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Panorama Ein Priester bricht das lange Schweigen
Nachrichten Panorama Ein Priester bricht das lange Schweigen
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20:47 15.02.2010
Von Simon Benne
„Von Kindern halte ich mich fern, da ich um die Gefährdung weiß“: Die katholische Kirche versucht, sich einem düsteren Problem zu stellen. Quelle: ap
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Wann er es bemerkt hat, kann er selbst nicht so genau sagen. „Man ahnt es, will es aber lange nicht wahrhaben“, sagt Paul Meier (Name geändert). Als Jugendlicher habe er es wohl erstmals verspürt, dieses Interesse an Jungen, meint er im Rückblick. „Aber dieses Gefühl konnte ich nicht richtig deuten.“ Heute, nach einer langen Therapie und inneren Kämpfen auf Leben und Tod, hat er Gewissheit: „Ich bin pädophil und werde es bleiben. Das lässt sich wohl nicht ändern, weder strafrechtlich noch medizinisch.“ Ein schonungsloseres Selbsturteil lässt sich kaum denken.

Paul Meier ist Priester, irgendwo in Deutschland. Pädophile Geistliche wie er haben die katholische Kirche jetzt in eine ihrer schwersten Krisen der Nachkriegszeit gestürzt: Die ersten Missbrauchsfälle wurden am Berliner Canisius-Kolleg bekannt. Inzwischen hat auch das Bistum Hildesheim in Sonntagsmessen Betroffene aufgerufen, sich zu melden, und gestern von neuen Fällen berichtet. Immer mehr Opfer brechen jahre- oder gar jahrzehntelanges Schweigen: Mal geht es um den Jesuitenpater Bernhard E., der in den siebziger Jahren in Hannover als Jugendseelsorger mindestens drei Minderjährige missbrauchte, mal um längst verstorbene Priester. Eine Frau beschuldigt Pater Peter R., sie in den neunziger Jahren belästigt zu haben. Seinerzeit wurde der Jesuit vom damaligen Bischof Josef Homeyer nach ähnlichen Beschwerden einfach in andere Gemeinden versetzt, die Pfarrer dort wurden nicht informiert.

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Allein in Hildesheim gibt es inzwischen Hinweise auf sexuelles Fehlverhalten von zehn Priestern, meist liegen die Fälle Jahrzehnte zurück. „Doch jeder einzelne Bericht erfüllt uns mit Scham und Betroffenheit“, sagt Domkapitular Heinz-Günter Bongartz, der Bistumsbeauftragte für Missbrauchsfälle. „Wir werden helfen, wo wir können.“

Peinlichkeit, Schuld und Wut bestimmen das Klima. Da ist es nicht leicht, mit Paul Meier in Verbindung zu treten. Ein direktes Gespräch stehe er psychisch nicht durch, sagt er. Erst nach langem Zögern erklärt er sich bereit, auf schriftliche Fragen zu antworten. Er sucht den Weg in die Öffentlichkeit nicht. Nicht mehr. Denn wo auch immer seine Neigung bekannt wurde, erlebte er ein Spießrutenlaufen, sagt er: „Für die meisten bleibt ein Pädophiler eine unverbesserliche Gefährdung – kein Mensch, der aus Fehlern lernen und dessen Erfahrungen man nutzen könnte.“ Selbstmitleid schwingt da nicht mit. Eher das Bedauern über eine verpasste Chance und der Ärger über die weit verbreitete Unfähigkeit, die Perspektive zu wechseln; die andere Seite zu sehen, um zu verstehen.

Vor mehreren Jahrzehnten, er war noch ein junger Priester, versuchte Paul Meier, Jungen nackt zu fotografieren. Sie lehnten ab, und weiter sei nichts geschehen, versichert er – wirklich angefasst habe er ein Kind nie. Die Jungen erzählten damals ihrem Lehrer davon, es gab eine Anzeige, die Polizei durchsuchte seine Wohnung, doch das Missbrauchsverfahren verlief im Sande. Nicht nur die Kirche war damals, Anfang der Siebziger, geübt im Wegschauen. Immerhin suspendierte der Bischof ihn für ein halbes Jahr. „Keiner meiner Vorgesetzten hat mit mir gesprochen, ich wusste nicht, was der nächste Tag bringen würde – diese Zeit war schlimmer als Knast“, sagt Meier. „Schon auf der Fahrt nach Haus habe ich nach Bäumen gesucht, gegen die ich hätte fahren können. Doch die gab es auf der Autobahn nicht.“

Paul Meier ist niemand, der versucht, Täter zu Opfern zu machen oder Opfer zu Tätern. Doch man ahnt, dass auch Pädophile sich nicht an der eigenen Pädophilie erfreuen, zumindest nicht, wenn sie sich darüber im Klaren sind, welche Konsequenzen es für die Kinder haben würde, wenn sie ihrer Neigung nachgeben würden – und für sie selbst.

