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Panorama Ein geschundenes Land liegt wieder in Trümmern
Nachrichten Panorama Ein geschundenes Land liegt wieder in Trümmern
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23:04 13.01.2010
Trauer und Entsetzen sind in Port-au-Prince überall zu sehen. Quelle: afp
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Als der Morgen über Port-au-Prince graut, zeichnet sich das ganze Ausmaß der Tragödie ab. Kurz nach halb sechs, gut zwölf Stunden nach dem großen Beben, liegt eine dichte Staubwolke über der Millionenstadt. Nach und nach gibt sie den Blick frei auf apokalyptische Bilder. Vom Armutsviertel Cité Soleil unten am Hafen über den nahen Flughafen bis in den einige Kilometer entfernten bürgerlichen Vorort Pétionville bietet sich ein Bild der Zerstörung. Tote liegen auf den Straßen, Kinder und Erwachsene flehen in den Trümmern eingestürzter Häuser um Hilfe.

Menschen irren auf der Suche nach Hilfe blutend und weinend umher. Erste vorsichtige Schätzungen von Entwicklungshelfern und Augenzeugen sprechen von mehreren Tausend Toten. Michael Kühn, Chef der Deutschen Welthungerhilfe in Port-au-Prince, rechnet mit „einer erschreckend hohen Zahl“. Und der Regierungschef befürchtet am Abend: „Es werden mehr als hunderttausend Tote sein.“ „Es gibt sehr sehr viele Leichen, es ist wie die Apokalypse, ich schätze, dass 40 Prozent der Stadt zerstört sind“, sagt Anne-Rose Durocher nach einer Fahrt ins Stadtzentrum am Mittwochmorgen (Ortszeit). „Die wenigen Hospitäler haben keine Medikamente mehr, die Menschen sitzen auf den Straßen, verzweifelt und aggressiv“, berichtet die deutsche Geschäftsfrau, die seit Jahrzehnten in dem Karibikstaat lebt.

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Das schwerste Erdbeben seit mehr als 200 Jahren in Haiti hat weite Teile der Hauptstadt Port-au-Prince verwüstet und zehntausende Bewohner obdachlos gemacht.

Das Erdbeben der Stärke 7,1 hat am Dienstagnachmittag ein Land getroffen, das ohnehin schon am Rande des Abgrunds lebte. Haiti, das sich mit der Dominikanischen Republik die Insel Hispaniola teilt, ist der ärmste Staat der westlichen Hemisphäre und seit Jahrzehnten nur mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft überlebensfähig. Einen funktionierenden Staat gibt es nicht. Die Zwei-Millionen-Stadt Port-au-Prince gleicht einem gigantischen Armenviertel. Viele Menschen leben auf den Straßen. Selbst einfachste Funktionen wie die Müllabfuhr kann der Staat nicht sicherstellen. Das Land gleicht den ärmsten afrikanischen Staaten wie Sierra Leone sehr viel mehr als der benachbarten Dominikanischen Republik.

Die Mehrzahl der acht Millionen Haitianer hat kein festes Dach über dem Kopf und lebt in provisorischen Hütten, Bretterverschlägen oder Blechhütten. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz nimmt an, dass drei Millionen Menschen von dem Beben betroffen sind. Aus dem Landesinneren fehlt jede Nachricht. Am Nachmittag übermittelt Haitis First Lady Elisabeth Preval dem „Miami Herald“ in Florida, wo die größte haitianische Exilgemeinde lebt, einen Hilferuf: „Dies ist eine Katastrophe. Ich steige überall über Leichen. Viele Menschen sind unter den Gebäuden begraben. Wir brauchen Unterstützung. Wir brauchen Hilfe. Wir brauchen Ingenieure.“ Als die Erde in Haiti bebte, saß Astrid Nissen gerade am Computer in ihrem Büro in Juvenat, einem Stadtteil zwischen dem Zentrum und Pétionville.

