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Panorama Wann ist ein Mann ein Mann?
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08:00 19.11.2015
Mehr als nur ein Anzug: Auch die Männermode spiegelt das Selbstverständnis seines Trägers wider. Quelle: dpa Symbolbild
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Hannover

"Wann ist ein Mann ein Mann?", fragte Herbert Grönemeyer 1984 in seinem Song "Männer". Das Lied wurde ein Hit. Vielleicht auch deshalb, weil das Rollenbild der Männer sich in den vergangenen 100 Jahren sehr gewandelt hat. War Anfang des 20. Jahrhunderts noch klar, dass der Mann derjenige ist, der einen Beruf ausübt, seine Familie ernährt und sich am gesellschaftlichen Leben beteiligt, so stehen Männer heute vor dem Problem, für sich zu definieren, was einen Mann eigentlich ausmacht. Einen guten Überblick über die Veränderung im Rollenbild des Mannes bietet das YouTube-Video des Portals mode.com. Es zeigt zehn Herrenmodetrends von 1915 bis heute. Denn Mode war schon immer mehr als Kleidung. Es ist ein Ausdruck des Selbstverständnisses und ein Spiegel der Gesellschaft.

1915

1915 stand die Welt im Krieg. Das Zeitalter der Monarchie ging zu Ende und damit auch der strengen gesellschaftlichen Zwänge. Das spiegelt sich auch in der deutschen Männermode wider. Diese war vor allem praktisch und orientierte sich an militärischen Stilen. Die Männer begriffen sich als Soldaten und trugen deshalb meist Uniform, auch bei gesellschaftlichen Anlässen. Bei den wenigen Ausnahmen, zu denen Uniform nicht Pflicht war, zeigten sich die Männer im streng geschnittenen Anzug in gedeckten Farben. Diese stammten meist noch aus der Zeit, in der sich die Mode an Großbritannien orientiert hat. Mode wurde den Frauen überlassen. Die Männer waren der Auffassung, für sie gebe es Wichtigeres, über das nachgedacht werden müsse. Solange ein Anzug ordentlich aussehe und in gutem Zustand sei, gebe es keinen Grund, ihn nicht zu tragen. 

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Die Männermode um 1915.

Die Ballonmütze, die das Model im Video trägt, lässt auf einen amerikanischen Trend schließen. Wohlhabende trugen das Accessoire jedoch auch dort nicht, denn die Mütze war unter den Armen und den Arbeitern weit verbreitet. Der Schnurrbart des Models passt jedoch zum deutschen Stil. Kaiser Wilhelm II lehnte den bis dahin beliebten Backenbart ab und ließ sich dagegen einen Schnurrbart stehen, dessen Enden er nach oben zwirbeln ließ. Viele deutsche Männer nahmen sich an ihrem Herrscher ein Beispiel und trugen diese Art von Bart.

1925

1925 befanden sich die Menschen mitten in den Goldenen Zwanzigern. In den Städten feierten sie das Leben und das zeigte sich auch in der Mode. Nun kam auch Veränderung in die Herrenkleidung. Die Schnitte wurden weiter, die Sakkos kürzer. Zudem konnten Männer nun frei entscheiden, ob sie Ein- oder Zweireiher tragen wollten. Das spricht dafür, dass Individualität wieder stärker geschätzt wurde. Doch das vorherrschende Männerbild war das eines Gentleman.

Die Männermode um 1925.

Vor allem bei jungen Männern war auch der sogenannte Florentiner Strohhut beliebt, wegen seiner runden Form auch Kreissäge genannt. Er verlieh den Anzügen etwas Sportliches. Der moderne Mann der Zwanziger gab sich sportlich-lässig, aber immer noch vornehm.

1935

1935 waren in Deutschland die Nazis schon an der Macht, doch die Katastrophe Zweiter Weltkrieg war noch weit entfernt. In der Männermode hatte sich seit den Zwanzigern nicht viel getan, breit geschnittene Anzüge lagen immer noch im Trend, allerdings in gedeckteren Farben. Das Sportliche gewann auch in der Alltagsmode mehr Bedeutung, die Männermode orientierte sich am lässigen Stil der Chauffeure. Dazu gehörte ein breitkrempiger Hut.

