Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Eingeholt von der Vergangenheit
Nachrichten Panorama Eingeholt von der Vergangenheit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:02 06.10.2009
Nach der Verhaftung des Regisseurs hagelte es Proteste.
Nach der Verhaftung des Regisseurs hagelte es Proteste. Quelle: afp
Anzeige

Statt der erwarteten Ehrung für sein Lebenswerk beim Züricher Filmfestival, warteten die Polizisten und nahmen Roman Polanski vor gut zwei Wochen in der Schweiz fest. Der Vorwurf: Der Regisseur soll im März 1977 die damals 13-jährige Samantha Geimer in die Hollywoodvilla seines Freundes, des Schauspielers Jack Nicholson, eingeladen haben. Angeblich wollte Polanski Fotos für eine Modezeitschrift machen. Stattdessen soll er der 13-Jährigen Alkohol und Drogen gegeben und dann Sex mit ihr im Whirlpool gehabt haben. Polanski behauptete, das Mädchen sei einverstanden gewesen. Geimer beschuldigte ihn der Vergewaltigung.

Selbst im mildesten Fall handelte es sich um verbotenen Geschlechtsverkehr mit einem 13-jährigen Kind. Und Polanski, der Täter, war damals immerhin schon 43 Jahre alt. Dass das Delikt an sich strafwürdig ist, kann eigentlich nicht umstritten sein. Dennoch ist die Empörung in der Kulturwelt über die Verhaftung des Starregisseurs („Tanz der Vampire“, „Rosemary’s Baby“, „Chinatown“) und Oscar-Preisträgers („Der Pianist“) groß. Dabei hatte sich auch Polanski damals zumindest schuldig bekannt, mit der 13-Jährigen Sex gehabt zu haben. Aus Furcht vor einer Haftstrafe war er zunächst nach England und schließlich nach Frankreich geflohen. Er hat sich also der Justiz und damit einer Strafe entzogen. Aufgrund des Haftbefehls vermied er Reisen in die USA.

„Er wird nur deshalb verfolgt, weil er prominent ist“, echauffierte sich jetzt unter anderem Filmregisseur Volker Schlöndorff und fordert die Freilassung des 76-Jährigen. Fast entsteht der Eindruck, als werde Polanski willkürlich verfolgt. Tatsächlich gibt es einige Merkwürdigkeiten in dem Fall. Doch unter dem Strich dürften die Festnahme und die geplante Auslieferung an die USA vertretbar sein.

Die Strafwürdigkeit entfällt nicht deshalb, weil die heute 44-jährige Frau dem Täter inzwischen verziehen hat. Dies könnte zum Beispiel davon beeinflusst sein, dass Geimer in den neunziger Jahren von Polanski eventuell Geld erhalten hat, um ihren Schadensersatzanspruch zurückzuziehen. Wie jetzt bekannt wurde, hatten sich Polanski und sein Opfer 1993 auf einen Vergleich geeinigt, nachdem er ihr bis Oktober 1995 gut 500 000 Dollar zahlen würde. Nach nun veröffentlichten Dokumenten vom August 1996 hatte Polanski den mit Zinsen auf über 600 000 Dollar angewachsenen Betrag bis dahin allerdings nicht gezahlt. Ob Geimer das Geld je erhalten hat, ist offen.

Zudem hat Geimer auch ein eigenes – durchaus verständliches – Interesse am Ende des Verfahrens, denn einerseits wird sie schon durch die fortgesetzte Erinnerung an das Vergangene belastet und andererseits immer wieder auch von Medien verdächtigt, dass sie das Geschehen damals dramatisiert habe. Im Rechtsstaat kann deshalb zu Recht nur ein Gericht und nicht das Opfer über die Strafe entscheiden.

Auch auf Verjährung kann sich Polanski nicht berufen. In den USA ist die Tat nicht verjährt. Und das amerikanische Recht ist hier maßgeblich. Auch nach deutschem Strafrecht wäre die Tat, wenn man sie als Vergewaltigung qualifiziert, nicht verjährt. So wäre die Verjährung schon dadurch gehemmt, dass Polanski sich der Verurteilung durch Flucht entzogen hat. Eine absolute Verjährungsfrist wäre in Deutschland erst 40 Jahre nach der Tat, also 2017, erreicht.

Es ist zwar durchaus nachvollziehbar, dass Polanski 1977 geflohen ist, nachdem ein publicitysüchtiger Richter aus dem Verfahren einen Schauprozess machen wollte. Aber der Mann ist seit 1989 nicht mehr im Amt und 1994 sogar gestorben. Polanski würde nun vor einem anderen Richter stehen und könnte wohl auf ein faires Verfahren vertrauen. Die extrem lange Verfahrensdauer würde dabei sicher im Strafmaß berücksichtigt. Immerhin ist für diese Dauer nicht nur Polanski mit seiner Flucht verantwortlich, sondern auch die US-Justiz, die erst seit 2005 ernsthaft versucht, den Regisseur zu verhaften.

Polanski sollte deshalb die Auslieferung in die USA nicht bekämpfen, sondern auf einen baldigen Prozess mit einem milden Richter hoffen. Weder seine künstlerische Lebensleistung noch sein schweres Lebensschicksal (NS-Verfolgung, Ermordung der Ehefrau) können ihn immun machen gegen strafrechtliche Verfolgung.

Christian Rath