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Panorama Erotische Landvermessung in Stuttgart
Nachrichten Panorama Erotische Landvermessung in Stuttgart
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12:10 23.04.2012
„Bordellsteuer“ für sexuelle Dienstleistungen.
„Bordellsteuer“ heißt das neue Projekt. Quelle: dpa
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Stuttgart

In Russland  zahlen Bartträger, in Preußen zahlten einst Perückenträger und Jungfrauen – selbst Streichhölzer und Spielkarten kosteten schon extra: Was neue Steuern angeht, war der Erfindungsreichtum von Eintreibern seit jeher groß. In Stuttgart werden städtische Mitarbeiter bald mit dem Zollstock unterwegs sein. „Bordellsteuer“ heißt das neue Projekt, und es stellt die Mitarbeiter der Stadtverwaltung vor eine echte Herausforderung. Denn das „horizontale Gewerbe“ ist nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen. „Rote Laternen wären bei manchen Räumen nicht schlecht“, sagt der zuständige Abteilungsleiter Rolf Kiener.

Abkassiert wird künftig für alle Flächen, die dem „erotischen Vergnügen“ dienen, erklärt der Fachmann. Und das sind nicht mehr nur Striplokale und Sexkinos, sondern eben auch Bordelle und kleinste Ein-Frau-Etablissements. Wo es mit „Anbahnung und Vollzug“ zur Sache geht, sind laut Kiener zehn Euro pro Monat und Quadratmeter fällig. Reine Theken, Toiletten und Büros bleiben außen vor – trotzdem kommt da schnell was zusammen. 150 Quadratmeter Vergnügungsfläche kosten demnach 18.000 Euro im Jahr. Und selbst ein Räumchen mit 17 Quadratmetern summiert sich auf gut 2000 Euro. „Begeisterung löst das nicht aus“, räumt Kiener ein.

Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg hatte im Februar 2011 entschieden, dass der Betreiber eines Bordells zur Vergnügungssteuer herangezogen werden kann. Allerdings sind die Anlaufstationen für lustvolle Stunden bisweilen schwer zu finden. Das Internet wird für die Stadt zur wertvollen Quelle. Doch: „Das erste Problem war ja, dass solche Seiten für uns als städtische Mitarbeiter ja eigentlich gesperrt sind“, berichtet Kiener. Mit der Sondergenehmigung kamen dann die großen Augen: „Es ist erstaunlich, was es da so alles gibt.“

Wer den städtischen Mitarbeitern einmal aufgefallen ist, bekommt zunächst Post. Weist er seine Sexflächen nicht freiwillig mit maßstabsgerechtem Grundrissplan nach, wird vermessen. Die Mitarbeiter gehen immer zu zweit, schon aus Sicherheitsgründen. Um peinliche Momente zu vermeiden, wird der Besuch vorher angekündigt. „Man will ja nicht da rein müssen, wenn der Betrieb läuft“, sagt Kiener.

14,5 Milliarden Euro werden nach Schätzungen von Schwester Lea Ackermann, Chefin des Frauenhilfevereins Solwodi, deutschland weit mit Sex umgesetzt. Keine Kleinigkeit. Hochrechnungen zu den möglichen Steuereinnahmen in Stuttgart hat Kiener noch nicht. „Wir sind noch ziemlich am Anfang.“

Stuttgart ist nicht die erste deutsche Stadt, die eine Sexsteuer erhebt. Auch in klammen Kommunen wie Oberhausen und Köln muss die Branche für sexuelle Dienstleistungen bezahlen, seitdem die allgemeine Vergnügungssteuer auch in der Welt der käuflichen Liebe zur Anwendung kommt. Köln nimmt auf diese Weise rund 850.000 Euro pro Jahr ein. Neu ist in Stuttgart freilich die Berechnungsgrundlage rein nach der Fläche. So akribisch wie im Ländle gehen die Beamten nirgendwo anders vor.

dpa/kas

23.04.2012
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