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Panorama 100 Anmachen in zehn Stunden
Nachrichten Panorama 100 Anmachen in zehn Stunden
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00:16 02.11.2014
Über 100 Männer sprechen Shoshana Roberts in dem Video an. Die Protagonistin bleibt stumm. Quelle: Screenshot Youtube
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New York

New York. Es gehört zu den ureigenen Eigenschaften des Internets, dass Publikumserfolg nur schwer planbar ist, was „viral“ wird und was nicht, entzieht sich in der Regel der Kontrolle der „Content“-Lieferanten. Insofern ist der New Yorker Agentur Hollaback in dieser Woche ein Geniestreich gelungen.

16 Millionen Mal wurde der Zweiminutenclip von Hollaback in den ersten zwei Tagen angeklickt. Der Kurzfilm zeigt, wie eine attraktive junge Frau in schwarzem, hochgeschlossenem T-Shirt und dunkler Jeans durch Manhattan läuft. Ihr Freund hat mit versteckter Kamera festgehalten, wie sie sich in knapp zehn Stunden mehr als 100-mal Zurufe in den verschiedensten Graden der Zudringlichkeit gefallen lassen muss: „Hey Hübsche, jemand findet dich schön. Du solltest dankbarer sein!“ oder „Willst du nicht reden? Bin ich zu hässlich für dich?“, riefen die Männer. Und nicht nur das: Medien von den großen Kabelnetzwerken über Tageszeitungen bis hin zu Blogs und Tausende Menschen auf Twitter griffen das Thema auf.

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Der Clip traf ganz offensichtlich einen Nerv. Mehrheitlich rief er die gewünschte Reaktion hervor, man empörte sich pflichtschuldigst darüber, dass eine Frau in New York nicht einfach die Straße herunterlaufen kann, ohne angemacht zu werden. Man zeigte sich schockiert über die allgegenwärtige sexuelle Verdinglichung von Frauen. Die Betroffenheit potenzierte sich noch, als am Donnerstag bekannt wurde, dass die Darstellerin in dem Clip, Shoshana Roberts, nach der Veröffentlichung Mord- und Vergewaltigungsdrohungen erhielt.

So schrieb der „New York Times“-Kolumnist Nicholas Kristof auf seiner Facebookseite: „Das macht mich zornig. Diese Frau tut der Öffentlichkeit einen Dienst, indem sie die Belästigung von Frauen auf der Straße bloßstellt, und nun wird sie bedroht. Ich möchte einfach nur sagen: Danke und wir decken dir den Rücken.“

Allerdings gab es auch diejenigen, die dem Aufruf zur Entrüstung nicht so leicht folgen wollten. In dem Video, bemerkte etwa das Portal The Improper, sei kaum einer der Männer übertrieben aufdringlich oder aggressiv. Die Zudringlichkeiten beschränkten sich überwiegend auf Komplimente oder auf simple Kontaktversuche wie „Hallo, wie geht’s dir?“ Daher stelle sich die Frage: „Was ist denn genau ein ‘Cat-call’ - eine Anmache - und „wo ziehen wir die Linie zwischen einer freundlichen Kontaktaufnahme und einer Zudringlichkeit?“

Genau diese Frage war es wohl auch, welche die massive Reaktion auf das Video provoziert hat. Die Aktion von Hollaback deutete gezielt auf ein Problemfeld hin, auf das der klassische Feminismus gemeinhin kaum achtet. Anmache oder Flirt im öffentlichen Raum war bislang eher eine Grauzone, in der sich Sexismus nicht eindeutig festmachen ließ.

Im Zuge jenes neuen Feminismus, der sich in den USA immer stärker manifestiert, gehört dererlei jedoch eindeutig in die Kategorie sexistischen Verhaltens. Der neue Feminismus, der zuletzt gegen Vergewaltigungen an Universitäten aufbegehrte, will auf eine allgegenwärtige „Rape Culture“ aufmerksam machen, die nicht nur Frauen immer und überall zu Sexobjekten macht. Das „Catcalling“ auf der Straße gehört da eindeutig dazu.

Doch die Debatte in den USA um das „Catcall“-Video war an diesem Punkt nicht zu Ende. Aufmerksame Beobachter sahen in dem Clip auch eine rassistische Dimension. Das Portal Salon etwa bemerkte, dass die Anmacher in dem Filmchen beinahe ausschließlich schwarz und hispanisch waren, das Opfer hingegen weiß. „Geht es hier nicht viel mehr um eine Reaktion auf Gentrifizierer, die durch eine ethnische Nachbarschaft stolzieren?“, fragte deshalb die Kolumnistin.

Auch das kann man aus dem Video lesen, wenn man möchte, auch wenn die Macher betonen, eine Diskussion über Rasse lenke von dem eigentlichen Thema des Films ab. Fest steht, dass Shoshana Roberts mit ihrem Spaziergang eine formidable Projektionsfläche geliefert hat. An dem Video können sich viele mögliche gesellschaftliche Konflikte abarbeiten. Genau das, so die vielleicht wichtigste Lektion aus dem Video, ist das Rezept für eine virenhafte Verbreitung im Netz.

Von Sebastian Moll

30.10.2014
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