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Panorama Gesellschaft im Schönheitswahn
Nachrichten Panorama Gesellschaft im Schönheitswahn
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01:15 16.12.2013
Von Dany Schrader
Selten war der Druck, einem Schönheitsideal zu entsprechen, größer als jetzt. Die kurze, fröhliche Gegenbewegung zu Beginn dieses Jahrtausends ist schon wieder vorbei. Quelle: Symbolfoto
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Hannover

Die Wucht der Bilder ist so stark, dass das renommierte Oxford Lexikon den Begriff zum britischen Wort des Jahres ernannte: Selfie. Die Abkürzung steht für jene Miniselbstdarstellungen, die Internetnutzer tagtäglich mit Handykameras von sich selbst machen – im Badezimmer, an der Bushaltestelle, auf dem Schulhof. Egal, wann und wo, im Mittelpunkt steht das Selbst. Die Bilder erreichen über Internetplattformen wie Inst­agram, Twitter und Facebook ein Millionenpublikum. Jedes einzelne ist ein Blick in den Spiegel, alle skizzieren eine Gesellschaft, in der jeder sich ständig prüft: Bin ich schlank? Bin ich schön? Werde ich geliebt?

Selten war der Druck, einem Schönheitsideal zu entsprechen, größer als jetzt. Die kurze, fröhliche Gegenbewegung zu Beginn dieses Jahrtausends ist schon wieder vorbei. Da wurden auch füllige Models auf die Laufstege geschickt, die Zeitschrift „Brigitte“ ließ Modestrecken mit normalgewichtigen Frauen fotografieren, selbstbewusste Mollige warben in BH und Höschen für die Körperlotion „Dove“. Jetzt lautet die Maxime wieder: Nur schlank ist schön. Junge Frauen wetteifern im Internet um die magersten Beine, Designer buchen Models mit der Kleidergröße 0 für ihre Show und nicht einmal die neu gegründete Modelgewerkschaft wird daran etwas ändern können.

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Das Ziel, in jeder Lebenssituation gut auszusehen und vor allem dünn zu sein, ist zur Wertvorstellung geworden. Das ist wissenschaftlich belegt: „In den vergangenen Jahrzehnten ist das Idealbild der Deutschen von sich selbst immer schlanker geworden“, sagt der Attraktivitätsforscher Johannes Krause von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Schon Grundschülerinnen auf dem Pausenhof spielen „Germany’s Next Topmodel“.

Body-Mass-Index

Für die einen ist es sinnlose Zahlenspielerei, für die anderen eine Art Weltformel: Der belgische Mathematiker Adolphe Quetelet untersuchte um 1840 das Verhältnis von Körpergröße und Gewicht – und entwickelte so den noch heute gültigen Body-Mass-Index (BMI).
Um ihn zu errechnen, teilt man sein Körpergewicht (in Kilogramm) durch die Körpergröße (in Metern) zum Quadrat. Beispiel:

75 (Kilogramm) / [1,74 (Meter)²] = 24,8

Nach einer Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation gilt ein BMI zwischen 18,5 und 25 als Normalgewicht, ein BMI von mehr als 30 zeigt deutliches Übergewicht an. Diese Werte gelten für 30-Jährige, pro Lebensjahrzehnt rechnet man einen Punkt dazu; bei einer 50-Jährigen sind also bis zu 27 Punkte normal. In der Bundesrepublik liegt der BMI im Schnitt bei 25,7.

Seit einiger Zeit jedoch wird Kritik an dieser Berechnung laut: Auch Muskelmasse sorgt nämlich für ein hohes Körpergewicht, und über die Fettverteilung am Körper sagt die Formel nichts aus. Der Mathematiker Nick Trefethen von der Universität Oxford moniert zudem, dass die bisherige Berechnung oft großen Menschen vorgaukelt, zu dick zu sein, während sie kleinere schlanker erscheinen lässt, als sie sind. Er hat daher eine präzisere BMI-Berechnung entwickelt: Das Körpergewicht in Kilogramm wird mit dem Faktor 1,3 multipliziert. Das Ergebnis wird geteilt durch die Körpergröße in Metern2,5. Die BMI-Berechnung von Trefethen ist etwas komplizierter. Grob gesagt sinkt bei ihr der BMI von großen Menschen etwas, der von kleineren steigt.

