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Panorama Ein Vierteljahrhundert Warten auf Gerechtigkeit
Nachrichten Panorama Ein Vierteljahrhundert Warten auf Gerechtigkeit
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09:51 01.12.2009
Bis heute ist unklar, wieviele Menschen an der Giftgaskatastrophe starben und wieviele an den Folgen leiden. Quelle: afp (Archiv)
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Auch 25 Jahre nach der verheerenden Giftgaskatastrophe ist Bhopal Synonym für den schwersten Chemieunfall aller Zeiten. Doch bis heute fühlen sich viele in der zentralindischen Stadt von den Behörden allein gelassen.

40 Tonnen hochgiftiges Methylisocyanat (MIC) waren in der Nacht zum 3. Dezember 1984 aus einem Gastank der Fabrik entwichen, in der der US-Gigant Union Carbide Pflanzenschutzmittel für Indiens „grüne Revolution“ produzieren ließ. Laccho Bai hat den Chemieunfall überlebt. Die 51-Jährige sieht aus wie 90, ihre Augen sind von einem weißen Schleim bedeckt. Wie tausende Schicksalsgenossen wartet sie bis heute auf Unterstützung. „Die Leute kamen, notierten unseren Namen und versprachen Hilfe. Seitdem ist nichts mehr geschehen“, erzählt ihr Mann Laxmi.

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Wieviele Menschen starben, wieviele bis heute an den Folgen leiden, ist völlig unklar. Die Behörden sprechen von wenigen tausend Opfern, Amnesty International von bis zu 25.000 Toten. Zehntausende leiden immer noch - oder erst jetzt - an den Folgen.

Nach Angaben der Vereinigung „Internationale Kampagne für Gerechtigkeit in Bhopal“ erhielten rund 100.000 Menschen in den ersten Jahren eine monatliche Unterstützung von vier Dollar. Andere bekamen geringe Einmalzahlungen. Viele aber gingen leer aus - weil sie nicht nachweisen konnten, dass ihre Erkrankungen Folgen des Unfalls sind, weil Beamte die Zahlung unter dem Vorwand verweigerten, dass der Name falsch geschrieben sei, oder weil andere als angebliche Opfer das Geld kassierten, obwohl sie nachweislich nicht in Bhopal lebten.

Ursprünglich hatte die Regierung 3,3 Milliarden Dollar von Union Carbide verlangt, 1989 einigen sich beide Seiten auf 470 Millionen Dollar (zurzeit rund 316 Millionen Euro). Im Gegenzug wurden alle Strafverfolgungen gegen mögliche Verantwortliche fallengelassen. 1999 kaufte der US-Konzern Dow Chemical das stillgelegte Werk, auf dessen Gelände nach wie Tonnen giftiger Altlasten lagern. Seither steht der Chemieriese unter Druck, das Gelände zu sanieren. Dow jedoch hält das Kapitel für geschlossen.

Auch die indischen Behörden wollen von einer Sanierung nichts wissen. Der Anordnung eines Gerichts von 2004, das Gelände von Grund auf zu entgiften, kamen sie nach übereinstimmenden Angaben der Bhopal-Initiativen nur halbherzig nach. Dennoch versichern sie, die Industriebrache sei sicher. Um dem „Irrglauben“ entgegenzutreten, dass der gelagerte Giftmüll nach wie vor gefährlich ist, wollte der zuständige Minister des Bundesstaats Madhya Pradesh die Anlage pünktlich zum Jahrestag der Katastrophe für eine Woche der Öffentlichkeit zugängig machen. Nach heftigen Proteststürmen wurde der Plan verschoben.

Eine neue Studie stützt nun die Vermutung der Anrainer, dass die rund 350 Tonnen Giftmüll auf dem Gelände der einstigen Pestizid-Fabrik nach wie vor Boden und Grundwasser verseuchen und die Menschen krank machen. Für ihre Studie ließ die britische Hilfsorganisation Bhopal Medical Appeal (BMA) das Grundwasser von 15 Gemeinden rund um das Katastrophengebiet von unabhängigen Labors in Großbritannien und der Schweiz untersuchen. Die Proben wiesen teilweise noch höhere Giftkonzentrationen auf als vor Jahren - ein Zeichen, dass die Gifte zunehmend durch die Erde in das Grundwasser sickern.

Scharfe Kritik übt der Bericht an den Tests eines indischen Labors, das nur geringfügige Konzentrationen giftiger Stoffe festgestellt haben will - und das „ungeachtet der Tatsache, dass die Proben deutlich nach Lösemittel stanken“.

afp