Damals wurde Meier in die Gemeindearbeit zurückgeschickt, als wäre nichts geschehen. Dort blieb er – bis dann schließlich, Mitte der neunziger Jahre, eine Mitarbeiterin in seinem Büro Kinderpornobilder entdeckte und es der Kirchenleitung meldete. Sofort wurde er suspendiert. Diesmal schickte ihn sein Bischof nicht wieder in eine Gemeinde. Nicht überall und nicht immer, aber Stück für Stück doch setzte sich bei Kirchenoberen die Erkenntnis durch, dass es in solchen Fällen mit einer Versetzung in eine andere Pfarrei, zu anderen Kindern und Jugendlichen, nicht getan sei. Priester wie er wurden nun eher in Altenheime oder Krankenhäuser geschickt. Und die Kirche drängte ihn zu einer Therapie.

„Gott sei Dank habe ich eingewilligt, weil ich selbst wissen wollte, was mit mir los ist“, sagt er. Über 13 Jahre zog sich die Therapie hin, am Ende war er ein Experte in eigener Sache – und eine Art Mitarbeiter der Therapeutin. Er diskutierte mit Tätern, führte Gespräche mit Kirchenoberen, engagierte sich in einer Arbeitsgruppe gegen Missbrauch.

Meiers Geschichte ist auch eine Geschichte des Kampfes gegen sich selbst. Gegen eine Neigung, die er sich nicht ausgesucht hat. Es ist eine Geschichte der Selbsterkenntnis und der Selbstbeherrschung. „Ich habe mich durchschaut und gelernt, mit meinen Problemen umzugehen“, sagt er. „Von Kindern halte ich mich fern, da ich um die Gefährdung weiß – um ihre und um meine.“

Glaubt man Experten wie dem Psychiater Norbert Leygraf, kommt es in pädagogischen Berufen besonders häufig zu pädophilen Übergriffen. Sie ziehen Pädophile an: „Nicht, weil sie dort leichter an ihre Opfer kommen, sondern weil sie sich in der Lebenswelt von Kindern einfach zu Hause fühlen“, sagt Leygraf. Nicht der Zölibat katholischer Priester sei, wie so oft gemutmaßt, die Ursache von Pädophilie: „Der Verzicht auf Sexualität führt nicht dazu, dass die Sexualität sich ändert.“ Pädophilie entwickele sich vielmehr schon in der Jugend. Allerdings ist der Pastoraltheologe Hanspeter Heinz überzeugt, dass die zölibatäre Lebensform Menschen anzieht, die ihre sexuelle Ausrichtung verbergen wollen.

Kaum ein Verbrechen ist heute so geächtet wie Pädophilie. Auch Meier versucht nicht, seine Neigung schönzureden. Er ist der letzte, der Grund dazu hätte. Doch für ihn liegt eine Krux darin, dass mit der Pädophilie auch die Pädophilen geächtet werden: „Wer über seine Veranlagung redet, muss fürchten, für immer ,weggeschlossen’ zu werden“, sagt er. „Wieso soll ich mich dann offenbaren?“ Ohnehin gebe es in Deutschland nur eine Handvoll Therapeuten, die sich mit Tätern beschäftigten. Es gebe viele Amts-, aber wenige Vertrauenspersonen, an die Männer sich wenden können, die entdecken, dass sie seltsame Empfindungen gegenüber Kindern haben. Das alles begünstige die Verdrängung des Problems.

Dazu kommt, dass in der Kirche ohnehin oft Sprachlosigkeit herrscht beim Thema Sexualität, zumal wenn es um Priester geht. Dieses Klima erschwere es Betroffenen, sich hilfesuchend zu öffnen, sagt der Psychiater Wolfgang Weig, der in einer Kirchenkommission für Missbrauchsfälle mitarbeitet. Dabei ist Pädophilie zwar nicht heilbar, aber mit Medikamenten und Therapien doch meist zu kontrollieren.

Dennoch wäre es falsch zu glauben, in Kirchen seien sexuelle Übergriffe gegen Kinder besonders stark verbreitet: „Das wird immer behauptet, doch eine Statistik darüber gibt es nicht“, sagt Forensiker Leygraf. Nach einer Umfrage des „Spiegel“ hat es seit 1995 in deutschen Diözesen 94 Fälle von Missbrauchsverdacht gegeben. Doch in ganz Deutschland waren es in dieser Zeit 210.000 polizeilich erfasste Fälle. In Sportvereinen, Jugendgruppen – und in Familien. „Ich befürchte“, sagt Paul Meier, „dass Kindesmissbrauch in der Kirche nicht häufiger geschieht als anderswo auch.“