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Panorama „Es kann alles ganz schnell anders kommen“ - Käßmann über Glaube und Zukunft
Nachrichten Panorama „Es kann alles ganz schnell anders kommen“ - Käßmann über Glaube und Zukunft
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22:49 20.06.2010
„Scheitern gehört zum christlichen Menschenbild“: Margot Käßmann. Quelle: Nancy Heusel
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Ende August gehen Sie für vier Monate an eine US-Universität. Werden Sie ungeduldig, sich neuen Aufgaben zu stellen?
Ja, das muss ich zugeben. Zwar waren die letzten Wochen sehr ausgefüllt, ich habe viele Briefe beantwortet, inzwischen auch wieder Vorträge und Gottesdienste gehalten. Aber ich freue mich auf die Emory-Universität in Atlanta.

Was machen Sie in den USA?
Die Emory-Universität hat eines der besten Luther-Archive weltweit. Ich will forschen, aber auch selbst Vorträge halten.

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Was vermissen Sie, seit Sie alle kirchlichen Leitungsämter niedergelegt haben?
Was ich besonders vermisse aus dem Leben einer Landesbischöfin sind die Festgottesdienste: volle Kirchen, fröhliche Menschen, festliche Musik. Auf der anderen Seite genieße ich eine neue Freiheit. Leitende Ämter ziehen ein sehr enges Zeitdiktat nach sich. Hinzu kommt die zeitintensive Arbeit in kirchlichen Gremien – die vermisse ich überhaupt nicht.

Kaum war Horst Köhler zurückgetreten, da hat die SPD Niedersachsen Sie als Präsidentin vorgeschlagen. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie das hörten?
Im Moment will ich lieber drei Schritte aus der Öffentlichkeit zurücktreten. Und das Amt der Bundespräsidentin erfordert eine enorme öffentliche Präsenz und Verantwortung.

Nun konkurrieren Joachim Gauck und Christian Wulff. Wen bevorzugen Sie?
Es sind beides gute Kandidaten für das Amt, gerade auch aus kirchlicher Sicht. Das ist doch erfreulich.

Stichwort Afghanistan: Jetzt sagt auch Verteidigungsminister zu Guttenberg, Sie hätten mit Ihrer umstrittenen Neujahrspredigt eine wichtige Diskussion angestoßen. Eine späte Bestätigung für Sie?
Natürlich freut mich das. Und ich würde diese Predigt jederzeit wiederholen, das habe ich immer gesagt. Dass die Kirche zum Frieden ruft, ist doch überhaupt nicht überraschend.

Hat Sie die Kritik damals getroffen? Unter anderem wurden Ihnen politische Einmischung und Naivität vorgeworfen.
Kirche muss politisch sein. Und ich habe von Anfang an den Afghanistan-Einsatz kritisiert. Plötzlich, nachdem ich Ratsvorsitzende geworden war, löste das einen Aufschrei aus, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Das hat mich damals irritiert, manches hat mich auch verletzt. Heute sage ich: Das war gut so!

Der Verteidigungsminister hat ein Aussetzen der Wehrpflicht vorgeschlagen. Auch der Wandel zur Berufsarmee wird diskutiert. Der richtige Weg?
Ich denke ja: Unter den jetzigen Umständen macht eine Freiwilligenarmee wesentlich mehr Sinn. Wenn von den jungen Männern weniger als die Hälfte Wehr- oder Zivildienst leisten, kann von Wehrgerechtigkeit keine Rede mehr sein. Dass die Hälfte eines Jahrgangs wehruntauglich sein soll, ist doch merkwürdig.

Ohne Wehrpflicht kein Zivildienst – wie soll das Sozialsystem ohne die jungen Männer auskommen?
Sechs Monate Zivildienst sind für einen sinnvollen Einsatz ohnehin zu kurz. Bis sich ein Zivi eingearbeitet hat, ist er schon wieder weg. Für mich kommt als Ausweg nur infrage, Freiwilligendienste zu stärken und mehr Vollzeitstellen zu schaffen.