Es war kurz vor 17 Uhr am Dienstagnachmittag. Nissen, Leiterin des Projektbüros Haiti der Diakonie Katastrophenhilfe, suchte umgehend mit einer Kollegin Schutz, andere Mitarbeiter rannten in Panik auf die Straße, um sich zu retten. Das Epizentrum des schwersten Bebens in 200 Jahren lag in Carrefour im Süden der Hauptstadt, kaum 15 Kilometer von Nissens Büro entfernt. „Die Erdstöße dauerten mindestens 30 Sekunden, zehn Sekunden waren heftig“, sagte die Entwicklungshelferin über das Internet-Portal Skype, unmittelbar nach dem Beben waren alle Telefonleitungen zusammengebrochen. Später versagte das Stromnetz. Das Beben ließ den schneeweißen Präsidentenpalast im Zentrum von Port-au-Prince in sich zusammensacken und die Kathedrale einstürzen. Krankenhäuser und Hotels sowie das Hauptquartier der UN-Mission Minustah in Haiti wurden zerstört.

Tausende Menschen werden vermisst. Auch die UN-Mission vermisste am Mittwoch noch immer große Teile ihres Verwaltungspersonals. Die Vereinten Nationen hatten ihr Hauptquartier im Hotel Christopher in Pétionville. Das mehrstöckige Gebäude stürzte ein und begrub eine noch unbekannte Zahl von Helfern im logistischen Zentrum der internationalen Haiti-Hilfe unter sich. Der Sonderbeauftragte von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon, Hedi Annabi, und sein Vertreter, Luiz Carlos de Costa gehören zu den Vermissten. Die Helfer versuchen, so etwas wie eine Struktur in den ersten Tag danach zu bringen.

3000 UN-Friedenssoldaten, die in und um Port-au-Prince stationiert sind, sichern nach Angaben von UN-Sprecher Martin Nesirky „den Flughafen, den Hafen und die wichtigsten Verkehrswege, damit Hilfe und Rettungsteams durchkommen“. Außerdem, fügt er hinzu, „werden sie in der Stadt patrouillieren, um die Sicherheit zu gewährleisten“. Sprich: um Gewaltausbrüche und Plündereien zu verhindern.

Rund 9000 Blauhelme, UN-Polizisten und Zivilisten sind in Haiti stationiert und versuchen seit Jahren, das von Gewalt geschüttelte Land zu stabilisieren. Die Soldaten, die zum Großteil aus Lateinamerika und Asien kommen, haben Erfahrung beim Katastropheneinsatz in dem Inselstaat. Bereits nach den Wirbelstürmen vor zwei Jahren leisteten sie Wiederaufbauarbeit. Ihre Erfolge sind weitgehend zunichte gemacht. Das schwerste Erdbeben, das es je in der Karibik gegeben hat, trifft ein Land, das sich von den jüngsten Naturkatastrophen und politischen Unruhen noch nicht ansatzweise erholt hat und einer solchen Tragödie nichts entgegenzusetzen hat.

400 Millionen Dollar pumpt die Internationale Gemeinschaft jährlich in den Überlebensfonds für Haiti. Trotzdem ist der Aufbau einer Infrastruktur, staatlicher Institutionen, einer funktionierenden Justiz und eines Gesundheitswesens längst nicht bewältigt. Wirtschaftliche Produktivität gibt es faktisch nicht – lediglich ein paar Sweatshops am Hafen, in denen die Arbeiter für Niedrigstlöhne T-Shirts und Unterhosen für amerikanische Billigketten zusammennähen. Der UN-Entwicklungsindex setzt die Inselrepublik auf Platz 149 von 182 Staaten. Schlechter geht es den Menschen nur in afrikanischen Ländern wie Liberia, Mali oder Sierra Leone. D

ie Rate der HIV-Infektionen gehört zu den höchsten weltweit, die Lebenserwartung liegt bei 53 Jahren. Jeder zweite der acht Millionen Haitianer kann nicht lesen und schreiben. Haiti hat mehr Chaos, mehr Armut, mehr Naturkatastrophen ertragen, als erträglich scheint. Jetzt ist das passiert, was in der Geschichte der einstigen Sklavenkolonie so oft passiert ist: Als sich das Schicksal gerade zu wenden schien, als das Leben gerade ein kleines bisschen besser wurde, hat eine neue Katastrophe zugeschlagen.

Von Klaus Ehringfeld

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