Die Männermode um 1935.

Das steife Männerrollenbild wird in den Dreißigern weiter zurückgedrängt. Das Privatleben gewinnt an Bedeutung, Männer geben sich lässiger als früher.

1945

1945 ist der Krieg zu Ende und Europa liegt in Trümmern. Die Mehrheit der Menschen trägt die KLeidung auf, die ihr geblieben ist, oder funktioniert alte Militäruniformen und Zubehör zu Kleidung um. Deshalb dominieren in der frühen Nachkriegszeit auch die Farben Grau, Braun und Moosgrün die Mode. In den USA allerdings beginnt schon wieder der Trend zum Verschwenderischen. Wer etwas auf sich hält, kleidet sich wie ein Wohlhabender. Dadurch erlebt auch der Pullunder eine Hochzeit, weil er als Kleidungsstück der Golfer gilt.

Die Männermode um 1945.

In Europa kämpfen die Männer mit einer Identitätskrise. Das Kriegsende lässt sie traumatisiert zurück, ihr Daseinszweck der vergangenen sechs Jahre ist plötzlich verschwunden, dafür bleiben Bilder von Leid und Tod im Kopf. Zudem haben sich die Frauen in der Kriegszeit ein Berufsleben aufgebaut und wollen sich nicht mehr in die Rolle der Mutter und Hausfrau drängen lassen. Mode ist deshalb etwas, auf das zumindest die deutschen Männer in der frühen Nachkriegszeit wenig Wert legten.

1955

1955 ist in mehrer Hinsicht ein Jahr der Rebellion in der Männermode. Zum einen ist der Hut weg. War früher der Hut ein wichtiges Accessoire, um die Höflichkeitsformen einzuhalten und mit einem Lüpfen des Huts zu grüßen, so haben die "jungen Wilden" damit wortwörtlich nichts mehr am Hut. Die Rockabilly-Generation nahm sich ein Beispiel an Schauspieler James Dean und trug T-Shirts, Lederjacke und die Jeans, die damit von der Arbeiterhose zum beliebten Freizeitkleidungsstück avancierte. Sie stellten einen Gegenentwurf zum eleganten Business-Stil dar, der vom Dreiteiler in dezenten Farben mit auffallend gemusterten Krawatten geprägt wurde.

Die Männermode um 1955.

Auch für das Selbstverständnis der Männer waren die Fünfziger turbulent. Man genoss das Wirtschaftswunder und seine Annehmlichkeiten, doch der Begriff der Freiheit wurde wichtiger. Junge Männer fingen an, sich von der Elterngeneration abzugrenzen Je deutlicher, desto besser. Die Mode war dafür eines der beliebtesten Ausdrucksmittel.

1965

1965 kam die Farbe schließlich ganz zurück in die Modewelt. Bunte Pullover und Hosen lagen im Trend, so extravagant wie der Stil des Models im Video ging es aber selten zu. Im Alltag dominierten noch die Sakkos und neuerdings auch Männerstrickjacken. Aber auch der Rollkragenpulli in Kombination mit gemusterten Bundfaltenhosen waren in Ordnung, solange nur der Schnitt oder die Farbe zueinander passten. Im Stil orientierte man sich an der italienischen Mode, die im Vergleich zu Deutschland wesentlich extravaganter daherkam.

Die Männermode um 1965.

Auch das kann als Rebellion gegen die brave Bürgerlichkeit der Familie angesehen werden. Idole waren zum Beispiel die Beatles.

1975

1975 entsteht die zweite große Spaltung in der Männermode und sie hängt wieder maßgeblich mit der Musik zusammen, die in dieser Zeit populär ist. Da wären etwa die Hippies, deren Kleidungsstil von wilden Mustern und Farbmischungen geprägt ist. Durch die Punkbewegung kamen politische Symbole in die Mode. Das Model im Video zeigt den Stil der Discomode, die sich mit weit ausgestellten Hosenbeinen, Jeansstoffen und wild gemusterten Hemden profilierte. Dazu kamen die Nerdbrillen mit den durchsichtigen Plastikgestellen und wilde Frisuren, meist mit Dauer- oder Föhnwelle.

