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Panorama Elbhochwasser sinkt - Existenzängste an der Oder
Nachrichten Panorama Elbhochwasser sinkt - Existenzängste an der Oder
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12:42 25.01.2011
Überall an der Elbe sinken die Pegelstände - auch im niedersächsischen Hitzacker. Quelle: dpa
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Das Elbhochwasser ist in der Nacht zum Dienstag in ganz Deutschland gesunken. In Bleckede in Niedersachsen stopften Helfer Sickerstellen in einem Deich. Dort war am Montagabend ein Teil der Böschung abgerutscht, wie Harald Fichtner von der Einsatzleitung berichtete. Drahtgitter, Planen und Sandsäcke sollen den Deich festigen. Damit der aufquellende Boden nicht die Fahrbahndecke nach oben drückt, wurden auch rund 200 Tonnen eines Mineralgemischs verteilt. „Es funktioniert alles gut, die Deiche halten“, berichtete Fichtner.

Auch an anderen Orten entlang der Elbe, etwa in Mecklenburg- Vorpommern, Brandenburg und Schleswig-Holstein, blieben befürchtete Probleme aus. Von vielen Pegeln wurden fallende Wasserstände berichtet - manchmal sogar mehrere Zentimeter pro Stunde.

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Tendenz fallend, hieß es auch in Geesthacht in Schleswig-Holstein. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes lag der Pegel dort bei 6,41 Meter. Für Hohnstorf bei Lauenburg wurden 9,01 Meter gemeldet. Das waren 21 Zentimeter weniger als in der Nacht zuvor, als die Elbe ihren Höchststand erreicht hatte. Normalerweise liegt der Pegelstand der Elbe in Lauenburg bei 4,80 Meter.

Am Pegel Wittenberge in Brandenburg wurde ein Wasserstand von 6,72 Metern gemessen. Stündlich wurden ein bis drei Zentimeter weniger gemeldet. Es gilt in dem Abschnitt weiter die höchste Alarmstufe 4. Alarmstufe 3 kann ab 6,30 Meter aufwärts ausgerufen werden.

Oderbruch östlich von Berlin gleicht seit einem halben Jahr einer Seenlandschaft

Stille Verzweiflung herrscht allerdings im Oderbruch östlich von Berlin. Angesichts tausender Hektar überfluteter Flächen haben sich manche Menschen in ihr Schicksal ergeben, andere bangen um ihre Existenz. Die Region an der polnischen Grenze gleicht seit etwa einem halben Jahr einer Seenlandschaft. Die Landesregierung will jetzt einen Sonderbeauftragten für die Region einsetzen.

Auf die Frage, ob auch Gorgast im Oderbruch stark vom Binnenhochwasser betroffen sei, kann die Verkäuferin in der Bäckerei nur lachen: „Fragen Sie lieber, wer kein Wasser im Keller hat!“ Pumpen sind im Baumarkt längst ausverkauft - aber wer das dreckige Wasser aus dem Haus befördert, merkt, dass es unterirdisch wieder nachfließt. Ines Tomczek erhält jeden Morgen einen guten Überblick über die Stimmung im Ort. Die Leute kaufen bei ihr Frühstücksbrötchen und tauschen am Tresen Informationen über Wasserstände und Wetterprognosen aus.

„Manchmal wird einem das zu viel, man ist ja selber auch betroffen. Aber besonders die alten Leute haben so viel Angst, die müssen einfach darüber reden.“ Auch bei ihr selbst ziehe die Nässe hoch in die Wohnräume, es stinke und Schimmel drohe. Tomczek sagt, sie sei überzeugt davon, dass viele Einwohner versuchen würden, aus der Region nahe der polnischen Grenze fortzuziehen. „Die Versicherung zahlt nicht für Wasser von unten und hier hat jeder zweite keine Arbeit. Von was soll man sich denn neu einrichten?“

Die Verkäuferin erzählt ihre Geschichte ganz ruhig - und auch sonst sucht man im versinkenden Oderbruch vergebens Anzeichen von Panik. Hinter dem Ort Podelzig beginnt dieses Reich des Wassers, in dem sich rechts und links der Straße tiefe Seen ausbreiten. Bei den Menschen ist eine Art stoischer Durchhaltewillen zu spüren.

Selbst bei in ihrer Existenz bedrohten Bauern wie Dirk Wegner, der im „Cüstriner Landgut“ in Küstrin-Kietz den Bereich Landwirtschaft leitet. Etwa 400.000 Euro Schaden seien bislang entstanden, wie sein Chef, Bernd Kutzke, ausgerechnet habe. Mehr als die Hälfte seiner 1200 Hektar Ackerfläche stehe unter Wasser - kein Feld kann betreten werden. „Vielleicht hätten wir doch öfter in die Kirche gehen sollen?“, fragt Wegner.

Tiefe Fahrrinnen zeugen noch von dem vergeblichen Versuch, mit gemieteten Spezialfahrzeugen wenigstens einen Teil der Felder zu bestellen. Die Putenmast habe der Betrieb aus Mangel an verwertbarem Stroh schon so gut wie eingestellt. „Wir haben Felder, auf denen seit August pausenlos Wasser steht.“ Versunken ist die Koppel, auf der die Rinder des Gutes normalerweise weiden.

Planen könne der Betrieb derzeit überhaupt nicht. Die Existenz sei bedroht, auch wenn jetzt Bagger einen Entlastungsgraben ziehen sollen. „Uns rennt die Zeit davon“, sagt Wegner. Schon im Februar müsste er eigentlich Felder für die Aussaat vorbereiten. Dass bis dahin alles abgeflossen und getrocknet sein könnte, daran glaubt er nicht.

Auch wenn überdurchschnittlich viele Regenfälle in den vergangenen beiden Jahren die Situation verschlimmert haben - viele Menschen schauen verärgert ins ferne Potsdam. „Wurde doch seit Jahren nichts gemacht hier an den Gräben“, sagt ein Rentner in Manschnow. Dass sich daran in Zukunft etwas ändern wird, denkt er nicht. „Bei der Regierung doch nicht!“

Dabei hatte doch erst Ende vergangener Woche der Landrat von Märkisch-Oderland, Gernot Schmidt (SPD), das Engagement des Landes gelobt. Die Regierung will einen Sonderbeauftragten einsetzen. Er soll eine enge Abstimmung zwischen Land, Kreis und Gemeinden sicherstellen und Schmidt beraten. In dieser Woche soll der neue Beauftragte benannt werden. Das Land hatte zudem 13 Millionen Euro für die Verbesserung der Abflussverhältnisse zugesagt, der Gewässer- und Deichverband Oderbruch soll jährlich 1,3 Millionen Euro für die Gewässer- und Deichunterhaltung bekommen.

Doch zunächst heißt es für die rund 20.000 Menschen im Oderbruch vor allem: warten.

dpa

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