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Panorama Europas jüngstes Frühchen wird fünf
Nachrichten Panorama Europas jüngstes Frühchen wird fünf
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09:16 07.11.2015
Ein (fast) ganz normales Mädchen: Friedas Mutter ist glücklich, dass ihre Tochter sich so gut entwickelt. Quelle: dpa
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Fulda

Als sie entbunden wurde, war Frieda nur 26 Zentimeter groß und wog 
460 Gramm. Damit war die Kleine so lang wie ein Schuh in der Größe 41 und noch nicht einmal halb so schwer wie ein Paket Zucker. Normalerweise haben solch extrem unreifen Neugeborenen fast keine Überlebenschance – und später auch keine gute Perspektive. Aber Frieda ist ein Phänomen. Sie stellt Prognosen auf den Kopf. „Sie hat sich toll entwickelt. Die Erleichterung ist riesengroß“, sagt Friedas Mutter Yvonne (38), die den Nachnamen ihrer Familie nicht in der Zeitung lesen möchte.
Und Frieda? Die freut sich heute auf ihren ganz speziellen Tag mit Freunden, Schokoladenkuchen und Geschenken. „Ich wünsche mir ein Puppenhaus“, sagt sie mit zarter Stimme. Zierlich wirkt das Mädchen noch immer. Es ist nur einen knappen Meter groß und mittlerweile 12,5 Kilogramm schwer. Sie selbst stört das wenig, die Kleine strahlt. Sie ist fröhlich und kontaktfreudig. Wenn sie mit ihrer Mutter „Mensch ärgere Dich nicht!“ spielt, ist Frieda engagiert und zielstrebig. Wenn sie malt, wirkt sie konzentriert und ganz bei sich. Die Dankbarkeit, dass sich ihr Kind aufgrund der Frühgeburt nicht zu einem Pflegefall entwickelt hat, ist Mutter Yvonne anzumerken. Denn nicht selten tragen extrem unreife Frühchen dauerhafte Schäden davon. Lunge, Darm, aber auch Gehör und Netzhaut können geschädigt sein. Es drohen Hirnblutungen und bleibende Behinderungen.
Frieda aber geht es gut. Sie besucht seit einem Jahr die Regelgruppe eines Kindergartens in der Nähe von Fulda. „Sie nimmt sogar am Kurs ,English for Kids’ teil und ist sehr musikalisch. ,Ihr Kinderlein, kommet’ singt sie das ganze Jahr“, erzählt die Mutter und lacht. Doch ganz sorgenfrei ist die 38-Jährige nicht. Ihre fünfjährige Tochter muss sich wegen Essstörungen manchmal übergeben. „Dann merkt sie nicht, wenn sie genug hat“, erklärt Yvonne. „Auch die Motorik ist bei Frieda nicht so geschmeidig. Wenn sie hüpft oder rennt, sieht es etwas staksig aus. Und zum Fahrradfahren fehlt ihr noch die Kraft. Dafür ist sie kognitiv sehr weit, hat eine gute Auffassungsgabe.“ Der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Fulda, Reinald Repp, teilt die Beobachtungen der Mutter. „Frieda ist ein kleines Wunder. Körperlich hat sie zwar Nachholbedarf, aber es geht stetig bergauf. Bei Tests kann sie mit Normalgeborenen mithalten. Sie ist an allem interessiert und spricht sehr gut.“
Ob sich Friedas erstaunlich positive Entwicklung fortsetzt, sei schwer zu sagen, erklärt Repp. Es gebe zu wenig wissenschaftliche Erkenntnisse über den Lebensweg von extrem unreifen Frühchen. „Sie hat eine gute Prognose, aber keine Garantie.“
Eine Prognose wagt auch Professor Wolfgang Göpel aus Lübeck in solchen Fällen nicht. Er ist Mitglied der Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin und sagt: „Man kann die Entwicklung über viele Jahre oft nicht prognostizieren und keine verlässlichen Aussagen treffen, etwa über die Rahmenbedingungen für eine Schullaufbahn.“ Die Frühchen-Medizin verbessere sich in Deutschland stetig, sagt Repp. „Die Chancen für die Kinder werden jedes Jahr besser und die Komplikationen weniger.“
Extrem junge Frühchen kommen in Deutschland immer mal wieder zur Welt. Die kleine Paulina Emily wurde 2011 in Greifswald in der 23. Schwangerschaftswoche mit 490 Gramm und 27 Zentimetern geboren. In Rostock kam im selben Jahr ein Frühchen in der 23. Schwangerschaftswoche mit 33 Zentimetern und 650 Gramm zur Welt. In Dortmund überlebte ein Frühchen mit einem Geburtsgewicht von lediglich 280 Gramm, etwas schwerer als ein Päckchen Butter.
Wenn Frieda heute feiert, wird aber auch Trauer mitschwingen. Denn Friedas Zwillingsbruder schaffte es nicht, am Leben zu bleiben. Kilian starb sechs Wochen nach der Entbindung an Herz- und Darmproblemen. Wer Kilian war – davon hat sich Frieda ihr ganz eigenes Bild gemacht. Sie sagt, sie habe mit ihm in Mamas Bauch gekuschelt.

Von Jörn Perske

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