gegen den Kapitän. Der 52-Jährige sei einen "absonderlichen Kurs" gefahren. Mehrere Deutsche werden noch vermisst.

16.01.2012

Eine Mutprobe hat in Stockstadt am Rhein am Samstagabend stundenlange Verzögerungen im Zugverkehr ausgelöst. Kinder waren über eine ICE-Strecke gerannt, ein Lokführer löste daraufhin bei Tempo 160 eine Notbremsung aus.

15.01.2012