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15:00 21.08.2009
Natascha Kampusch drei Jahre Flucht achteinhalbjähriger 8 Gefangenschaft 21-Jährige decke Mittäter Entführer Stockholm-Syndrom
Drei Jahre nach Flucht fühlt sich Natascha Kampusch nicht frei. Quelle: afp (Archiv)
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Eigentlich will die junge Frau nichts anderes als ein ganz normales Leben. Sie will nachts in der Disko mit einem Mann tanzen, ohne am nächsten Tag ein Bild davon in der Zeitung zu sehen. Sie will auf der Straße spazieren gehen können, einfach so, ohne ständig angestarrt oder sogar beschimpft zu werden. Und sie will für ihr Abitur lernen.

In einem kürzlich veröffentlichten Bericht kommt eine Untersuchungskommission des österreichischen Innenministeriums zu dem Schluss, dass an Kampuschs Entführung womöglich mehrere Täter beteiligt waren. Sie selbst hatte stets den 44-jährigen Immobilienmakler Wolfgang Priklopil als alleinigen Kidnapper bezeichnet. Er soll das damals zehnjährige Mädchen am 2. März 1998 mit einem weißen Kastenwagen in der Nähe von Wien entführt und sie dann in einem Kellerverlies gefangen gehalten haben. Als Kampusch am 23. August 2006 die Flucht gelang, warf er sich vor einen Zug. Ein damals zwölfjähriges Mädchen will bei der Entführung aber zwei Männer in dem Kastenwagen gesehen haben. Und so spekuliert nun ganz Österreich darüber, was damals wirklich geschah.

„Es ist nicht auszuschließen, dass Natascha Kampusch bewusst die Unwahrheit sagt und jemanden deckt“, meint etwa der ehemalige Präsident des Obersten Gerichtshofs Johann Rzeszut, der Mitglied in der Untersuchungskommission ist. Womöglich werde Kampusch erpresst und sei in großer Gefahr. „Wir fürchten nichts mehr als in einigen Jahren eine Zeitungsmeldung des Inhalts: „Natascha Kampusch tot aufgefunden’ oder ’Natascha Kampusch tödlich verunglückt’“, sagte Rzeszut der Boulevardzeitung “Österreich“.

Immer wieder wird auch darüber spekuliert, dass Kampusch am sogenannten Stockholm-Syndrom leiden könnte, bei dem Opfer von Entführungen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Kidnappern aufbauen. Als Beleg für diese These gilt vielen ein Besuch Kampuschs im Haus ihres verstorbenen Entführers, das zusammen mit Priklopils Auto in ihren Besitz übergegangen ist. Der Präsident der Untersuchungskommission Ludwig Adamovich sagte der „Kronenzeitung“: „Es ist natürlich denkbar, dass diese Gefangenschaft allemal besser war als das, was sie davor erlebt hat. “ Man wisse, „dass ihre Mutter nicht gerade zärtlich mit ihr umgegangen ist“, fügte der ehemalige Präsident des Verfassungsgerichts hinzu.

Kampusch lebt mittlerweile in einer eigenen Wohnung in Wien und lernt für ihre Matura, das österreichische Abitur. Die anhaltenden Spekulationen um die Hintergründe der Tat belasten sie stark, wie sie erst diese Woche in einem Rundfunkinterview sagte. Ihrer Empfindung nach rücke sie in den Augen der Menschen immer stärker von der Opfer- in die Täterrolle. Auch drei Jahre nach der Flucht aus den Händen ihres Entführers fühle sie sich noch nicht wirklich frei.

afp