Die Männermode um 1975.

Musik ist ein Lebensgefühl, könnte die Überschrift für das Selbstverständnis der Männer in den Siebzigern sein. Bands und Musikrichtungen beeinflussten stark ihr Leben und ihre Ansichten, beziehungsweise verliehen die Männer durch ihren Musik- und auch Kleidungsstil ihren Überzeugungen Ausdruck.

1985

1985 spielt Musik in der Mode immer noch eine große Rolle. Und wer die Siebziger schon für schrill gehalten hatte, der wurde in den Achtzigern eines Besseren belehrt. Denn jetzt kamen Neonfarben dazu und körperbetonende Accessoires wie Netzhemden und Leggings. Das trugen auch Männer. Dazu waren entweder Cowboystiefel oder Baumwollslipper angesagt. Und auf dem Kopf trug man(n) Vokuhila oder eine Frisur mit viel Haargel. Insgesamt fiel die Mode der Achtziger sehr lässig aus.

Die Männermode um 1985.

Ein übergreifendes männliches Vorbild gibt es in den Achtzigern nicht mehr. Michael Jackson prägte die Mode genauso wie Madonna. Das gilt auch für das Selbstbild. In den Achtzigern mussten Männer nicht mehr zwangsläufig den Gentleman geben. Sie durften sich auch emotional und rebellisch zeigen.

1995

1995 orientierte sich die Mode vor allem an den verschiedenen Subkulturen der Jugend. Der grellbunte Neontrend wurde von der Techno-Szene übernommen, während der Hip Hop die Baggy-Jeans für sich beanspruchte. Auch Holzfäller- und Hawaiihemden lagen im Trend. Wer aus der Jugendzeit herausgewachsen war, trug in der Freizeit und im Büro schlicht Jeans und Hemd, das in den Bund gesteckt wurde.

Die Männermode um 1995.

Je vielfältiger die Mode- und Musikszene wurde, desto größer wurde das Identitätsproblem der Männer. Welcher Sub- oder Mainstreamkultur wollten sie sich anschließen? Denn die Subkultur bestimmte mit, wie sich die Männer zu geben hatten. Die Hip Hopper mimten etwa die harten Hunde, die Raver die wagemutigen Idealisten.

2005

2005 ging es wieder schlichter zu in der Männermode. Eine elegante Jeans gehörte für jeden modebewussten Mann in den Schrank, dazu ein lässiges Hemd, auch mit Aufdruck, das oben zwei Knöpfe offen ließ. Nieten und zerrissene Hosen waren eher in der Rock-Szene beliebt.

Die Männermode um 2005.

Es geht wieder ein Schritt zurück im Selbstverständnis. Männer begreifen sich wieder verstärkt als Gentlemen, allerdings in der Lässigkeit der Neuzeit.

2015

2015 hinterlässt das erwachte ökologische Bewusstsein seine Spuren in der Männermode. Die Hipster-Kultur mit engen, oft auch farbigen Jeans, weiten T-Shirts oder Hemden und Nerdbrille verbreitet sich. Dazu gehört für modebewusste Männer der Jute-Beutel und ein Vollbart.

Die Männermode um 2015.

Emotionen dürfen Männer jetzt ungehemmt zeigen. Aber auch Intelligenz und Kunstinteresse gelten wieder als erstrebenswerte Normen.

Isabel Christian

Der Internationale Männertag

Der karibische Inselstaat Trinidad und Tobago initiierte 1999 den Internationale Männertag. Im Mittelpunkt von Informationsveranstaltungen stehen Fragen der Männergesundheit und männliches Gesundheitsbewusstsein. Zudem geht es am International Men's Day um die Gleichberechtigung der Geschlechter sowie den Einsatz von Männern in Gesellschaft und Familie. Medizinische Themen sind Schwerpunkt des von der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit propagierten Weltmännertages am 3. November. 2015 riefen die Veranstalter Männer zu "mehr Achtsamkeit für den Lebensmotor" auf.

19.11.2015
Imre Grimm 18.11.2015
18.11.2015