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Panorama Erneut Schneechaos in Deutschland
Nachrichten Panorama Erneut Schneechaos in Deutschland
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14:36 30.01.2010
Quelle: dpa
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Wintermärchen mit Schattenseiten: Bis zu 40 Zentimeter Neuschnee und gewaltige Schneeverwehungen haben die Fahrt mit Auto und Bahn vor allem im Nordosten Deutschlands am Sonnabend streckenweise unmöglich gemacht. In Mecklenburg-Vorpommern, wo mittlerweile mehr Schnee liegt als in Bayern, hingen seit der Nacht dutzende Autos in den Schneemassen fest - ohne Aussicht auf Hilfe, da Räumfahrzeuge und Abschleppdienste nicht mehr durchkamen. Bundesweit gab es hunderte wetterbedingte Unfälle, obwohl die Räumdienste im Dauereinsatz waren. Mindestens drei Menschen starben. Etliche Autobahnen mussten zeitweise gesperrt werden, nachdem Lastwagen verunglückt oder an Steigungen liegen geblieben waren.

Die Bahn stellte den Verkehr auf vielen Strecken komplett ein, Ersatzverkehr gab es nicht. Betroffen war auch der Fernverkehr: Die IC-Züge auf der Strecke Schwerin-Rostock-Stralsund fielen aus, die aus Hamburg endeten in Schwerin.

Neues Chaos auf Straßen und Schienen könnte es schon am Dienstag geben: Dem Deutschen Wetterdienst (DWD) zufolge zieht bereits ein weiteres Tief mit anhaltendem Schneefall heran. „Eine flächendeckende Schneemenge, die so lange hält, hatten wir das letzte Mal im Winter 1978/79“, sagte die DWD-Meteorologin Dorothea Paetzold.

Viele Menschen waren am Freitagabend und in der folgenden Nacht von den gewaltigen Mengen Neuschnee überrascht worden, die Tief „Keziban“ binnen kürzester Zeit verteilte. Allein in Nordrhein- Westfalen zählte die Polizei bis zum Morgen 300 wetterbedingte Unfälle, auf der A61 bei Bedburg starb ein Autofahrer. Der 32-Jährige sei wahrscheinlich überfahren worden, als er nach einem Unfall aus seinem Auto stieg, hieß es. Bei weiteren Unfällen wurden mehrere Menschen schwer verletzt. Der entstandene Schaden wurde auf mehr als 1,3 Millionen Euro geschätzt. In Overath verlor der Fahrer eines Linienbusses die Kontrolle über den Wagen, krachte gegen parkende Autos und rutschte auf eine Wiese. Die 20 Fahrgäste blieben unverletzt. In der Aachener Region schlitterten zwei Autofahrer in Streifenwagen, die zu Unfällen gerufen worden waren.

Auch in Bayern gab es etliche Unfälle, mindestens zwei Menschen kamen ums Leben. Beide Fahrer waren mit entgegenkommenden Autos zusammengestoßen. Vereiste Nebenstrecken mussten komplett gesperrt werden, Gefahrguttransporter wurden gebeten, den nächsten Rastplatz anzusteuern. Auf den Autobahnen kam es zu Staus und Sperrungen. Am Münchner Airport normalisierte sich der Flugverkehr am Sonnabend nach rund 30 wetterbedingten Ausfällen und 160 Verspätungen am Vorabend.

In Mecklenburg-Vorpommern steckten auf Bundesstraßen mindestens 70 Autos fest, teilte das Lagezentrum des Innenministeriums mit. In Steinhagen fielen 43 Zentimeter Neuschnee. Dort liegt die weiße Pracht mehr als einen Meter hoch, meldete der Deutsche Wetterdienst am Sonnabendmittag. Rekordschneehöhen wurden auch in Boitzenburg (50 Zentimeter) und Gross Lüsewitz (39 Zentimeter) gemessen.

Bis zu 110 Stundenkilometer schnelle Böen türmten den Neuschnee zu mehrere Meter hohen Hügeln auf. Die Autobahn 20 war am Morgen an mehreren Stellen gesperrt. In Rostock sei der öffentliche Nahverkehr eingestellt worden. Am Vormittag wurde die Rügenbrücke geschlossen. Die betroffenen Landkreise richteten Krisenstäbe ein. Die Menschen wurden aufgefordert, ihr Auto nur in dringenden Fällen zu benutzen. „Die Leute sollen bloß zu Hause bleiben“, warnten Polizisten.

Für die Fans des FC Hansa Rostock gab es ohnehin keinen Grund mehr zum Rausgehen: Das für 13 Uhr angesetzte Fußballspiel der 2. Bundesliga gegen den 1. FC Union Berlin wurde abgesagt. „Wir haben hier 30 Zentimeter Neuschnee und Sturm. Der Platz ist unbespielbar“, sagte Hansa-Pressesprecher Karsten Lehmann. In Nordvorpommern ging auf den meisten Straßen nichts mehr, selbst Fahrzeuge des Winterdienstes fuhren sich fest. Feststeckende Autofahrer baten bei der Polizei um Hilfe. „Aber das geht gerade nicht. Das kann Stunden dauern, bis die Hilfe eintrifft“, sagte ein Polizeisprecher. Ähnlich drastisch sah die Lage im Nordwesten Brandenburgs aus.

Zum Verhängnis wurden Schnee und Glätte auch etlichen Fußgängern. Allein in Hamburg kam die Feuerwehr dutzenden Gestürzten zu Hilfe, mehrere von ihnen hatten Knochenbrüche. In Hamburg und Schleswig- Holstein rollten Autos und Busse im Schneckentempo umher, einige Buslinien wurden eingestellt. Auch bei der Bahn gab es Probleme. So verkehrten am Vormittag zwischen Lübeck und Bad Kleinen keine Züge, auch zwischen Kiel und Husum ging zeitweise nichts mehr.

Das ganz große Chaos blieb nach Angaben der Polizeilagezentren in Hamburg und Kiel zunächst aus. Bei Unfällen blieb es meist bei Blechschäden. Auf der A7 und der A21 sorgten Lkw-Unfälle für Behinderungen. Auf Fehmarn waren einige kleinere Straßen wegen Schneeverwehungen nicht befahrbar. „Das ist eine kleine ’Daisy’“, kommentierte Fehmarns Bürgermeister Otto-Uwe Schmiedt die Situation auf der Ostseeinsel. Es gebe 25 Zentimeter Neuschnee. „So schlimm wie bei ’Daisy’ vor drei Wochen ist es aber nicht.“

dpa