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In keinem anderen Land der Welt gibt es so viele normalgewichtige Frauen wie in Deutschland. Trotzdem empfindet sich eigentlich jede von ihnen als zu dick. Unter Jugendlichen haben Internetforen wie „myskinnyplanet“ Hochkonjunktur: In den Blogs geht es darum, den pathologisch gewordenen Schlankheitswahn auf die lebensgefährliche Spitze zu treiben. Magersüchtige gelten als Perfektionisten darin, ihre Körper einer selbst choreografierten und ebenso strengen wie krankhaften Disziplin zu unterwerfen. Mitmenschen erleben sie meist als besonders ehrgeizig und zielstrebig. Und wenn der Kalorienmangel ihren Körper noch nicht bis zur Ohnmacht geschwächt hat, können sie in Schule, Universität oder Beruf beachtliche Erfolge aufweisen.

Ihre Botschaft ist, leicht abgeschwächt, längst zum moralischen Imperativ einer sich immer stärker individualisierenden Leistungsgesellschaft geworden: Nur wer schlank und schön ist, kann auch erfolgreich sein, lautet das Credo, das mit jeder Werbetafel, von der ein Bikinimodel herablächelt, bestärkt wird.

Es ist mehr als eine Werbebotschaft. Es ist Realität. Schöne Menschen haben es nicht nur leichter bei der Partnersuche, sie erhalten oft auch mehr Geld als andere. Der US-Wirtschaftswissenschaftler Daniel Hamermesh von der Universität Austin hat herausgefunden, dass als schön geltende Menschen deutlich mehr verdienen als weniger attraktive. Bis zu 140.000 Dollar (rund 100.000 Euro) kann diese Differenz in den USA auf ein ganzes Arbeitsleben gerechnet betragen.

„Schlanken Menschen werden mehr positive Eigenschaften zugeschrieben als anderen“, sagt Krause. Die viel beachtete Werbekampagne der Kosmetiklinie „Dove“ mit Frauen aller Größen, Formen und Proportionen floppte. Auch die Frauenzeitschrift „Brigitte“ kehrte nach dreijähriger Projektphase mit „echten“ Frauen statt Models in den Modestrecken zur Arbeit mit Profis zurück – unter anderem auch, weil sich die Leserinnen von makellosen „Normalen“ mehr unter Druck gesetzt fühlten als von hoch bezahlten Ausnahmeerscheinungen.

„Die Menschen wollen einen Traum, dagegen kann man nichts machen“, sagt die Münchenerin Louisa von Minckwitz, deren renommierte Agentur „Louisa Models“ von Deutschland aus Topmodels wie Julia Stegner in alle Länder der Welt vermittelt. Auch sie registriert seit einigen Jahren einen Wandel in der Branche. Vorbei sind die achtziger Jahre, in denen Topmodels wie Claudia Schiffer und Naomi Campbell Kleidergröße 36 bis 38 tragen und weibliche Rundungen haben durften. „Heute wollen die Topdesigner Kleiderständer“, sagt von Minckwitz. Kein runder Busen, kein Po darf vom Produkt ablenken. Wer auf dem Laufsteg Erfolg haben will, muss eine fast knabenhafte Figur haben – und möglichst keinen Busen.

Aber woher kommt die allgemeine Bereitschaft, sich so überzogenen Vorstellungen unterzuordnen? „Das Schönheitsideal wird uns permanent vorgesetzt: An jeder Litfaßsäule hängt ein schlankes Model im Bikini, wir sehen perfekte, optimierte und bearbeitete Menschen in den Medien, im Internet, im Fernsehen. Wir begegnen ihnen viel öfter, als wir im wirklichen Leben echten Menschen begegnen“, sagt die Berliner Psychologin Ada Borkenhagen. „Das Paradigma zur Selbstoptimierung ist zum Sozialcharakter unserer Kultur geworden, und das wird auch so bleiben.“

Wer es sich also leisten kann, ist schlank und erhält sich sein jugendliches Aussehen, so gut es geht. Wie der Luxus vom annähernd makellosen Körper erreicht wird, ist eine Frage der persönlichen Einstellung. Während die einen auf Diäten und Sport setzen, legen sich andere bereitwillig unters Messer. In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der Schönheitsoperationen verdoppelt. Das liegt zum einen an gesunkenen Preisen, aber auch am geringeren Risiko: Der technische Fortschritt ermöglicht sogenannte Lunchtime-Eingriffe wie Falten aufpolstern oder Tränensäcke glätten mal eben in der Mittagspause.

