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Panorama Eisbär Knut aus dem Berliner Zoo ist gestorben
Nachrichten Panorama Eisbär Knut aus dem Berliner Zoo ist gestorben
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19:59 20.03.2011
Von Imre Grimm
Am Sonntag trauerten die Besucher um den berühmten Eisbären.
Am Sonntag trauerten die Besucher um den berühmten Eisbären. Quelle: dpa
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Natürlich, es ist Krieg; in Libyen, in Afghanistan. In Japan droht nach Erdbeben und Tsunami eine Kernschmelze, Tausende sind schon gestorben, in Tripolis schlachtet ein wahnsinniger Diktator sein eigenes Volk ab. Was hat da ein toter Eisbär in den Schlagzeilen zu suchen? Was ist ein verendetes Zootier gegen die großen Dramen der Welt? Und dennoch: Knut ist tot. Die Nachricht lässt die wenigsten kalt. Denn das tragische Schicksal des Berliner Eisbären ist eine besondere Geschichte in einer Welt voller schlechter Nachrichten: vom umjubelten Kinderstar und süßen Tierbaby bis zu seinem plötzlichen, traurigen Tod mit nur vier Jahren im Wassergraben des Berliner Bärenfelsens.

Knut starb, wie er gelebt hat: vor den Augen der Öffentlichkeit, vor Hunderten von Zuschauern im Berliner Zoo. Am Sonnabendnachmittag wirkt er noch ganz normal, die Frühlingssonne scheint, Knut sonnt sich auf seinem Felsen, dann dreht er sich plötzlich im Kreis. Manche Besucher lachen. Sie denken, Knut tanzt. Doch dann, um 15.22 Uhr, zuckt er kurz, sackt zur Seite und stürzt in den Graben. Luftblasen steigen an die Oberfläche. Leblos treibt er mit dem Kopf nach unten im Wasser. Knut ist tot. Im Zoo spielen sich dramatische Szenen ab: Kinder schreien „Hilfe, Hilfe!“, eine Frau wird bewusstlos, sofort sperrt der Zoo das Gehege. Erst am Sonntag wurde der 270 Kilogramm schwere Kadaver mit einem Kran geborgen.

Die Todesursache ist unklar. Eine Obduktion am heutigen Montag soll Aufschluss geben. Knut galt als gesund. 30 bis 40 Jahre alt werden Eisbären normalerweise.

Man neigt dazu, in menschlichen Kategorien zu denken, wenn es um Knut geht: Schnell ist die klassische Geschichte vom frühen Ruhm des Kinderstars im Kopf, der sich als Erwachsener nicht mehr zurechtfindet im Leben, vom zu Tode geliebten Knuddeltierchen, das als Kind eine Sensation war und als Erwachsener nur noch ein Bär unter Bären. 810 Gramm wog Knut, als er zum Weltstar wurde. Seine Mutter hatte ihn nach der Geburt am 5. Dezember 2006 verstoßen, sein Zwillingsbruder starb nach vier Tagen, und das kleine Würmchen, das sich da unter der Wärmelampe krümmte, schien kaum überlebensfähig.

Doch Pfleger Thomas Dörflein zog ihn auf, mit der Hand, mit unendlicher Geduld und Liebe und mit zerstoßenem Katzenfutter und Milch. Und dann, am 23. März 2007, tapste der kleine Eisbär holpernd und stolpernd in die Herzen von Millionen: Weltpremiere am Bärenfelsen mit Patenonkel Sigmar Gabriel. 500 Journalisten aus aller Welt sind dabei, N24 und n-tv berichten live. „Gestern filmte ich noch Krieg, und heute darf ich hier sein“, sagt ein US-Kameramann.

Die Welt diskutiert gerade über den Klimawandel, es geht viel um Zahlen und Tabellen, und dann purzelt da ein schneeweißes, reines Wesen mit unschuldigen Knopfaugen ins Scheinwerferlicht, das allen zeigt, worum es wirklich geht: um die Schöpfung, die Erde, den Lebensraum der Eisbären. Bis zu 25.000 Menschen besuchen täglich die „Knut-Show“. Knut wird zur Symbolfigur der grünen Welle, landet mit Leonardo Di Caprio auf dem US-Cover der „Vanity Fair“, auf Hunderttausenden T-Shirts, Kaffeetassen, DVDs, auf einer Sonderbriefmarke der deutschen Post. Haribo wirft Fruchtgummi-Knuts auf den Markt, Jamba verkauft Knut-Klingeltöne. Sieben Millionen Euro soll der Eisbär bis heute eingespielt haben. Das gab Streit: 430.000 Euro zahlte der Zoo Berlin an den Zoo Neumünster, der Knuts Vater Lars einst nach Berlin ausgeliehen hatte und ein Stück vom Knut-Kuchen für sich beanspruchte.

Zu Weihnachten sang ihn Dörflein mit Elvis-Hits auf der Gitarre in den Schlaf. Sie spielten Ball, sie neckten sich, sie schwammen gemeinsam. Die Liebe des Bären zum Pfleger war eine der großen Liebesgeschichten der Nullerjahre. Auch Dörflein wurde zur Kultfigur, bekam Liebesbriefe. Doch dann, 2008, starb er plötzlich an einem Herzinfarkt, mit 44 Jahren.

Knut wurde groß. Und gelb.

Aus München kam Bärendame Gianna. Sie sollte die Mutter seiner Kinder werden. Doch sie führte sich selbst mit einer krachenden Ohrfeige ein. Am 26. Oktober meldet „Bild“ den „ersten Kuss“ („JA, SIE LIEBEN SICH!“). Es wurde dann doch nichts. Gianna musste zurück, bevor Knut geschlechtsreif war. Und Knut lebte fortan als gerade Vierjähriger mit drei älteren Eisbärdamen zusammen: seiner Mutter Tosca sowie Nancy und Katjuscha, alle über 20. Sie isolierten ihn, bissen ihn, drängten ihn zur Seite. Die kanadische Eisbärenexpertin Else Poulsen kritisierte den Zoo heftig. Knuts Leben sei „monoton und grausam“, auch der frühere Peta-Aktivist und Tierrechtler Frank Albrecht sagte am Sonntag: „Die Natur hat sich nur gerächt.“ Peta meldete: „Für jeden Laien ersichtlich stand Knut unter enormem Stress.“ Er sei viel zu sehr auf Menschen fixiert gewesen. Knuts Leben – es war kurz und unglücklich.

Seine Geburt war ein Medienereignis, und auch sein Tod ging in Sekunden um die Welt: Bei Twitter verlinkten Tausende Menschen Artikel und Videos, bei Facebook versammelten sich Trauernde in Gruppen wie „R.I.P. Knut“. Medien in aller Welt berichteten, auch „Time,“ die BBC, „Vanity Fair“, der „Corriere della Sera“, die „Daily Mail“. Knut war nicht irgendein Bär. Manche Fans kamen täglich, bis zuletzt. Knut war, solange er klein war, ein Symbol für die Möglichkeit der Unschuld, für die Idee eines Neubeginns bei Null, eine schneeweiße Folie für allerhand Sehnsüchte.

Vielleicht starb der meistgeliebte Bär der Welt wirklich an Einsamkeit, niemand weiß das und wird das je wissen. „Der alte Bär ist tot und sein Käfig leer“, sang einst Reinhard Mey. Ein Besucher im Zoo in Berlin sagte am Sonntag: „Jetzt ist er bei seinem ,Papa‘ Thomas auf einer Wolke und nuckelt an seiner Hand.“

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