Sie sagen, Kirche muss politisch sein, ein Wächteramt wahrnehmen. Das sehen viele anders: Kernaufgaben seien Seelsorge und Verkündigung. Was entgegnen Sie?
Dass das eine nicht ohne das andere geht. Kirche muss natürlich vor allem verkündigen, woran sie glaubt. Ich bin aber überzeugt, dass christlicher Glauben nicht verkündet werden kann, ohne auch über politische Auswirkungen zu sprechen. In der Bibel steht „Der Fremdling, der unter euch wohnt, den sollst du schützen“. Ein Christ kann also nicht tatenlos zusehen, wenn Asylsuchende abgeschoben werden.

Wie sollte Kirche angesichts von Mitgliederrückgang und Einnahmeschwund in die Zukunft gehen?
Es ist unsere Aufgabe, einer sterbenden Frau die Hand zu halten, auch wenn sich das ökonomisch nicht rechnen lässt. Die Kirche darf sich nicht in ökonomische Zwänge drücken lassen und nur noch auf Zahlen fixiert sein. Auch wenn nur 15 Gottesdienstbesucher in der Kirche waren, macht das Sinn. Jesus ist gekreuzigt worden und gestorben, und das war auf den ersten Blick der totale Misserfolg. Aber genau dadurch ist neues Leben geweckt worden. Eine Kirche darf nun wirklich keine Angst vor Veränderung haben. Auch die Institution Kirche braucht Glaubenszuversicht.

Sie werden wegen Ihrer öffentlichen Präsenz als „Popstar der Protestanten“ bezeichnet. Wie erklären Sie sich das?
Erklären kann ich das nicht, und ich fände es auch falsch, wenn es so wäre. Die Kirche braucht viele Gesichter. Nach lutherischem Amtsverständnis kann es nicht eine Person geben, die sich abhebt. Gleichzeitig gibt es in der Mediengesellschaft eine Sehnsucht, sich mit jemandem zu identifizieren. In den Briefen und Mails, die ich bekomme, nehme ich wahr, wie viele Menschen in ihrem Leben Brüche kennen. Die meisten versuchen, sie zu verbergen. Vielleicht tragen mein Eingeständnis von Versagen und mein Umgang mit Brüchen im Leben, mit meiner Krebserkrankung, dem Scheitern meiner Ehe und dem Rücktritt, dazu bei, dass die Menschen sich mit mir identifizieren.

Fällt es heutzutage schwerer, Scheitern als Teil des Lebens zu akzeptieren?
Ja, ich denke schon. Aber jeder versagt hier oder da, und wird trotzdem von Gott geliebt. Nicht jeder kann „Germany’s Next Topmodel“ sein oder bei „Deutschland sucht den Superstar“ gewinnen. Die meisten bleiben auf der Strecke. Das entspricht dem christlichen Menschenbild, in dem das Scheitern inbegriffen ist.

Wird Ihre Popularität für die Amtskirche nicht ein Problem, weil Sie zeigt, woran es ihr fehlt – nämlich an Glaubwürdigkeit und Herzenswärme?
Die Amtskirche muss aufpassen, dass sie nicht so wahrgenommen wird wie eine bürokratische Behörde. Die Kirche wird immer auch davon leben, dass es Kantiges und nicht Eingliederbares gibt. Persönlich möchte ich mich auf keinen Fall gegen die Institution Kirche ausspielen lassen oder einen Dissidentenstatus haben. Ich habe eine große Liebe zu dieser Kirche, und ich sehe mich auch weiter in ihrem Dienst und nicht irgendwo daneben.

Was wartet auf Sie, wenn Sie im Dezember aus den USA zurückkehren?
Was müsste die neue Aufgabe bieten? Ich wünsche mir, dass ich meine Erfahrungen in die Kirche einbringen kann und gleichzeitig ein Stück Freiheit behalte. Ich möchte ein Stück von den ständigen Anforderungen zurücktreten, die mein Leben in den vergangenen elf Jahren bestimmt haben.

Sie waren mehr als zehn Jahre Landesbischöfin. Was wünschen Sie sich für die nächsten zehn Jahre in Ihrem Leben? In den vergangenen Monaten habe ich gelernt, nicht mehr auf zehn Jahre zu planen. Es kann alles ganz schnell ganz anders kommen. Innerhalb von zehn Minuten und durch eine rote Ampel kann sich ein ganzer Lebensentwurf ändern.

Interview: Ulrike Milhahn, Karsten Frerichs