„Es gibt kaum noch eine Schauspielerin um die 50 im deutschen Fernsehen, die auch so aussieht“, sagt Borkenhagen. Schauspielerinnen wie Senta Berger und Iris Berben spielen dank ihres Aussehens Charaktere, die Jahrzehnte jünger sind als die Darstellerinnen selbst. Den Mut, offen über operative Nachhilfe zu sprechen, haben bisher nur wenige.

Reich und schön – das sind die Tugenden, an denen sich die Gesellschaft auch künftig messen wird, sagt Borkenhagen. Allerdings nicht, ohne sich neuen Moden zu unterwerfen: Borkenhagen etwa registriert in jüngster Zeit – passend zu Veggie-Day und Landlust – einen Trend zum natürlichen Aussehen. „Wir haben sozusagen den Nude-Look: Die deutsche Kultur ist geprägt von einem sehr natürlich wirkenden Schönheitsideal. Allerdings ist diese Natürlichkeit ebenfalls aufgesetzt“, sagt Borkenhagen. „Wer ihr entsprechen will, nimmt einen beigefarbenen Lippenstift, und nicht den knallroten.“

„Männliche Schönheit ist kompliziert“

Ulrich Renz, Arzt und Autor

Herr Renz, als Autor des Buches „Schönheit – eine Wissenschaft für sich“ haben Sie sich ausgiebig mit Schönheit beschäftigt. Was ist denn nun eigentlich schön?

Die Frage können Poeten oft besser beantworten als Wissenschaftler. Natürlich hat jeder seinen eigenen Geschmack, aber es gibt durchaus auch objektive Kriterien dafür, was ein Gesicht in den Augen der Mitmenschen als schön erscheinen lässt. Bei Frauen sind das kindliche Proportionen; große Augen, kleine Nase, hohe Stirn, filigranes Kinn.

Und bei Männern?

Männliche Schönheit ist komplizierter als weibliche. Je weiblicher ein weibliches Gesicht ist, umso schöner wird es. Bei Männern gilt das nicht: Eine kräftige Kinn-Kiefer-Partie etwa gilt als männlich-dominant, doch solche Faktoren müssen durch weibliche Merkmale wie große Augen oder volle Lippen gewissermaßen gebrochen werden, um ein Männergesicht attraktiv erscheinen zu lassen.

Das klingt, als wären wir unser Erbteil aus den Höhlen nie losgeworden ...

Wenn wir etwas unbewusst wahrnehmen, ist das immer ein Hinweis auf evolutionäre Wurzeln. Dabei ist bemerkenswert, dass wir Schönheit automatisch mit positiven Eigenschaften, insbesondere Vertrauenswürdigkeit, assoziieren. Große Augen etwa sind in unserer Wahrnehmung ein Merkmal für beides. Wenn Richter gut aussehende Angeklagte verurteilen, müssen sie erst einmal einen eigenen Reflex überwinden. Was die Schönheit von Gesichtern anbelangt, hatten die verschiedenen Epochen und Kulturen übrigens einen eher einheitlichen Geschmack. Beim Körperideal gibt es stärkere Unterschiede: Dass Männer heute bei Frauen tendenziell große Brüste bevorzugen, ist eher exotisch. Meist waren eher kleine Brüste, aber füllige Hüften das Ideal.

Angesichts von Schönheits-OPs, Botox und Schlankheitswahn: Leben wir in einer Zeit überbordenden Schönheitskults?

Ach, es war den Menschen immer wichtig, schön zu sein. In vielen Kulturen galt es als zivilisiert, sich vom natürlichen Körperzustand abzugrenzen. Unter Naturvölkern gibt es Ganzkörpertattoos und Nasenpflöcke, Halsverlängerungen und bewusst herbeigeführte Schädeldeformationen. Bei uns macht man vergleichbare Dinge wenigstens mit Vollnarkose.

Interview: Simon Benne

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