Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Eltern des toten Babys Lara Mia vor Gericht
Nachrichten Panorama Eltern des toten Babys Lara Mia vor Gericht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:26 10.06.2010
Der neun Monate alte Säugling Lara Mia war am 11. März 2009 tot in der Wohnung der Eltern gefunden worden. Quelle: dpa (Archiv)
Anzeige

Sie wirken so schmächtig und klein, beinahe kindlich. Von hinten, vom Zuschauerraum des Saals 337 im Hamburger Landgericht, sind schmale Schultern in Kapuzenpullis zu sehen. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass die junge Frau und ihr früherer Lebensgefährte selbst schon Eltern waren. Eltern, unter deren Obhut die kleine Lara Mia in Hamburg starb, im Alter von nur neun Monaten. Das Baby war völlig abgemagert und ausgezehrt. Nach dem quälenden Tod der Kleinen stehen die 19-jährige Mutter und ihr drei Jahre älterer Ex-Freund seit Donnerstag vor Gericht.

Nur wenige Minuten braucht die Staatsanwältin, um die Anklage zu verlesen. Um also das vorzutragen, was dem kleinen Mädchen aus Sicht der Ermittlungsbehörde über Monate hinweg angetan wurde. Die Mutter und ihr früherer Partner - sie wohnten damals zusammen in Hamburg-Wilhelmsburg - sollen Lara Mia nicht mehr genug gefüttert haben, seitdem sie fünf Monate alt war. Auch als der Säugling immer schwächer wurde und laut Anklage „erkennbar lebensbedrohlich unterernährt“ war, hätten sie keinen Arzt geholt: „Das Schicksal des Kindes war ihnen vielmehr gleichgültig geworden.“

Anzeige

Im Juristendeutsch heißt das: Versuchter Totschlag durch Unterlassen. Misshandlung Schutzbefohlener. Verletzung der Fürsorgepflicht. Gefährliche Körperverletzung. Als der Vorsitzende Richter den Angeklagten fragt, ob er sich zu den Vorwürfen äußern will, sagt dieser ins Mikrofon: „Ich verzichte.“ Seine frühere Freundin erklärt nur: „Auch nicht.“ Während sie allerdings im gesamten Verfahren schweigen will, kündigt der Verteidiger des 22- Jährigen an, der junge Mann werde im Laufe des Prozesses Angaben machen.

Der Anwalt selbst nutzt den ersten Verhandlungstag für harsche Kritik an der Gestaltung des Verfahrens. „Auf der Anklagebank sitzen nicht alle Personen, gegen die die Staatsanwaltschaft Schuldvorwürfe erhebt“, klagt er. Schließlich hat die Behörde auch eine Sozialarbeiterin angeklagt, die Mutter und Baby seit April 2008 betreut hatte. Die Pädagogin soll sich wegen fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen vor dem Amtsgericht Harburg verantworten - wann, ist bisher unklar.

Die Mitarbeiterin des Rauhen Hauses - eines Trägers der Jugendhilfe - hatte die Familie zuletzt am 3. März 2009 besucht. Und befunden, das Kind sei wohlauf. Am 11. März 2009 wurde Lara Mia tot auf dem Boden des Schlafzimmers gefunden. „Hier werden zwei Prozesse geführt, wo einer zu führen wäre“, bemängelt der Verteidiger. Aus seiner Sicht hätten die Verfahren verbunden werden sollen - „um auf jeden Fall zu vermeiden, dass mit zweierlei Maß gemessen wird“.

Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers ist „verwundert“ über dieses Ansinnen. „Den Angeklagten wird ein Verbrechen vorgeworfen, der Betreuerin ein Vergehen - das sind erhebliche Unterschiede. Dadurch wäre ein Schieflage in einem gemeinsamen Prozess entstanden.“ Außerdem hätten in erster Linie die Mutter und ihr damaliger Lebensgefährte die Verantwortung für das Kind gehabt: „Die Betreuerin diente nur als eingezogenes Netz.“

Auf deren Rat, den Rat einer „Berufsbetreuerin“, sich der 22-Jährige aber möglicherweise verlassen habe, kontert der Verteidiger nach dem kurzen Prozessauftakt auf dem Gerichtsflur. Der junge Mann sei „bis in die Grundfesten verunsichert“, weil er nicht mehr wisse, woran er sich orientieren solle. „Er hat ein Jahr hinter sich, das man sich schlimmer nicht vorstellen kann.“ Er ringe mit sich, warum er nicht gegen den Rat der Mutter und möglicherweise auch der Betreuerin „in anderer Weise aktiv geworden ist“, sagt der Anwalt. „Mein Mandant wird von Selbstvorwürfen gequält.“

Über Lara Mias Mutter dagegen, die angeklagte 19-Jährige, erfährt man zunächst nichts. Die zierliche Frau mit den langen dunkelblonden Haaren versteckt ihr Gesicht so lange unter einem karierten Kapuzenpulli, bis keine Fotografen und Kameraleute mehr im Gerichtssaal sind. Ihr Verteidiger fordert, die Öffentlichkeit von dem Prozess auszuschließen. Die Staatsanwaltschaft will das nicht. Es gehe doch um „schwere Verbrechensvorwürfe“, betont Möllers, und um den „Tod eines unschuldigen Kleinkinds“. Das Gericht will bis zum nächsten Prozesstag am Dienstag über den Antrag entscheiden.

dpa