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Panorama „Er wollte für sie der Einzige sein“
Nachrichten Panorama „Er wollte für sie der Einzige sein“
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22:27 01.02.2010
Der Angeklagte schützt sich mit einem Aktenordner vor den Kameras: Thomas H. neben Anwältin Susanne Tölke vor der Urteilsverkündung. Quelle: dpa
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Stade. Die Szene ist voller Symbolkraft: Thomas H. hält sich einen Aktenordner vors Gesicht, um sich vor den Fotografen zu schützen. Dabei überführen ihn die darin enthaltenen Akten einer Tat, die im deutschen Strafrecht mit der Höchststrafe geahndet wird. Sobald die Fotografen den Schwurgerichtssaal des Landgerichts Cuxhaven verlassen haben, verkündet der Vorsitzende Richter Behrend Appelkamp auch schon, wie diese Strafe ausfällt: lebenslang.

Es begann mit einem Flirt im Internet und endete mit einem tödlichen Beziehungsdrama, das ganz Deutschland erschütterte. In der Nacht zum 26. August 2009 erstach der 30 Jahre alte Gabelstaplerfahrer Thomas H. aus Peine auf einem Campingplatz in Cuxhaven aus enttäuschter Liebe zwei junge Frauen: seine frühere Partnerin Nadine T. und deren Freundin Anne G., die beide aus Winsen/Aller stammen, 27 Jahre alt waren und Urlaub an der Nordsee machten.

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Sie schliefen, als H. in ihr Wohnmobil eindrang. Als Nadine T. nach etwa einer Stunde erwachte und H. ihr seine Liebe gestehen wollte, habe sie ihn als „sexuellen Versager“ und „blöden Ossi“ beschimpft, berichtete der aus Dresden stammende Angeklagte dem Gericht. Daraufhin habe er „wie im Rausch“ auf Nadine T. eingestochen und kurz darauf auch deren Freundin mit dem Messer attackiert, die ebenfalls aufgewacht war. Die Schwerverletzte flüchtete daraufhin aus dem Campingwagen und weckte mit lauten Hilferufen zahlreiche Campingplatzbewohner, konnte jedoch nicht ihr Leben retten. H. holte sie ein.

Das Gericht wertete die erste Tat als Totschlag, die zweite als Mord. Denn im Falle Anne G., so das Gericht, handelte der Angeklagte nicht nur aus seiner rauschhaften Empörung heraus, sondern beseitigte ganz gezielt eine Tatzeugin.

Der Mann in der Kapuzenjacke, der während der vorangegangenen Prozesstage viel geweint hat, wirkt wie versteinert, als Richter Appelkamp das Urteil begründet und die Liebesgeschichte nachzeichnet, die so tragisch endete. Schon nach wenigen Monaten war die Beziehung zerbrochen, weil Nadine T. sich von ihrem eifersüchtigen Freund eingeengt und kontrolliert gefühlt hatte. „Er wollte für sie der Einzige sein“, sagt der Richter. H. habe hinter seiner Freundin herspioniert und sogar das Passwort ihres Computers geknackt, um zu erfahren, zu wem sie Kontakt hatte. Nadine T. machte daher Schluss. „Sie war von dem Angeklagten erheblich genervt“, stellt Appelkamp fest. Doch H. habe sie immer weiter bedrängt – zunächst mit anonymen Anrufen und schließlich, als er in jener Augustnacht mit dem Auto von Peine nach Cuxhaven fuhr, um sie zur Rede zu stellen.

Der Angeklagte schließt die Augen, als wollte er von all dem nichts mehr hören. Bis zu dem tödlichen Beziehungsdrama galt Thomas H. als ruhig, war noch nie durch eine Gewalttat aufgefallen und auch nicht in anderer Weise vorbestraft. „Ich war unfähig, nachzudenken und aufzuhören“, sagte er vor Gericht. Immer wieder beteuerte er, wie er die Tat bereue und erklärte sich zudem bereit, den Eltern und Geschwistern der Getöteten 100 000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen.

Seine Verteidigerin Susanne Tölke setzte unterdessen alles daran, die Bluttat als Affekthandlung im Ausnahmezustand einzustufen und plädierte in beiden Fällen auf Totschlag. Doch der psychiatrische Gutachter sah es anders: „Keine typische Affekttat, keine Bewusstseinsstörung, voll schuldfähig“, lautete der Befund. Schwer belastet wurde der Angeklagte vor allem dadurch, dass er aus Peine gleich ein Küchenmesser mitgebracht hatte – angeblich um die Reifen seiner Ex-Freundin zu durchstechen und ihr dann Pannenhilfe anzubieten. Da H. in früheren Vernehmungen aber schon ganz andere Erklärungen gegeben hatte, bezweifelte das Gericht diese Version und folgte in vollem Umfang dem Plädoyer des Staatsanwalts. Die Verteidigerin des Verurteilten ließ offen, ob sie Revision beantragt.

Die Eltern und Geschwister der beiden Getöteten, die dem Angeklagten als Nebenkläger gegenüber saßen, atmeten auf, als der Richter das Strafmaß verkündete. „Die Familien sind erleichtert“, sagte ihr Rechtsanwalt Steffen Hörning danach der Presse. „Sie können jetzt endlich in Ruhe mit der Trauerarbeit beginnen.“

Heinrich Thies